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Tolkiens „Fall von Gondolin“ : Der Untergang der unsichtbaren Stadt

Der Meeresgott Ulmo hat eine Auftrag für Tolkiens Helden. Bild: Verlag Klett-Cotta/Alan Lee

Wer nach Berührungspunkten mit dem „Herrn der Ringe“ sucht, wird hier fündig: Mit dem „Fall von Gondolin“ beschließt Christopher Tolkien die Reihe seiner Editionsprojekte aus dem Nachlass seines Vaters J. R. R. Tolkien.

          „Das Werk ist mir außer Kontrolle geraten, und ich habe ein Monstrum geschaffen“, schrieb J. R. R. Tolkien am 24. Februar 1950 an Sir Stanley Unwin, seinen Verleger. Der Autor bereitete ihn darauf vor, dass er nicht den gewünschten zweiten Band zu Tolkiens 1937 erschienenem Erfolgsbuch „Der Hobbit“ bekäme, sondern im Gegenteil „ein immens langes, komplexes, ziemlich bitteres und sehr beängstigendes Abenteuer, nicht für Kinder (wenn überhaupt für jemanden) geeignet, und es ist auch nicht wirklich eine Fortsetzung zum ,Hobbit‘, sondern zum ,Silmarillion‘“ – also zu einem komplizierten privatmythologischen Werk, das das Lesepublikum damals noch gar nicht kennen konnte. Zu allem Überfluss gestand Tolkien dem gebeutelten Verleger auch noch ein, dass jenes monströse Buch auch „nur mit Hilfe des ,Silmarillion‘ völlig verständlich“ sei.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Bekanntlich nahm Unwin den mehr als tausend Seiten starken „Herrn der Ringe“ dennoch in sein Verlagsprogramm auf und feierte mit seinem Autor einen Welterfolg, der bis heute anhält. Tolkien wiederum verabschiedete sich von der Vorstellung, eine Art Doppelroman zu publizieren und dafür dem „Herrn der Ringe“, der im „Dritten Zeitalter“ der von ihm geschaffenen Welt spielt, einen Komplementärtext aus dem „Ersten Zeitalter“ gegenüberzustellen. Auch hier, im „Silmarillion“, sollten Menschen gemeinsam mit Elben gegen einen grundbösen Aggressor namens Melko oder Morgoth kämpfen so wie später die Hobbits und ihre Freunde gegen Sauron. Tolkien unternahm immer wieder Ansätze dazu, dieses Werk auszuführen, aber eine episch durchgestaltete Version dieses Stoffes, die vergleichbar mit dem erzählerischen Atem im „Herrn der Ringe“ gewesen wäre, gelang ihm nicht.

          Geschrieben nach der Schlacht an der Somme

          Sein Sohn Christopher Tolkien, Jahrgang 1924, formte nach dem Tod seines Vaters aus einzelnen Teilen ein „Silmarillion“, das 1977 erschien, er edierte weitere ungedruckte Texte, darunter eine fragmentarische Artus-Dichtung und eine Adaption des eddischen Sigurd-Stoffes. Und er wandte sich drei einzelnen Geschichten aus dem Silmarillion-Steinbruch zu, die in jeweils mehreren Fassungen vorlagen: Er edierte 2007 „Die Kinder Hurins“ und zehn Jahre später „Beren und Lúthien“. Mit dem jetzt erschienenen Band „Der Fall von Gondolin“, schreibt Christopher Tolkien, wolle er die Reihe seiner Editionsprojekte aus dem Nachlass seines Vaters abschließen.

          Der Band dokumentiert Tolkiens Beschäftigung mit einem Stoff, die von 1916 bis 1951 reicht, und präsentiert dabei leidlich Bekanntes, auch Apokryphes und vor allem einen üppigen Kommentar. Die Urfassung, die im Band gut achtzig Seiten einnimmt, habe er „im Krankenhaus und im Urlaub“ geschrieben, erinnerte Tolkien sich später, „nachdem ich 1916 die Schlacht an der Somme überlebt habe“. In diesem Text bricht ein junger Mann namens Tuor auf und folgt einem Fluss bis zum Meer. Er gelangt in eine idyllische Landschaft, wo ihm der Meeresgott Ulmo eine Botschaft an Turgon übermittelt, den Herrscher der verborgenen Stadt Gondolin. Turgon, der sich bislang noch den Aggressionen des bösen Melko entziehen konnte, solle sich bereit machen, denn Melkos Heer werde schon bald vor den Mauern von Gondolin stehen, allen Schutzmaßnahmen zum Trotz. Geführt von Voronwe, einem Elben, der nicht wie alle anderen weiter in der Angst vor Melko leben will, erreicht Tuor die Elbenstadt Gondolin. Der Fürst nimmt ihn auf, will aber von der Warnung nichts wissen. Tuor bleibt in der prächtigen Stadt, heiratet Turgons Tochter Idril, und als dann Melkos Armee tatsächlich Gondolin erobert, fliehen Tuor, seine Familie und eine kleine Schar von Getreuen durch einen unterirdischen Gang. Nachdem sie ein Jahr lang herumgeirrt sind, können sie sich vor Melko in Sicherheit bringen.

          Die Entstehungsgeschichte der Orks

          Diese erste Version der Gondolin-Geschichte ist die einzige fertig auserzählte – alle folgenden, von denen der Band noch fünf weitere, ganz unterschiedliche enthält, sind entweder knappe Zusammenfassungen oder weiter ausholende Gedichte oder Erzählungen, die Fragment geblieben sind. Bemerkenswert ist aber, wie sehr Tolkien in dieser frühesten Fassung Tuors Künstlertum betont. Er ist ein offenbar ausgezeichneter Musiker, und in der Idylle am Flussufer, wo ihn der Meergott trifft, betätigt er sich als ein zweiter Adam, der allem, was ihm begegnet, Namen verleiht, die er in seine Harfenlieder einflicht – in späteren Fassungen fehlt diese Dimension.

          Nicht nur die Geschichte überzeugt: Das Buch enthält zahlreiche Illustrationen von Alan Lee

          Wer nun im riesigen Nachlass Tolkiens, soweit publiziert, auf der Suche nach Berührungspunkten mit dem „Herrn der Ringe“ ist, der wird in diesem Text eher fündig als in manchen anderen. Nicht nur, weil vertraute Namen wie Glorfindel oder Legolas begegnen (wenn sie auch wohl andere Personen meinen als die Protagonisten im „Herrn der Ringe“), weil die Entstehungsgeschichte der Orks erzählt wird, die schrecklichen Balrogs beschrieben werden, mit denen es Gandalf und die Gefährten in den Minen von Moria zu tun bekommen, oder weil auch hier in höchster Gefahr ein rettender „König der Adler“ erscheint. Die Geschichte von Gondolin ist auch erzählerisch mitunter auf der Höhe des späteren Großromans, etwa in den Szenen der Eroberung der Stadt, ausgerechnet an einem hohen Festtag Gondolins, die eine unmittelbare visuelle Kraft besitzen und geschrieben sind, als wäre eine kommende Verfilmung schon mitgedacht: „Die Sonne ist hinter den Bergen versunken, und das Volk reiht sich emsig und freudig zum Fest auf – und blickt voll Erwartung nach Osten. Seht! Als die Sonne verschwunden und alles dunkel war, glomm plötzlich ein neues Licht auf, doch es kam von jenseits der nördlichen Höhen, und die Gondothlim waren verwundert und liefen auf den Mauern und Brustwehren zusammen.“

          Das Licht wird rot und groß und entpuppt sich schließlich als Feuerschein von Melkos Metallmonster in Drachen- oder Schlangenform, die bei der Eroberung von Gondolin besonders effektiv sind, weil sie kriechend Höhenunterschiede und sogar Mauern überwinden – es wäre reizvoll, ihr Erscheinungsbild und ihre Wirkung in der Schlacht mit Tolkiens Erfahrungen im Ersten Weltkrieg zusammenzubringen. Und es sind farbige Szenen wie diese, die es nicht abwegig erscheinen lassen, dass wir Gondolins Untergang eines Tages auf der großen Leinwand sehen werden. Wer aus dem schmalen „Hobbit“ knapp acht Stunden Film macht, der sollte auch das hinbekommen.

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