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200. Geburtstag von Thoreau : Früh am Morgen ein Schluck kondensierter Wolke

Zwischen abgeklärtem Bescheidwissertum und Küchenpsychologie

Insgesamt aber erweist sich die Jubiläums-Bücherparade doch als etwas enttäuschend. Viel Neues über Thoreau erfährt man in den beiden Monographien nicht. Schäfer und Cheever schmücken aus, reihen über weite Strecken die gleichen Anekdoten und Interpretationen aneinander, wobei beide an den Kapitelenden dazu neigen, recht reißerische Cliffhanger zu setzen, als bedürfe es solcher Anreize und halte ausgerechnet das Leben des passionierten Zuhausebleibers Thoreau noch unzählige Spannungsmomente bereit. Nur in zwei Fragen sind die beiden fast gegenteiliger Ansicht. „War Thoreau homosexuell?“, lautet die eine, „Ist Thoreaus Bewunderung für den Sklavereigegner John Brown entschuldbar, der seine Position mit Mord und Totschlag durchzusetzen versuchte?“, ist die andere, weitaus gewichtigere. Wobei beide Argumentationslinien auf zu schmaler Materialbasis ruhen, als dass der Leser geneigt wäre, sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen.

Während Frank Schäfer eine Haltung des abgeklärten Bescheidwissers pflegt („Hier zeigt sich einmal mehr, wie sich idealistische Schwärmerei und Realität vertragen. Überhaupt nicht.“) und auch die Küchenpsychologie nicht scheut („Er fordert zu viel von sich und seinen Mitmenschen“), zitiert Cheever an den entscheidenden Stellen gerne aus anerkannter Sekundärliteratur, ohne die dazugehörigen Begründungen mitzuliefern. An den besten Stellen ihres Buches gelingt es Cheever jedoch, den Leser in die freigeistige Stimmung von Concords großer Zeit hineinzuziehen – was eine dankbare Aufgabe ist, wenn etwa Nathaniel Hawthorne und der „Yankee-Platon“ Emerson um dieselbe Frau werben.

Briefmarke zu Ehren Thoreaus

Was Schäfer und Cheever bedauerlicherweise nicht einmal im Ansatz vertiefend zu erklären versuchen, ist der von beiden häufig verwendete Begriff des Transzendentalismus. Dabei hätte es gerade das Interesse vieler deutscher Leser ansprechen können, wie sich der Begriff genau zu Kants Philosophie, zum Deismus eines Barthold Hinrich Brockes – viele Naturbeobachtungen Thoreaus erinnern an ihn – oder zum Pantheismus und Symboldenken Goethes verhält. Sowohl Emerson, der offenbar kurzzeitig in Göttingen studiert hatte, als auch seine Freundin, die Journalistin und frühe Feministin Margaret Fuller, waren mit Goethe durchaus vertraut. Und Thoreau, für den dasselbe gilt, zitiert sogar schon in seinem allerersten Tagebucheintrag von 1837 ein deutsches Sprichwort. Bemerkenswert auch, dass die Eltern der eingangs zitierten Louisa May Alcott, hartgesottene Reformpädagogen, die es fertigbrachten, in zwanzig Jahren zwanzig Mal umzuziehen, neben Sokrates eine Büste Schillers in ihrem beweglichen Hausstand mitführten.

Fehlende Beschäftigung mit Thoreaus stilistischem Können

Und noch eines bleibt in beiden Büchern unterbelichtet, denn wäre es nicht an der Zeit, sich eingehender mit Thoreaus Stil und seiner Beschreibungskunst zu beschäftigen? Emerson geht bereits in seinem Essay einen guten Schritt voran, indem er am Schluss desselben die bemerkenswertesten Aphorismen Thoreaus aus den damals noch unveröffentlichten Manuskripten zusammentrug und zu der Schlussfolgerung kam: „Seine Rätsel sind lesenswert, und ich vertraue darauf, dass sie wohlüberlegt sind, auch wenn ich nicht immer die Lösung finde.“

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