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Patti Smith : Ein vertrautes Schwindelgefühl

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Ihr erweitertes Wohnzimmer seit Jahrzehnten: Patti Smith in New York, hier 1971 im Chelsea Hotel Bild: Getty

Die Geschichte eines Mädchens, dessen einziger Wunsch es ist, Erstaunen hervorzurufen: Patti Smith ergründet in „Hingabe“, was das Ziel der Kunst ist.

          Der grüne Luftballon, den sie am St. Patrick’s Day auf einem ihrer Spaziergänge durchs East Village fotografiert hat. Die alte Ausgabe von Virginia Woolfs „The Moment“, die sie zufällig in einem Antiquariat entdeckte. Narzissen und Bäume im Central Park. Ein zerknittertes T-Shirt, der Brand von Notre-Dame. Ein Schnappschuss, der sie auf der Bühne der Webster Hall zeigt, des historischen Konzertsaals. Das unscharfe, noch irgendwie schlaftrunkene Foto von den mit weißen Laken verhängten Fenstern, das sie gleich nach dem Aufwachen in ihrem kleinen Haus in Rockaway gemacht hat: Wer Patti Smith Tag für Tag auf Instagram folgt, spinnt sich allmählich in die Atmosphäre ihres Lebens ein und gibt sich einem Gefühl der Nähe und Verbundenheit hin, dessen intime Stimmung zwischen den Zeilen ihres neuen Buchs nachschwingt und den Leser ins Vertrauen eines stillen und sehr persönlichen Zwiegesprächs mit der Autorin zu ziehen scheint.

          Wenn Smith zu Beginn des Buchs die schwarzweißen Bilder von Martti Heldes „Risttuules – In the Crosswind“ beschreibt, die sie beim Erwachen vor sich sieht, und in Gedanken abermals die Menschenkette der im Frühjahr 1941 von Stalins Truppen zusammengetriebenen Estländer an sich vorbeiziehen lässt, von deren Schicksal der Film des estnischen Regisseurs erzählt, sind es bis zu dem Trailer, den Smith am Vorabend zufällig im Internet entdeckt hatte, nur wenige Klicks. „Wir plündern, wir umarmen, wir sind unwissend“, schreibt sie in „Hingabe“, ihrem faszinierenden neuen Buch, in dem die Musikerin und Dichterin den überraschenden Impulsen ihrer Inspiration, den Eingebungen und Sinneseindrücken des Augenblicks folgt und dem Leser einen unmittelbaren und sehr privaten Einblick in den Entstehungsprozess der knapp sechzigseitigen Erzählung gewährt, die das Herzstück des schmalen Bandes ausmacht. „Ich stehe auf, um zu pinkeln“, so Smith, „und stelle mir vor, es schneit.“

          Patti Smith erzählt von den inneren Bildern, die die ausdrucksstarken „tableaux vivants“ des Films in ihr heraufbeschwören, sie zeichnet die Winterskizze einer vom stalinistischen Regime zerstörten Idylle. Sie erzählt von ihrem Alltag, den sie morgens mit der Lektüre eines Romans von Patrick Modiano in einem New Yorker Café beginnt, bevor sie mit einem anderen Buch des Schriftstellers und einer hastig hervorgezogenen Monographie über Simone Weil ins Taxi springt, um einen Flug nach Paris zu erreichen. „Wie der Verstand funktioniert“, der etwa dreißigseitige, von Fotos begleitete Essay, der der titelgebenden Erzählung des Buchs vorausgeht, ist die poetische Meditation einer Künstlerin, die mit einem rastlosen körperlichen Bewusstsein durch ihr Leben treibt und der Angst vor dem Verstummen der Welt eine offenbar beseelte Wahrnehmung entgegenstellt, die in allem, was sie berührt, in allem Erleben, einen verborgenen Zauber entdeckt.

          „Warum fühlt man sich zum Schreiben berufen?“

          Smith erzählt von der Lektüre der beiden Bücher, die sie in Paris fortsetzt, wo sie auf der Suche nach dem Haus, in dem Simone Weil aufwuchs, wie eine von Modianos Figuren ziellos durchs Quartier Latin streift. Sie erzählt von den Interviews und Signierstunden, die sie auf Einladung ihres französischen Verlags absolviert, während ihre Erinnerungen an den in New York gesehenen Trailer in ihren Träumen längst mit der Biographie der französischen Philosophin verschmelzen, mit dem Gesicht einer jungen russischen Eiskunstläuferin, die Smith nach ihrer Ankunft in Paris vorm Schlafengehen zufällig im Fernsehen gesehen und deren triumphale Anmut sie zu Tränen gerührt hatte. Nach einem Abstecher ans Grab Paul Valérys, der wie Rimbaud und Camus zu den unsterblichen Toten zählt, denen Smith gern ihre Aufwartung macht, wie man als Leser ihrer Memoiren „Just Kids“ und „M Train“ weiß, überkommt sie schließlich „ein unerwartetes, aber vertrautes Schwindelgefühl, eine Zuspitzung des Abstrakten, eine Brechung der geistigen Luft“. Friedhöfe sind für Patti Smith seit jeher nicht allein Gärten der Erinnerung, sondern eher noch Wallfahrtsorte der mystischen Begegnung und der Inspiration. Den Titel ihrer fiktionalen Erzählung hat sie auf einem Grabstein entdeckt.

          Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit. 
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 144 S., geb., 18,– €.

          Blauschwarzer Himmel, der helle Glanz des Eises. Die heilige Verlassenheit einer Winterlandschaft: „Hingabe“ handelt von der sechzehnjährigen Eugenia, die Jahre nach der Vertreibung ihrer Eltern, dem Tod ihrer Mutter in einem sibirischen Arbeitslager auf einem zugefrorenen Teich am Waldesrand Schlittschuh läuft. Mit ihren einzigartigen Pirouetten zieht sie den knapp vierzigjährigen Alexander in den Bann, einen wohlhabenden Händler seltener Artefakte, der das Mädchen anfangs heimlich beobachtet und schließlich seiner kostbaren Sammlung einzuverleiben versucht. „Hingabe“ ist die Geschichte eines Mädchens, dessen einziger Wunsch es ist, mit ihrer Kunst „Erstaunen hervorzurufen“. Parabel über das Leben einer Künstlerin, die den Verlockungen ihres Verführers erliegt. Das auratische, von der Atmosphäre tiefer Erfahrung erfüllte Märchen einer künstlerischen Selbstbehauptung, die am Ende jeder Vereinnahmung widersteht.

          „Warum fühlt man sich zum Schreiben berufen?“ In den essayistischen Überlegungen, die auf die Erzählung folgen und das allmähliche, im Grunde unwissende, eher ahnende Vortasten in den Text fortsetzen, das schon den Anfang des Buchs zu einer erlebnisreichen Lektüre macht, knüpft Patti Smith an Fragen an, die sie bereits vor fünfzig Jahren beschäftigten, als sie mit Robert Mapplethorpe in Brooklyn lebte und mit ihren Zweifeln rang. „Wenn ich niedergeschlagen war, fragte ich mich, was Kunstproduktion überhaupt sollte. Für wen war sie gedacht? Um Gott zu erheitern? Führten wir Selbstgespräche? Und was war das höchste Ziel?“, heißt es in „Just Kids“. „Warum schreiben wir?“ Die Antwort, die Patti Smith am Ende von „Hingabe“ gibt, wird den Leser ihres grandiosen Buchs ebenso wenig überraschen wie den Fan, der die inzwischen 72 Jahre alte Punk-Ikone auf Instagram stalkt: „Weil wir nicht nur dahinleben können.“

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