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T. C. Boyles neuer Roman : Sie schwören auf Sex, Drugs & Jazz

Was sich zuvor schon ahnen ließ, wird nun, in der zweiten Buchhälfte, die noch das Jahr 1964 umfasst, zur Gewissheit: Die vorgebliche Freiheit der neuen Lebensform zerstört die alte, und der Verlust von exklusiver Liebe und Vertrauen zueinander ist durch die Freuden der Libertinage und Drogenvisionen nicht aufzuwiegen. Boyle bemüht sich übrigens gar nicht besonders intensiv darum, die Geschichte der Probanden unter LSD-Einfluss in Worte zu fassen; sein Augenmerk gilt vielmehr den Phasen vor und nach dem Rausch, und selten hat man die Zwiespältigkeit von Vorfreude und Katzenjammer besser beschrieben bekommen – jedenfalls ganz sicher nicht in Learys gegenüber dem eigenen Tun denkbar enthusiastischer Autobiographie.

Auch im Alter von siebzig Jahren noch unermüdlich: T.C. Boyle

Boyle hat sich trotzdem (und nachvollziehbarerweise) bei diesem Buch bedient. Die Schilderung des Riesenhauses in Millbrook etwa oder die Umstände des Lebens dort verdanken sich bis in Details hinein Learys Erinnerungen, aber Boyles Blick ist ein ganz anderer: Die stets zukunftsgerichtete Euphorie des Drogenbefürworters weicht in „Das Licht“ einer wachsenden Verunsicherung des ständig emphatisch beschworenen Zusammenhalts – gerade nach den glücklichsten Erfahrungen. Und so ist die aus Joanies Perspektive erzählte Ankunft in Millbrook eine der schönsten Illusionen im Roman, allemal trügerischer als der heftigste Drogentrip: „Sie waren weder reiche Müßiggänger noch reiche Arbeitstiere – sie waren überhaupt nicht reich. Sie waren Studenten und Frauen von Studenten. Sie waren es gewohnt, dass die Verhältnisse beengt waren, dass man die Miete jeden Monat aufs Neue zusammenkratzen musste und das Geld hinten und vorne nicht reichte. Und jetzt standen sie im ersten Stock eines Anwesens, das alles, was sie je gesehen hatten, in den Schatten stellte. Und solange sie hier waren, gehörte es ihnen, den Brüdern und Schwestern. Weiter wollte Joanie im Augenblick gar nicht denken. Sie hob das Glas an den Mund, roch das Aroma des Gins und nahm einen kleinen Schluck, ganz langsam, als hätte sie alle Zeit der Welt.“

Hat sie aber natürlich nicht. Der Roman ist da schon über die Hälfte hinaus, nur ein Jahr später ist er am Ende und Joanies Ehe auch. Boyle präpariert die drei Jahre 1962, 1963 und 1964, in denen mit Kennedys Ermordung die erste grundlegende Erschütterung des amerikanischen Selbstverständnisses nach 1945 liegt, aus Learys Lebenslauf heraus, der damals mit der Tätigkeit in Harvard seinen institutionellen Höhepunkt erlebte und später mit etlichen Verhaftungen eine ganze Serie von Tiefschlägen. Aber der Niedergang des Mannes, der „Das Licht“ als Stoff erst einschaltet und drei Jahre lang am Brennen hält, interessiert Boyle nicht.

Er erzählt von denen, die sich am Ende im Dunkeln wiederfinden, als die Lichtgestalt sich neuen Herausforderungen zuwendet, die seinen Hunger aus psychopharmakologischen und amourösen Erfahrungen noch intensiver verbinden. 1964 erscheint Nena von Schlebrügge in Millbrook: „Keiner von beiden wusste, dass diese sehr große junge Frau mit einem Pekinesen auf dem Arm, dem makellosen Gesicht und der Traumfigur ein Model und bereits berühmt war, weil sie in einer Fernsehreklame für Erik Zigarren als Wikingerprinzessin am Bug eines den Hudson hinauffahrenden Schiffes gestanden hatte, und dass sie für Millbrook eine größere Gefahr darstellte als alle Polizisten des Countys zusammen.

Innerhalb von Minuten fasste sie Tim ins Auge, den beglaubigten Prominenten, der sogar noch öfter in der Zeitung stand als sie, und eine Stunde später nahmen die beiden in der Abgeschiedenheit seines Schlafzimmers das Sakrament ein. Zwei Woche später gaben sie ihre Verlobung bekannt, verbunden mit der Ankündigung, dass sie im Dezember heiraten und eine sechsmonatige Hochzeitsreise durch Indien machen würden . . . und was würde dann aus dem inneren Kreis werden?“ Ohne das Zentralgestirn zerfällt er. Seinen Roman schließt T. C. Boyle aber schon vorher ab. Was danach geschieht, ist eh unvermeidlich.

T. C. Boyle: „Das Licht“. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München 2019. 383 S., geb., 25 Euro.

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