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T. C. Boyles neuer Roman : Sie schwören auf Sex, Drugs & Jazz

T.C. Boyles neuer Roman: Skurril und wild wie immer. Bild: dpa

Ein Drogenpapst, seine verschworene Anhängerschaft und Experimente mit psychedelischen Substanzen: T. C. Boyle findet mit Timothy Learys Drogenkreis einen Romanstoff, der wie für ihn geschaffen ist.

          Wenn sogar Timothy Leary selbst drei seiner Lebensjahre als besonders bewegt bezeichnet, dann müssen sie wild gewesen sein. „Nachdem wir über fünfzehnhundert Personen LSD gegeben, ein großes Forschungsprojekt geleitet und mit endlosen politischen Problemen gekämpft hatten, war ich plötzlich müde. Scheiß auf Philosophie und Geschichte“, schrieb Leary 1983 in seiner Autobiographie. Und fuhr fort: „Peggy, immer erfinderisch, richtete es so ein, dass Dick ihrem jüngeren Bruder, damals ein vielversprechender Börsenmakler bei der angesehenen Firma Lehman Brothers, LSD gab. Billy reagierte mit Begeisterung. Das war vorauszusehen. Billy und sein Zwillingsbruder Tommy hatten gerade ein großes Grundstück in Millbrook gekauft, eine zweistündige Autofahrt entlang dem Hudson River von New York entfernt. Es war ein magischer Ort.“ Und von diesem Ort möchte sich auch die Kleinfamilie Loney gerne verhexen lassen. Mit LSD und allem, was dazugehört.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Fitzhugh und Joanie Loney samt ihrem halbwüchsigen Sohn Corey sind die Hauptfiguren in T. C. Boyles neuem Roman „Das Licht“. Es handelt sich um fiktive Personen, obwohl das Buch auch reale agieren lässt – die eben genannten Peggy, Dick und Billy etwa. Und vor allem Timothy Leary, der nur auf einen Schriftsteller wie Boyle gewartet hat. Erstaunlich, aber auch erfreulich, dass Leary erst jetzt, im sechzehnten Roman des auch im Alter von siebzig Jahren noch unermüdlichen amerikanischen Schriftstellers, zu seinem großen Auftritt kommt. Der Drogenpapst der sechziger und siebziger Jahre verkörpert geradezu idealtypisch, was das Erfolgsrezept der Figuren in Boyles Geschichten ausmacht: höchst idealistische Träumer, die noch mehr als an den Zwängen der Gesellschaft an eigener Hybris scheitern. Und damit ihr privates Umfeld zerstören. Das war im missglückten fünfzehnten Roman, „Die Terranauten“ (2017), so, und es ist im Nachfolger nun nicht anders. Aber „Das Licht“ ist wieder mal ein gutgeglückter Boyle. Sehr geglückt sogar.

          Typische Erfahrungen eines Drogentrips

          Im Original (das, wie bei diesem Autor mit seiner fanatischen deutschen Fangemeinde mittlerweile üblich, später als die Übersetzung erscheint) heißt der Roman „Outside Looking in“, eine englische Redewendung, die am besten mit „sich ausgeschlossen fühlen“ zu übertragen wäre. Die Betitelung als „Das Licht“ indes nimmt eine der typischen Erfahrungen eines Drogentrips mit dem von Leary als „Sakrament“ verherrlichten LSD auf: die Veränderung der Farben, das Aufstrahlen eines als geradezu göttlich empfundenen Lichts. Die deutsche Bezeichnung ist gut gewählt, auch wenn sie viel weniger vom Inhalt vorwegnimmt. Oder gerade deswegen.

          Dirk van Gunsteren, der bewährte Boyle-Übersetzer, musste rasche Arbeit leisten. Man merkt das, wenn im Prolog, der 1943 in Basel spielt – gewissermaßen am Geburtstag von LSD, als der Chemiker Albert Hofmann es im Selbstversuch anwendet –, von einem „Sandwich“ die Rede ist, während eine Deutschschweizerin wie Hofmanns Laborantin, aus deren Perspektive dieser Prolog erzählt ist, von Vesper, Schnitte oder einfach Butterbrot gesprochen hätte. Aber ansonsten gelingt es van Gunsteren wunderbar, die spezifisch lakonische Ironie von Boyle einzufangen – eine Ironie, die in der Erzählhaltung steckt, weil seine Figuren ja ganz im Banne ihres drogenverschönten neuen Lebens stehen. Bis auf jene junge Laborantin der ersten dreißig Seiten. Ihr unschuldiges Erschrecken über den enthemmten Vorgesetzten im LSD-Rausch setzt den Ton für die weiteren 340 Seiten, und man fragt sich ständig, wo denn der gesunde Menschenverstand der anderen Personen abgeblieben ist, aus deren Perspektiven Boyle dann später erzählt.

          Es geht nur ein Jahr gut

          Fitz Loney (im Nachnamen klingt die Einsamkeit ebenso an wie die Verrücktheit), Doktorand der Psychologie, und seine Frau Joanie, die die Familie mit ihrem Bibliotheksjob durchbringt, lernen den Drogenpapst Leary und seine verschworene Anhängerschaft 1962 in Harvard kennen, wo er Psychologie lehrt und dazu Experimente mit psychedelischen Substanzen an seinen Mitarbeitern vornimmt. Das geht nur ein Jahr gut; 1963 erfolgt nach seiner Entlassung der eingangs von Leary selbst geschilderte Umzug der Kommune, wie man diese auf Sex & Drugs & Modern Jazz geeichte Truppe wohl nennen kann, nach Millbrook, und die Loneys schließen sich an.

          Was sich zuvor schon ahnen ließ, wird nun, in der zweiten Buchhälfte, die noch das Jahr 1964 umfasst, zur Gewissheit: Die vorgebliche Freiheit der neuen Lebensform zerstört die alte, und der Verlust von exklusiver Liebe und Vertrauen zueinander ist durch die Freuden der Libertinage und Drogenvisionen nicht aufzuwiegen. Boyle bemüht sich übrigens gar nicht besonders intensiv darum, die Geschichte der Probanden unter LSD-Einfluss in Worte zu fassen; sein Augenmerk gilt vielmehr den Phasen vor und nach dem Rausch, und selten hat man die Zwiespältigkeit von Vorfreude und Katzenjammer besser beschrieben bekommen – jedenfalls ganz sicher nicht in Learys gegenüber dem eigenen Tun denkbar enthusiastischer Autobiographie.

          Auch im Alter von siebzig Jahren noch unermüdlich: T.C. Boyle

          Boyle hat sich trotzdem (und nachvollziehbarerweise) bei diesem Buch bedient. Die Schilderung des Riesenhauses in Millbrook etwa oder die Umstände des Lebens dort verdanken sich bis in Details hinein Learys Erinnerungen, aber Boyles Blick ist ein ganz anderer: Die stets zukunftsgerichtete Euphorie des Drogenbefürworters weicht in „Das Licht“ einer wachsenden Verunsicherung des ständig emphatisch beschworenen Zusammenhalts – gerade nach den glücklichsten Erfahrungen. Und so ist die aus Joanies Perspektive erzählte Ankunft in Millbrook eine der schönsten Illusionen im Roman, allemal trügerischer als der heftigste Drogentrip: „Sie waren weder reiche Müßiggänger noch reiche Arbeitstiere – sie waren überhaupt nicht reich. Sie waren Studenten und Frauen von Studenten. Sie waren es gewohnt, dass die Verhältnisse beengt waren, dass man die Miete jeden Monat aufs Neue zusammenkratzen musste und das Geld hinten und vorne nicht reichte. Und jetzt standen sie im ersten Stock eines Anwesens, das alles, was sie je gesehen hatten, in den Schatten stellte. Und solange sie hier waren, gehörte es ihnen, den Brüdern und Schwestern. Weiter wollte Joanie im Augenblick gar nicht denken. Sie hob das Glas an den Mund, roch das Aroma des Gins und nahm einen kleinen Schluck, ganz langsam, als hätte sie alle Zeit der Welt.“

          Hat sie aber natürlich nicht. Der Roman ist da schon über die Hälfte hinaus, nur ein Jahr später ist er am Ende und Joanies Ehe auch. Boyle präpariert die drei Jahre 1962, 1963 und 1964, in denen mit Kennedys Ermordung die erste grundlegende Erschütterung des amerikanischen Selbstverständnisses nach 1945 liegt, aus Learys Lebenslauf heraus, der damals mit der Tätigkeit in Harvard seinen institutionellen Höhepunkt erlebte und später mit etlichen Verhaftungen eine ganze Serie von Tiefschlägen. Aber der Niedergang des Mannes, der „Das Licht“ als Stoff erst einschaltet und drei Jahre lang am Brennen hält, interessiert Boyle nicht.

          Er erzählt von denen, die sich am Ende im Dunkeln wiederfinden, als die Lichtgestalt sich neuen Herausforderungen zuwendet, die seinen Hunger aus psychopharmakologischen und amourösen Erfahrungen noch intensiver verbinden. 1964 erscheint Nena von Schlebrügge in Millbrook: „Keiner von beiden wusste, dass diese sehr große junge Frau mit einem Pekinesen auf dem Arm, dem makellosen Gesicht und der Traumfigur ein Model und bereits berühmt war, weil sie in einer Fernsehreklame für Erik Zigarren als Wikingerprinzessin am Bug eines den Hudson hinauffahrenden Schiffes gestanden hatte, und dass sie für Millbrook eine größere Gefahr darstellte als alle Polizisten des Countys zusammen.

          Innerhalb von Minuten fasste sie Tim ins Auge, den beglaubigten Prominenten, der sogar noch öfter in der Zeitung stand als sie, und eine Stunde später nahmen die beiden in der Abgeschiedenheit seines Schlafzimmers das Sakrament ein. Zwei Woche später gaben sie ihre Verlobung bekannt, verbunden mit der Ankündigung, dass sie im Dezember heiraten und eine sechsmonatige Hochzeitsreise durch Indien machen würden . . . und was würde dann aus dem inneren Kreis werden?“ Ohne das Zentralgestirn zerfällt er. Seinen Roman schließt T. C. Boyle aber schon vorher ab. Was danach geschieht, ist eh unvermeidlich.

          T. C. Boyle: „Das Licht“. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München 2019. 383 S., geb., 25 Euro.

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