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Verena Roßbacher: „Verlangen nach Drachen“ : Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs

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Bild: Kiepenheuer & Witsch

Die Liebe ist ein schönes Ungeheuer: Die aus Vorarlberg stammende Autorin Verena Roßbacher hat ein im Wortsinne fabelhaftes Romandebüt geschrieben, wie es in der jungen deutschsprachigen Literatur selten auftaucht.

          Mit Gerüchen fängt es an, und mit Gerüchen hört es auf. Was nur? Vielleicht nicht „die Liebe“, bestimmt jedoch die erotische Anziehung, die man damit verwechseln kann. Jedenfalls können Gerüche der Anfang vom Anfang und dann auch vom Ende sein. „Was für ein Geruch – Ich weiß doch auch nicht, Feld, Heide, Valentin, eine Mischung aus allem Möglichen“. Das ist nicht zu verstehen, gerade weil damit alles gesagt ist: „Sie hat immer gesagt, ich würde riechen wie Feld und Heide, sagte Kron, das klang schön, ich dachte, sie mag das.“ Gerüche im Präteritum aber haben ihren Zauber schon verloren: „Mochte ich auch. Vergiss es einfach, ich weiß nicht, was das ist auf einmal ist.“

          Verena Roßbacher, Jahrgang 1979, demonstriert in ihrem Debütroman, dass „einfach“ zu vergessen das Schwerste überhaupt ist. „Verlangen nach Drachen“ ist ein Buch über das Aufhörenmüssen und das Nichtaufhörenkönnen, über das ganz banale Ende von Gefühlen, die doch das ganz und gar Unbanale, das Anti-Banale sein sollten. Was ist das Gegenteil von banal? Das Besondere, das Kostbare, das Heilige, vielleicht am besten: das Ungeheuerliche. Von Monstern ist in diesem Buch viel die Rede. Wer das Banale verabscheut, der wird ganz von selbst ein Verlangen nach Drachen verspüren.

          Der Roman ist als Reigen angelegt, als Reigen von Klaras Männern. Sie ist das märchenhaft-utopische Weibswesen, um das die Herren vom Schlage des nach Feld und Heide duftenden Müslimannes Valentin Kron kreisen wie die Motten ums Licht. Während fast unmerklich einige Jahre ins Land gehen (die Verunklarung der Zeitstruktur ist Absicht), liebt Klara. Sie verliebt und entliebt sich und hinterlässt, selbst anscheinend unbehelligt, ein Trümmerfeld an Gefühlen, Bildern, Souvenirs. Da Klara selbst stets nur im Blick der Verlassenen erscheint, verzerrt sich ihre Gestalt ins Mythische. Sie ist mal Undine, mal Lolita, mal Lulu, mal männermordendes Biest und mal Unschuld vom Lande, mal Urbild erotischer Reize, mal die klare Stimme der Vernunft inmitten einer vor Verzweiflung rasenden Männerschar.

          Im Geiste Canettis und Horváths

          Die eigentümliche Atmosphäre des Romans ist, und schon das verleiht ihm in der jungen Gegenwartsliteratur die Aura des Besonderen, der Wiener Literatur der Zwischenkriegszeit entlehnt, ein bisschen „Die Blendung“ von Elias Canetti und ein bisschen Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“, wie überhaupt die szenenartige Abfolge des oft grotesken Geschehens etwas Theatralisches hat. Auch Gert Jonke oder Urs Widmer können als Vorbilder gelten. Ort der Handlung ist ein typisiertes, seltsam geschichtsloses Wien mit Fleischerei, Blumenladen, Kaufhaus, Gärtnerei und vor allem einem Wirtshaus, dem „Neugröschl“, dessen Personage unterjocht wird von einem canetti-artig verzerrten Wirtsmonster, das seine Gäste züchtigt, falls sie sich über das Essen beschweren, das er selbst für ungenießbar hält.

          Im ersten Kapitel des Romans wird der Neugröschl von Klaras Vater aufgesucht, der nach einer fatal gescheiterten Geschäftsidee die Rache seiner Kunden fürchtet und die Identität wechseln will – nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Aus Roth wird Grün. Dieser Grün hatte sich darauf verlegt, alten, wertvollen Geigen zu „verbessern“, indem er ihnen einen Pilz „aus der Gruppe der Moderfäule-Erreger“ einsetzte, um die Dissonanzen im Holz zu bekämpfen. Nun hat der Hochstapler die unersetzlichen Instrumente einiger Virtuosen auf dem Gewissen und macht sich aus dem Staub – wie seine Tochter die Männer wechselt er die Identitäten.

          Meisterin der schleichenden Übergänge

          Zugleich ist Grün der erste in der Reihe der von Klara Verlassenen, er leidet wie ein Hund unter ihrer Beziehung zum „Weichling“ und Vegetarier Valentin Kron, gegen den er schließlich sogar handgreiflich wird, worauf Klara endgültig die Zelte abbricht. Im Liebeswahn stapft der Vater über Stock und Stein und sucht seine verlorene Tochter. „Grün hörte vom Wald einen Kuckkuck rufen, einmal, zweimal, er kriegte sich gar nicht mehr ein. Aber das war ja wohl Unfug, es war ja wohl kein Frühling, oder was.“ Verena Roßbacher ist eine Meisterin solcher schleichenden Übergänge von Normalität in komplette Verwirrung. Dazu setzt sie mit großer sprachlicher Könnerschaft die personale Perspektive und den inneren Monolog ein, die die Außenwahrnehmung ihrer zum Autismus neigenden Figuren ausblenden. Weil die innere Logik der Handlungen verdeckt bleibt, wird das groteske Missverständnis zur vorherrschenden Erzählform, in der sich so die Kommunikationsstörungen der Liebenden spiegeln.

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