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Romandebüt Tim Glencross : Das Leben ist eine Champagnerparty

  • -Aktualisiert am

Vorglühen, Londoner Art: Drei Damen mit Kaltgetränk auf dem Weg ins Nachtleben. Bild: mauritius images

Wer reich, schön und wichtig ist in London, der gehört zum Zirkel der „Barbaren“: Davon handelt das Romandebüt des Anwalts Tim Glencross. Er lässt die Korken knallen und beschreibt eine dekadente Gesellschaft. Wäre so etwas auch in Berlin denkbar?

          Nein, so etwas gibt es bei uns nicht, leider oder vielleicht doch glücklicherweise: einen durch und durch zynischen hauptstädtischen Politik- und Kulturbetrieb, Champagnerpartys, auf denen sich reiche Araber, russische Oligarchen, arrogante Lords und berühmte Zeitungskolumnisten tummeln, und nicht zuletzt ein junger, vielfach begabter Autor, der aus dieser Steilvorlage einen geistreichen, witzigen Roman macht. Tim Glencross hat in Cambridge moderne Philologie studiert, Reden geschrieben und „Hintergrundrecherchen“ (was immer das sein soll) betrieben für britische Kabinettsmitglieder und arbeitet heute als Anwalt in London. Beste Voraussetzungen also für ein „umwerfendes“ („Times“) Romandebüt: „Barbaren“ ist tatsächlich eine süffig-süffisant geschriebene, mit britischem Understatement, ätzendem Sarkasmus und literarischer Bildung gesalbte Satire auf das Londoner Establishment in Politik, Gesellschaft, Journalismus, Kunst und Kultur zwischen 2008 und 2011, also etwa zwischen dem Abgang von Tony Blair und dem Amtsantritt von David Cameron.

          Glencross kennt nicht nur den Jahrmarkt der Eitelkeiten, sondern auch die entsprechenden Romane von Thackeray und Jane Austen bis Flaubert und Tom Wolfe; virtuos spielt er mit den Zitaten und Erzählmustern der großen Gesellschaftsromane des neunzehnten Jahrhunderts. Der viktorianische Schriftsteller Matthew Arnold, erfahren wir auf Seite 382, teilte in „Culture and Anarchy“ die britische Gesellschaft in Philister und Barbaren ein. Barbarisch sind die Gentlemen, die Mitglieder der herrschenden Elite. Wem Glencross’ Sympathien gehören, ist damit geklärt. Vier junge Upper-Class-Barbaren stehen im Zentrum seines Romans: Alle wollen oder müssen Karriere machen, aber nicht jeder ist dafür geschaffen. Henry zum Beispiel ist nach philiströsen Maßen ein Versager, angenehm ehrgeizlos, gutmütig und etwas dumm, aber so viel Indolenz und Menschlichkeit können seine Eltern natürlich nicht durchgehen lassen. Sherard Howe ist ein mächtiger linksliberaler Verleger und Labour-Strippenzieher, Daphne Depree versteht sich als Hohepriesterin der „dritten Welle des Feminismus“ und zitiert in ihrem „Guardian“-Leitartikel über Tony Blairs gescheiterte Afghanistan-Politik Baudrillard und Clint Eastwood.

          Bier aus der Flasche empfiehlt sich nicht

          Afua, die Adoptivtochter des Glamour-Paars, ist aus anderem Holz als ihr Stiefbruder geschnitzt: Ebenso schön wie klug und smart macht sie als Referentin eines Labour-Staatssekretärs derart gute Figur, dass sie ihre Gönner und Liebhaber überflügelt und bald schon als Schatteninnenministerin gehandelt wird. Marcel, der belgische Anwalt, ist Afuas strategischer Partner, auch im Privatleben; das führt zu einer gewissen Rivalität mit ihrer Freundin Elizabeth Price. Buzzy, wie sie gerufen wird, ist die Außenseiterin im Barbaren-Quartett: eine erfolglose Lyrikerin, die noch bei den Eltern wohnt, bescheiden, bodenständig und mit ihrer Blauäugigkeit immer gut für erfrischende Wahrheiten und peinliche Fauxpas. Gleich im ersten Kapitel, bei der großen Party im Hause Howe-Depree, tritt sie ins Fettnäpfchen, als sie, schon leicht angeschickert, eine von Damien Hirst signierte Bierflasche austrinkt.

          Glencross kennt das Milieu, die Sitten und aktuellen Dresscodes (der Gentleman auf dem Cover mit karierter Hose, Regenschirm und Rose im Knopfloch ist wohl schon etwas out) und vor allem ihren Smalltalk, ihre Witzchen, Blogs, Leitartikel und Parlamentsreden. Zum Panorama der Londoner Society gehören: Oxbridge-Snobs, Oligarchen und Scheichs mit verwöhnten Söhnchen, hochnäsige linke Intellektuelle und Hedgefonds-Manager, Anwälte und Kunstsammler, Chelsea-Fußballer, real existierende Künstler und Schriftsteller wie Damien Hirst, Martin Amis und Ian McEwan. Und das Fußvolk, das auf die Brosamen und Lachsmousse-Häppchen vom Tische der Reichen und Berühmten lauert: Referenten, Praktikanten, Studenten und arbeitslose Kulturarbeiter aus bestem Hause.

          Geschwätz und Getändel

          Das Geschwätz und Getändel, die Intrigen und Affären der Barbaren sind eine Zeitlang ganz unterhaltsam. Aber immer nur zitierfähige Bonmots, druckreife Pointen, feministische Diskurse, Alphatiergrunzen und distinguierte Prosa aus den frechsten Lästermäulern und klügsten Köpfen des Vereinigten Königreichs: das ist kaum auszuhalten, vor allem wenn einem, wie dem deutschen Leser, naturgemäß ein großer Teil der Anspielungen und Zitate verschlossen bleibt.

          Selbst auf Howes Party wird nach dem Dom Ruinart zum Auftakt traditionell nur noch gewöhnlicher Champagner ausgeschenkt. Glencross aber lässt die Korken bis zuletzt knallen und übertönt damit, dass er selbst auch durchaus romantisch-sentimentale Seiten hat und leisere Töne kennt. Eigentlich wünscht er die ganze Blair-Hirst-Schickeria ja auch zur Hölle, aber er gönnt allenfalls seinem Landei Buzzy Momente prekären Glücks und unschuldiger Liebe. In der Literatur, so wird Henry James zitiert, kommt es auf Mut und Mitgefühl an. Tim Glencross hat beides, aber vor lauter Ironie sieht man es kaum.

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