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200. Geburtstag von Thoreau : Früh am Morgen ein Schluck kondensierter Wolke

Die Natur sich selbst überlassen

Weiter noch führt die Lektüre der erstmals ins Deutsche übersetzten, bei Jung und Jung erschienenen Reiseerzählung „Ktaadn“, die durch Emersons Essay ergänzt wird und in der Thoreau die Besteigung des höchsten Berges von Maine beschreibt. Sicher, zunächst muss man sich über viele Buchseiten durch die übergenau geschilderte Anfahrt mit Eisenbahn, Dampfschiff und Pferdewagen kämpfen, wobei man berücksichtigen sollte, dass viele von Thoreaus Reiseberichten aus Vorträgen heraus entstanden sind, die eine bestimmte Form der Leserführung voraussetzten. Dann aber – der Ktaadn ist zum Großteil erklommen – wird es richtig dicht, auch wenn Thoreau und seine Begleiter auf nichts weiter als einen Schwarm Bachforellen in einem klaren Fluss stoßen. An dieser Stelle aber zeigt sich die Tiefe von Thoreaus Naturwahrnehmung. Er vergleicht die Forellen zunächst mit „leuchtenden flussgeborenen Blumen“ und setzt zu einem herrlich überdrehten inneren Monolog an, der mit den Worten „Gott allein weiß warum (sie) so schön gemacht wurden, um dort zu schwimmen!“ endet.

Thoreau gibt vor, endlich zu begreifen, „welche Wahrheit in den Mythen, den Sagen des Proteus und all jener schönen Meeresungeheuer steckte“, er fühlt sich in die archaische Welt der antiken Dichter versetzt und schließt mit der Einschätzung, die Forellen-Szene gehorche „himmlischen Zwecken“ – hier haben wir ihn wieder, den Himmelsvergleich. Thoreau träumt dann sogar von den Forellen, wähnt sich in einem Märchen. Stärker als in dieser Reiseerzählung kann man Natur kaum mythologisch verzaubern. Aber es graust Thoreau auch vor ihr, vor allem auf dem Gipfel des unbehausten Bergs: „Hier war Natur etwas Wildes und Schreckliches, trotzdem Schönes“, schreibt er in auffälliger Übereinstimmung mit Kants Erhabenheitsbegriff. Dann wieder scheint er sich dort oben nur mit Humor behelfen zu können. So vergleicht er die Felsenreihe auf einem Nebenhügel mit einer grasenden Herde, die „felsiges Futter wiederkäut“, oder spricht davon, zur Erfrischung am Morgen „einen Schluck kondensierter Wolke“ zu sich genommen zu haben.

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Am stärksten aber bleibt nach all der Jubiläumslektüre ein von vielen Zeitgenossen erstaunlich beiläufig überliefertes Bild zurück, das den als unverstellt gepriesenen Thoreau paradoxerweise als großen Versteller zeigt. In einem Tümpel stehend oder auf einem Fels sitzend verharrt er so lange in absoluter Regungslosigkeit, bis die Tiere, die er eben noch unwillentlich verscheucht hat, wieder aus ihrem Versteck hervor und in seine nächste Nähe kommen. Vielleicht ist das der wahrste Thoreau. Er, der für so vieles, von der Natur- bis zur Bürgerrechtsbewegung vereinnahmt wurde, nimmt sich vollkommen zurück, um durch teilnehmende Beobachtung und deren gewissenhafte Schilderung die Natur selbst zur Geltung kommen zu lassen.

Doch ausgerechnet in diesem Punkt hat sich unsere heutige Zeit wohl am weitesten von Thoreau entfernt. Es dominiert eine Lustlosigkeit, sich mit der Natur im Detail auseinanderzusetzen. Im Vergleich zu Thoreau wissen wir einfach zu wenig von der Natur, dieses Gefühl hatten schon seine Zeitgenossen. Wer aber würde einen Waldspaziergang mit Thoreau ausschlagen, um mit ihm über die Natur zu staunen?

Literatur

Henry David Thoreau: „Ktaadn“. Mit einem Essay von Ralph Waldo Emerson. Aus dem Englischen. Englisch übersetzt und hrsg. von Alexander Pechmann. Verlag Jung und Jung, Salzburg/Wien 2017. 160 S., geb., 20,– €.

Susan Cheever: „American Bloomsbury“. Ein Leben zwischen Liebe, Inspiration und Natursehnsucht. Henry David Thoreau, Louisa May Alcott, Ralph Waldo Emerson, Margaret Fuller und Nathaniel Hawthorne. Aus dem Englischen von Ebba D. Drolshagen. Insel Verlag, Berlin 2017. 288 S., geb., 24,– €.

Frank Schäfer: „Henry David Thoreau“. Waldgänger und Rebell. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 253 S., br., 16,95 €.

Henry David Thoreau: „Tagebuch II (Wasser und Feuer)“. Aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt. Mit einem Nachwort von Holger Teschke. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2017. 377 S., geb., 26,90 €.

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