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Tom Sawyer und Huckleberry Finn : Zärtliche Chaoten

Bild: Christoph Niemann

2010 ist das Jubeljahr für Mark Twain. Es gibt aber noch viele andere gute Gründe, die Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn zu lesen. Jeder Tag am Mississippi ist in der langen Neuübersetzung ein Abenteuer.

          4 Min.

          Er klingt nicht so, wegen seiner vier hellen Vokale und der zappeligen Konsonanten drum herum, aber eigentlich ist der Mississippi grau und träge. Schleppt sich so dahin, mal breiter, mal schmaler, gähnt sich an fast einem Dutzend amerikanischer Bundesstaaten vorbei Richtung Süden, wo er romantisch in den Golf von Mexiko mündet. Viel weiter oben allerdings, dort, wo Mark Twain aufgewachsen ist, damals hieß er noch Samuel Langhorne Clemens und wünschte sich, Dampfschifflotse zu werden, dort oben also, im Städtchen Hannibal, fließt er bis heute so einsam am flachen Land Missouris vorbei, dass man am Ufer steht und denkt: Von hier wäre ich auch abgehauen.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber so einfach ist das nicht, jedenfalls nicht nach Osten: Bis zur nächstgrößeren Stadt, das ist damals wie heute St. Louis, hundertfünfzig Meilen südlich, führt nur eine Brücke über den Fluss.

          Als Samuel Langhorne Clemens aber dann nicht nur Dampfschifflotse, sondern Schriftsteller geworden war, reich geheiratet hatte und im noch reicheren Hartford lebte, schrieb er sich wieder hierher zurück. Nach Hannibal. An den Anfang, in die barfüßigen Kindertage, als das Geld knapp und die Sommernächte endlos waren.

          Noch witziger und anarchischer

          "Tom Sawyers Abenteuer" hieß dieses Buch, 1876 ist es erschienen und war selbst ein Anfang: Denn so hatte man noch nicht über Kinder gelesen, so witzig und anarchisch und frei in der Form. Ein paar Jahre später schrieb Mark Twain dann noch eine Fortsetzung, "Huckleberry Finns Abenteuer", und mit diesem Buch, das noch witziger und anarchischer und freier in der Form war als das davor, schlug die Stunde der amerikanischen Literatur. Sagte jedenfalls Ernest Hemingway. "Davor gab es nichts. Danach ist nie wieder etwas so gut gewesen."

          2010 ist ein Jubeljahr für Mark Twain. Vor 175 Jahren wurde er geboren, vor 100 Jahren ist er gestorben, vor 125 Jahren ist "Huckleberry Finn" erschienen. Einige seiner Bücher erscheinen jetzt wieder auf Deutsch, andere zum ersten Mal. Eines ragt heraus, die Neuübersetzung von "Tom Sawyer & Huckleberry Finn", die Andreas Nohl gemacht hat. Es heißt in solchen Fällen oft, wie notwendig es gewesen sei, diesen Klassiker neu zu übersetzen, als seien die alten Versionen, von denen es einige gab, jedem Leser geläufig und das englische Original natürlich auch. Bei Tom Sawyer und Huckleberry Finn ist es aber so, dass die meisten die beiden Jungs wohl nur aus Adaptionen kennen, aus den eingekürzten Jugendbuchausgaben oder Fernsehverfilmungen: Dann stürzt man sich auf dieses unerwartet lange Buch wie Huck und Tom auf jeden neuen Tag am Mississippi.

          Revolutionär an Mark Twains Geschichten war, so erklärt es Andreas Nohl in seinem sehr genauen Nachwort, wie hier Alltagssprache und Slang in die Literatur einfuhren: ein Windstoß Leben, der die europäischen Konventionen in Unordnung brachte, denen man in den amerikanischen Salons des 19. Jahrhunderts noch nacheiferte. Für Toms Geschichten gibt es noch einen Erzähler, der dem genialischen Chaoten beim Zaunstreichen und Schuleschwänzen zuschaut. Huck ergreift dann neun Jahre später selbst das Wort, und das geht oft schief: weil Huck, der Halbwaise, ungefähr siebeneinhalb Minuten in der Schule war und deshalb "Pallerment" oder "Predigtination" buchstabiert. Im nächsten Augenblick aber redet er schon davon, dass jemand ein Lachen hat, "bei dem man sich fühlt, als würde man Brot mit Sand essen". Und das ist nur eine von vielen Wunderformeln; in Toms Abenteuern tauchen bei einem Schulfest "ganze Schneewehen von jungen Mädchen" auf, da muss man ein bisschen weinen, weil es so schön ist.

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