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Die Verkunstung der Welt : Kommt Kultur nur den Reichen zugute?

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Noch immer arbeite sich die Kapitalismuskritik an der Industriegesellschaft ab, kritisieren Boltanski und Arnaud Esquerre in ihrer 679 Seiten starken „Kritik der Ware“, obwohl die lange in sogenannte Schwellenländer ausgelagert sei. Statt einer Konsumgesellschaft bilde der Westen heute eine kommerzialisierte Gesellschaft (die schon Ulrich Bröckling im „Unternehmerischen Selbst“ beschrieb), in der jeder nicht nur Konsument, sondern auch Händler ist, und in der noch das lästigste Familiengut, das überholteste Auto und die entvölkertste Region mit neuem Wert versehen werden können – durch die Inszenierung der Geschichte der Familie, der Region oder des Unternehmens zur Umschmeichelung des differenzierenden Kennerblicks, den der Qualitätstourist mit dem Kunstsammler teilt und der zunehmend auch dem Discounter-Kunden nahegelegt wird.

Umschmeichelung des Kennerblicks

Das Buch ist voller neuartig klingender Wörter wie „Gastronationalismus“, „Kunstwerdung“, „Seltenheitseffekt“, „Kulturerbeeffekt“ oder „Mode-, Kultur- und Geschmacksdarsteller“. Es zitiert aus dem blühenden Zweig der Reichenforschung, aus kulturpolitischen Konzepten und aus Leitfäden des Tourismusmarketings. Und führt so drei Felder zusammen, die bislang nur getrennt voneinander untersucht wurden, obwohl sie sich ihre Zielgruppe und deren Wachstum teilen: die Künste (deren Institutionen, Zuarbeiter, Studiengänge und Preise zunehmen), die Luxusindustrie (deren weltweite Exporte sich während der nuller Jahre fast verdoppelten) und den Tourismus (der sich seit 1950 weltweit vervierzigfacht hat und mit 7,4 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt für Frankreichs Wirtschaft so wichtig ist wie die Automobil- und die Flugzeugindustrie). Gemeinsam bildeten sie eine „Bereicherungsökonomie“, eine „Ökonomie der Vergangenheit“, in der der größte Profit nicht mehr in der Herstellung von möglich viel des Gleichen liege, sondern in sammlungswürdigen Einzelstücken und Erfahrungen.

Dafür entwerfen die Autoren eine neue Werttheorie, die zwischen vier „Wertermittlungsformen“ unterscheidet: der Standardform (das Auto, dessen Gebrauchswert mit dem Alter sinkt), der Trendform (neue Mode mit schnellem Wertverfall), der Anlageform (Oldtimer oder Kunstobjekte, die sich in eine Geschichte einschreiben und Wertsteigerung versprechen) und der Sammlerform (Dinge, die man haben muss, weil sie mit einer bestimmten Geschichte verknüpft sind). Die letzteren beiden bestimmten zunehmend die Art, wie Waren lanciert und konsumiert würden: Die Kunst wird zur paradigmatischen Wertschöpfungsform.

Wein als nationales Naturgut: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf der 55. Internationalen Pariser Landwirtschaftsmesse
Wein als nationales Naturgut: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf der 55. Internationalen Pariser Landwirtschaftsmesse : Bild: dpa

Auch Nationalparks, Weltkulturerbestätten und eine Denkmalschutzpolitik, die die Aufwertung erinnerungswürdiger Immobilien mit Steuervergünstigungen fördert, verstehen die Autoren als Teil dieser Ökonomie, in der „Narrativität das bevorzugte Wertschöpfungsverfahren“ ist. Entsprechend taucht Arbeit in dieser Ökonomie als erzählte Arbeit auf, als Fiktion des handgemachten, ursprünglichen, unkopierbaren Einzelstücks. So wie die Arbeit des preisgekrönten Messerschmiedes im Städtchen Laguiole im Aubrac, der vor den Augen der durch die Messerschmiede strömenden Touristen messerschmiedend für die lokale Tradition der Messerschmiedekunst einsteht – bei der es sich um eine Erfindung von Gemeinderäten handelt, die in den achtziger Jahren nach Wegen suchten, Arbeit in ihre deindustrialisierte Kleinstadt zu bringen.

Das ist eine der Pointen der postindustriellen Gesellschaft, die dieses Buch herausarbeitet: Die Industrialisierung hatte die Manufakturen abgelöst. In der Bereicherungsökonomie, die auf das Sammeln unkopierbarer Objekte und Erfahrungen baut, lösen die Manufakturen wieder die Fabriken ab. Und Landwirte werden per Subventionen zu Landschaftsgestaltern.

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