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Thomas Brasch : Ich stehe nur für mich

Vom eigenen Vater verraten

Zusammen mit Frank und Florian Havemann, Erika Berthold, Rosita Hunzinger, Hans Uszkoreit und seiner damaligen Freundin Sandra Weigel hatte er Flugblätter gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei verteilt. Du musst uns helfen, hatte Brasch seinen Vater vor seiner Verhaftung noch gebeten. Der verließ daraufhin das Haus, sagte, er wolle Zigaretten holen, und rief von einer Telefonzelle aus die Staatssicherheit an. Allerdings konnte er sich damit nicht retten. Wegen der Protestaktion des Sohnes verlor Horst Brasch seine Position als stellvertretender Kulturminister.

Die Abwehr des biographischen Reflexes, des „DDR-Typischen“ und die des „Ost-Bonus“ zieht sich, wo es um die literarischen Texte geht, durch alle Interviews mit Thomas Brasch, vor allem da, wo, in zwei langen „Zeit“-Gesprächen mit Fritz J. Raddatz, der Interviewer ihn so schrecklich gerne umarmen und für sich gewinnen will. Das unangenehm Ranschmeißerische dieser Raddatz-Gespräche, in denen die Fragen oft länger sind als die Antworten und Raddatz sich immerzu selbst ins Spiel bringen muss, als wäre er der Interviewte und nicht der Interviewer, lässt Thomas Brasch, als unbeabsichtigter Nebeneffekt, in seiner ganzen Größe erscheinen.

Denn Brasch widerspricht in jeder seiner Antworten. Raddatz liefert mit großer DDR-Romantik narzisstische Vorlagen, erwartet ganz offensichtlich Bestätigung. Und Thomas Brasch sagt: „Meine Erfahrung ist anders“; „Ich kann in diesem Gespräch nicht abtragen, was sich hier offensichtlich über Jahre angehäuft hat“; „Ich weiß nicht, was allgemein ,dort tatsächlich empfunden wird'“. Er tut dies nicht aus einer bloß provokativen Pose heraus, die er selbst fad gefunden hätte. Er widerspricht, um in der Folge zu differenzieren, die eigenen Erfahrungen genauer zu fassen, die Wiederholung der Stereotypien zu unterbrechen - was Raddatz, der Haltung bewahren muss, dann selbst zum Widerspruch veranlasst. Es ist die Präzision Braschs, seine Beweglichkeit im Denken, die diese Gespräche so ungeheuer interessant machen.

Talentverschleiß

Nur wenige Tage nach seiner Ankunft im Westen bekam Thomas Brasch von Siegfried Unseld das Angebot, für einen Vorschuss von 100.000 DM ein Buch zu schreiben, in dem er seine letzten drei Wochen in der DDR und seine erste Woche im Westen beschreiben sollte. Es sei ein Angebot gewesen, stellt er im März 2001, wenige Monate vor seinem Tod, in einem langen Gespräch mit Thomas Wild über Uwe Johnson fest, „die eigene Biographie auf das schnellste für einen Text auszunutzen, der einem rein journalistischen Verfahren folgt. Straflos hätte ich damals so einen Text nicht machen können - das sah später auch Unseld ein. Heute wäre es mir vielleicht möglich, über diese Zeit zu schreiben, wenn ich es wollte.“ In ein fast 15.000 Seiten umfassendes Manuskript über den Mädchenmörder Karl Brunke hatte er sich zu dieser Zeit vergraben, nur hundert Seiten davon hatte Suhrkamp veröffentlicht. Der Rest wucherte, während der Autor, getragen von Exzentrik und hohem Anspruch, sich mit Kokain und Alkohol immer weiter selbst zerstörte.

So blieb die Geschichte über die letzten und ersten Wochen im Osten und Westen ungeschrieben. Doch sind die Interviews über viele Seiten hinweg eine Reflexion darüber, so wie sie, später, nach dem Fall der Mauer, der für Brasch in einer tragischen Konstellation den Verlust einer Reibungsfläche zu bedeuten schien, einen Rückzug ins Sprachliche und Poetologische dokumentieren. In seinem letzten Interview mit Thomas Wild erzählt Thomas Brasch von seiner ersten Begegnung mit Uwe Johnson bei einem Suhrkamp-Empfang in Frankfurt: „Ich war in einer ähnlichen Situation wie Sie“, sagte Johnson zu ihm. „Die einzige Möglichkeit in so einer Situation ist es, sein schriftstellerisches Talent nicht in einem lächerlichen Kampf für oder gegen die DDR verbrauchen zu lassen.“ Die Interviews sind Zeugnisse genau dieser Selbstbehauptung und des Kampfes eines großen Schriftstellers.

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