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T. C. Boyles neuer Roman : Sie schwören auf Sex, Drugs & Jazz

T.C. Boyles neuer Roman: Skurril und wild wie immer. Bild: dpa

Ein Drogenpapst, seine verschworene Anhängerschaft und Experimente mit psychedelischen Substanzen: T. C. Boyle findet mit Timothy Learys Drogenkreis einen Romanstoff, der wie für ihn geschaffen ist.

          5 Min.

          Wenn sogar Timothy Leary selbst drei seiner Lebensjahre als besonders bewegt bezeichnet, dann müssen sie wild gewesen sein. „Nachdem wir über fünfzehnhundert Personen LSD gegeben, ein großes Forschungsprojekt geleitet und mit endlosen politischen Problemen gekämpft hatten, war ich plötzlich müde. Scheiß auf Philosophie und Geschichte“, schrieb Leary 1983 in seiner Autobiographie. Und fuhr fort: „Peggy, immer erfinderisch, richtete es so ein, dass Dick ihrem jüngeren Bruder, damals ein vielversprechender Börsenmakler bei der angesehenen Firma Lehman Brothers, LSD gab. Billy reagierte mit Begeisterung. Das war vorauszusehen. Billy und sein Zwillingsbruder Tommy hatten gerade ein großes Grundstück in Millbrook gekauft, eine zweistündige Autofahrt entlang dem Hudson River von New York entfernt. Es war ein magischer Ort.“ Und von diesem Ort möchte sich auch die Kleinfamilie Loney gerne verhexen lassen. Mit LSD und allem, was dazugehört.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Fitzhugh und Joanie Loney samt ihrem halbwüchsigen Sohn Corey sind die Hauptfiguren in T. C. Boyles neuem Roman „Das Licht“. Es handelt sich um fiktive Personen, obwohl das Buch auch reale agieren lässt – die eben genannten Peggy, Dick und Billy etwa. Und vor allem Timothy Leary, der nur auf einen Schriftsteller wie Boyle gewartet hat. Erstaunlich, aber auch erfreulich, dass Leary erst jetzt, im sechzehnten Roman des auch im Alter von siebzig Jahren noch unermüdlichen amerikanischen Schriftstellers, zu seinem großen Auftritt kommt. Der Drogenpapst der sechziger und siebziger Jahre verkörpert geradezu idealtypisch, was das Erfolgsrezept der Figuren in Boyles Geschichten ausmacht: höchst idealistische Träumer, die noch mehr als an den Zwängen der Gesellschaft an eigener Hybris scheitern. Und damit ihr privates Umfeld zerstören. Das war im missglückten fünfzehnten Roman, „Die Terranauten“ (2017), so, und es ist im Nachfolger nun nicht anders. Aber „Das Licht“ ist wieder mal ein gutgeglückter Boyle. Sehr geglückt sogar.

          Typische Erfahrungen eines Drogentrips

          Im Original (das, wie bei diesem Autor mit seiner fanatischen deutschen Fangemeinde mittlerweile üblich, später als die Übersetzung erscheint) heißt der Roman „Outside Looking in“, eine englische Redewendung, die am besten mit „sich ausgeschlossen fühlen“ zu übertragen wäre. Die Betitelung als „Das Licht“ indes nimmt eine der typischen Erfahrungen eines Drogentrips mit dem von Leary als „Sakrament“ verherrlichten LSD auf: die Veränderung der Farben, das Aufstrahlen eines als geradezu göttlich empfundenen Lichts. Die deutsche Bezeichnung ist gut gewählt, auch wenn sie viel weniger vom Inhalt vorwegnimmt. Oder gerade deswegen.

          Dirk van Gunsteren, der bewährte Boyle-Übersetzer, musste rasche Arbeit leisten. Man merkt das, wenn im Prolog, der 1943 in Basel spielt – gewissermaßen am Geburtstag von LSD, als der Chemiker Albert Hofmann es im Selbstversuch anwendet –, von einem „Sandwich“ die Rede ist, während eine Deutschschweizerin wie Hofmanns Laborantin, aus deren Perspektive dieser Prolog erzählt ist, von Vesper, Schnitte oder einfach Butterbrot gesprochen hätte. Aber ansonsten gelingt es van Gunsteren wunderbar, die spezifisch lakonische Ironie von Boyle einzufangen – eine Ironie, die in der Erzählhaltung steckt, weil seine Figuren ja ganz im Banne ihres drogenverschönten neuen Lebens stehen. Bis auf jene junge Laborantin der ersten dreißig Seiten. Ihr unschuldiges Erschrecken über den enthemmten Vorgesetzten im LSD-Rausch setzt den Ton für die weiteren 340 Seiten, und man fragt sich ständig, wo denn der gesunde Menschenverstand der anderen Personen abgeblieben ist, aus deren Perspektiven Boyle dann später erzählt.

          Es geht nur ein Jahr gut

          Fitz Loney (im Nachnamen klingt die Einsamkeit ebenso an wie die Verrücktheit), Doktorand der Psychologie, und seine Frau Joanie, die die Familie mit ihrem Bibliotheksjob durchbringt, lernen den Drogenpapst Leary und seine verschworene Anhängerschaft 1962 in Harvard kennen, wo er Psychologie lehrt und dazu Experimente mit psychedelischen Substanzen an seinen Mitarbeitern vornimmt. Das geht nur ein Jahr gut; 1963 erfolgt nach seiner Entlassung der eingangs von Leary selbst geschilderte Umzug der Kommune, wie man diese auf Sex & Drugs & Modern Jazz geeichte Truppe wohl nennen kann, nach Millbrook, und die Loneys schließen sich an.

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