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Hörbuch von Yasmina Reza : Ein gewisses Trallala

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Sie weiß am besten, wie auf einer Bühne mit sich selbst zu sprechen ist: Yasmina Reza. Bild: Pascal Victor

Vom Ausprobieren der inneren Stimme: Yasmina Rezas Monolog einer gealterten Schauspielerin wird zum Hörtheater.

          3 Min.

          Wer spielt in Tschechows „Drei Schwestern“? Anne-Marie Mille. Wer gibt die Angélique in Molières „Der eingebildete Kranke“? „Anne-Marie Mille. Anne-Marie Mille, großartig!“ Einst sprang der Name auf Theaterzetteln ins Auge, so die Wunscherinnerung, obwohl er meist ziemlich weit unten stand. Jetzt dringt er nur noch ins Ohr, beschwörend wiederholt von einer Schauspielerin, die längst abgetreten und vergessen ist. Aus der nordfranzösischen Provinz Saint-Sourd hatte sie es in ein Pariser Vorstadttheater geschafft, doch letztlich blieb sie Mittelmaß. Insgeheim weiß sie das, aber wer gesteht sich das schon gerne ein? Trotzig beharrt sie gegenüber ihren wohl bloß eingebildeten Interviewpartnern auf der Formel: „Ich hatte ein glückliches Leben, wissen Sie?“

          Monologe zeichnen sich aus durch die Suggestion von Einsamkeit. Auf dem Theater werden sie nur vom Publikum belauscht. „Bin ich allein?“ – fragt Lessings Marwood – „Kann ich unbemerkt einmal Atem schöpfen und die Muskeln des Gesichts in ihre natürliche Lage fahren lassen?“ Eigentlich wäre das eine Gelegenheit, einmal ehrlich zu sich selbst zu sein. Vorausgesetzt, die lebenslang gespielten Rollen und das entworfene Selbstbild sind nicht so stark, dass sie nicht undurchdringlich sind. Aus dieser Spannung bezieht der Altersmonolog von Anne-Marie Mille seine Kraft.

          Zwischen Illusion und Depression 

          Verfasst hat ihn die Schauspielerin Yasmina Reza, die noch dazu den Titel „erfolgreichste Dramatikerin der Welt“ trägt. Sie weiß am besten, wie auf einer Bühne mit sich selbst zu sprechen ist, selbst wenn die Fragen der angesprochenen Madame, Mademoiselle oder eines Monsieurs bloß imaginär sind.

          Yasmina Reza: „Anne-Marie die Schönheit“.
          Yasmina Reza: „Anne-Marie die Schönheit“. : Bild: Verlag Hörbuch Hamburg

          Der zwischen Eigenruhm und Selbstzweifel, Illusion und Depression schwankenden Anne-Marie verleiht die 1938 geborene Schauspielerin Elisabeth Schwarz – Synchronstimme von Meryl Streep oder Geraldine Chaplin – eine sehr überzeugende Interpretation. Anne-Maries Tiraden gegen den Ordnungszwang ihres langweiligen Ehemanns, gegen die Entmündigungsversuche des „Mistfinks“ von Sohn oder die „Psycho-Mätzchen“ irgendwelcher Therapeuten gibt Schwarz einen energisch krächzenden Ton. Wehmütig hingegen klingen die Einsicht in mangelnde Schönheit oder das Bekenntnis zur Sentimentalität, obwohl Anne-Marie sich für unsentimental hält. Der Diagnose erhöhten Blutdrucks ihres Arztes begegnet sie empört und der Aussicht aufs Sterben abgeklärt: „Liegen darf man da, wo ich herkomme, erst wenn man in der Kiste liegt.“

          Ein sprunghaft assoziativer Erinnerungsstrom 

          Trotz so ironischer und lässiger Sprüche wünscht Anne-Marie sich nichts so sehr wie die „universelle Gelassenheit“ von Giselle Fayolle, ihrer gerade verstorbenen Freundin, ihrem Vorbild, ihrer Konkurrentin. Diese Gigi war wirklich schön und talentiert, während Anne-Marie lediglich Bilder von Brigitte Bardot zur Selbstbespiegelung ausschnitt und von der Mutter hören musste, sie sehe nicht gut genug aus für den Schauspielberuf, sei unbegabt und ohne innere Berufung. Gigi bekam die großen Rollen, ohne die Stücke je ganz gelesen zu haben. Die Männer liefen ihr in Scharen hinterher, sie tat, was ihr gerade passte.

          Erst dirigierte sie das Leben liegend aus dem Bett, später spielte sie auf der Bühne „liegend, mit einer Miene, als ob ihr alles egal wäre“. Gigi gibt dem sprunghaft assoziativen Erinnerungsstrom einen roten Faden. „Auf der Bühne bleibt nichts von einem zurück“, weiß Anne-Marie, weil es der Bühne völlig gleichgültig ist, wer auf ihr spielt. Ein Andenken, mit dem sie Giselle Fayolle lebendig erhält, wird ihr selbst nicht zuteil. Der eigene innere Monolog muss das ersetzen.

          Niemand entgeht dem Alter

          Ausgelöst werden die Lebensrückblicke durch die Beerdigung ihrer bewunderten und beneideten Freundin. Es ist zwar „nicht der ganz große Bahnhof, aber doch ein gewisses Trallala“. Eine Schar von Enkeln, die Anne-Marie auch gerne gehabt hätte, ist gekommen. Daneben auch ein wenig Prominenz. Denn Gigi schaffte es sogar in Fernsehserien und erhielt den Ordre des Arts et des Lettres.

          Doch vor dem Altern war sie dadurch auch nicht gefeit. Nach einem Sturz mit hochhackigen Schuhen braucht sie einen Toilettenaufsatz wie Anne-Marie eine Krücke wegen der Titanprothesen im Knie. Beide verbergen ihre Hilfsmittel gern im Schrank, die beharrlich zunehmenden Einschränkungen lassen sich so aber nicht leugnen. Gigi kann irgendwann ihre Bluse nicht mehr selbst zuknöpfen, klagt über alles und unterhält sich ein wenig mit Geistern. Und Anne-Marie braucht im Laden inzwischen Hilfe für Waren ganz unten oder oben, ertappt sich mit Ofenhandschuhen beim Griff in den Kühlschrank oder bei Gesten, die sie an ihrer Mutter stets störten. Vor allem probiert sie aber ihre innere Stimme aus, betet ganz leise zu einem Gott, an den sie eigentlich überhaupt nicht glaubt.

          Das Altern hebt alle Unterschiede auf, „die Welt ist auf die banalsten Dinge zusammengeschrumpft“. Das gilt auch für das scheinbar so viel glanzvollere Leben der Giselle Fayolle. Nach der Bestattung sieht Anne-Marie ganz zufällig den Grabstein von Prosper Ginot auf dem Friedhof. Er pflanzte ihr einst mit seiner Truppe die Theaterleidenschaft ein. Jetzt hat er sich wie alle anderen – Gigi, ihr Ehemann, Arzt und Agent – aus dem Staub gemacht. Anne-Marie wird ihnen bald folgen. Banal ist das nur in dem einen Sinne, dass es uns alle betrifft. Yasmina Reza, die stets spöttische Beobachterin des Allzumenschlichen, führt an diese unbequeme Lebensweisheit heran. Entgehen kann ihr niemand.

          Yasmina Reza: „Anne-Marie die Schönheit“. Gelesen von Elisabeth Schwarz. Verlag Hörbuch Hamburg, Hamburg 2020. 2 CDs, 82 Min., 16,– €.

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