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Schriftstellerbiographie : Topograph der horizontalen Höllenstürze

Arno Schmidt im VW-Bus des Ehepaars Michels bei einem gemeinsamen Ausflug Anfang der sechziger Jahre Bild: Wilhelm Michels/Arno Schmidt Stiftung Bargfeld

Arno Schmidt war ein unbeugsamer Schriftsteller und ein Atheist – der aber, als wäre er Gott, nicht revidierbare Urteile über andere und sich selber sprach. Sein Biograph Sven Hanuschek braucht tausend Seiten für den Versuch, das Leben dieses Mannes zu fassen.

          6 Min.

          Die Überschrift dieser Re­zension zitiert eine Selbst­charakterisierung desjenigen, dem das besprochene Buch gilt: Arno Schmidt. Sie entstammt dem Jahr 1953 und dem ersten Brief des Schriftstellers an Wilhelm Michels, einen Mann, der mit Schmidt immerhin schon sieben Jahre später per Du und für ins­gesamt dreihundert Werkausgabendruckseiten Korrespondenz gut war, aber 1968 in Ungnade fiel – kurz nachdem Michels von Schmidt ein Darlehen gewährt bekommen hatte. Normalerweise würde man die Aufkündigung einer Freundschaft eher vom Darlehens­nehmer er­warten, denn der Geber hat ja etwas zu verlieren. Aber für Schmidt bedeutete Geld nicht mehr als tägliche Ruhegewährung, damit er Zeit zum Schreiben fand, und der in die Nachbarschaft gezogene Michels stellte mit seiner Gegenwart just diese Ruhe infrage. Also ließ ihn Schmidt privat zur Hölle fahren, allerdings unausgesprochen. Der Briefwechsel von seiner Seite verläpperte einfach.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Schmidt bezeichnete sich genauer ge­sagt als „Topographen der horizontalen Höllenstürze“. Was er darunter verstand, hat er Michels so erläutert: „Der, der nebenher stürzt, und aus seinen Adern mitstenographiert: wenns alle ist, ists alle!“ Will sagen: Ein Schriftsteller wie er – nein, bei einem Mann wie Schmidt schon falsch: nur er – ist als Zeitzeuge der historischen Umbrüche, die NS-Zeit, deutsche Niederlage, Besatzungszeit und Adenauer-Regierung bedeuteten, buchstäblich bis aufs Blut gefordert insofern, als er alles, über das er verfügt, aufs (Be-)Schreiben verwenden wird. Und am Ende ebenso zerschmettert daliegen wie die von ihm dokumentierten Höllen­gestürzten. Die Horizontalität dabei verdankt sich der Tatsache, dass der Atheist Schmidt „Höllensturz“ als weltliche Meta­­pher deutlich machen wollte. Das verhinderte allerdings nicht, dass er persönlich selbstherrlich wie ein Gott über sich und andere urteilte.

          Arno Schmidt in den frühen Siebzigern beim Spaziergang rund um Bargfeld, fotografiert von seiner Frau Alice
          Arno Schmidt in den frühen Siebzigern beim Spaziergang rund um Bargfeld, fotografiert von seiner Frau Alice : Bild: Arno Schmidt Stiftung Bargfeld

          Diese Ambivalenz spielt kaum eine Rolle in Sven Hanuscheks fast tausendseitiger Biographie von Arno Schmidt, die jetzt mit gebührlicher Verzögerung bei Hanser erschienen ist. Schmidt starb 1979, und das ideale Publikationsdatum wäre vor acht Jahren zum hundertsten Geburtstag gewesen, aber lange Zeit hatte noch Schmidts Stellvertreter auf Erden, Bernd Rauschenbach, seines Zeichens Sekretär der Arno-Schmidt-Stiftung, die alle Rechte am Werk hält, über eigenen Biographieplänen gesessen. Aus seinen Vorarbeiten entstand 2016 immerhin eine „Bildbiographie“ über Arno Schmidt, auch schon 450 Seiten dick und sowohl text- als auch faktenreich. Es wäre kein Wunder gewesen, wenn man es dabei belassen hätte, zu­mal Schmidt ein bildbezogener Schriftsteller war, der seine frühe Prosa typographisch als Äquivalent zu Fotoalben gestaltete und für seine späten Romane immer wieder auf Anregungen durch Abbildungen zurückgriff. Die Bildbiographie durfte man deshalb als adäquate Form ansehen, zumal die Aufnahmen der Person Arno Schmidt darin meist das zeigten, was seine langjährige Putzfrau Erika Knopp das „Fotogesicht“ des Schriftstellers nannte: skeptisch, bärbeißig, abweisend. Er wollte eben auch bei der Inszenierung seiner selbst Herr der Sache bleiben.

          Erst kam Canetti, dann Arno Schmidt

          Aber ein Autor von Weltrang, als den Schmidt sich zweifellos ansah und der er vom literarischen Rang (wenn auch bislang nicht vom literarischen Ruhm) her ist, braucht natürlich doch noch eine klassische Biographie, und so kam 2014 Sven Hanuschek ins späte Spiel. Zuvor hatte der bereits die voluminöse Lebens­beschreibung eines anderen großen deutschsprachigen Schriftstellers verfasst: Elias Canetti. Ein vergleichbarer Fall, was Selbstüberzeugtheit und Qualität des Schaffens angeht, nur dass Canetti den Literatur­nobelpreis bekommen hat. Und die Kon­trolle über sein Nachleben wohl instrumentierte – seine Tagebücher sind bis 2024 gesperrt; Hanuscheks Biographie war zwanzig Jahre früher abgeschlossen. In Sachen Arno Schmidt wurde ihm die biografische Arbeit leichter gemacht: Die Stiftung hat sie nicht nur mitfinanziert, sondern ihm auch alles zugänglich gemacht, was sie aufbewahrt. Vor allem aber wird Arno Schmidt im Gegensatz zu Canetti, dem Hanuschek mit spürbarer Reserviertheit begegnete, von ihm bewundert: Er „begleitet mich seit 40 Jahren, ein Autor, dessen erstaunliche Literatur immer noch an Faszination gewonnen hat“. Gute Voraussetzungen für einen Götterliebling, nicht notwendig ideale für eine Biographen.

          Hanuscheks Canetti-Biographie war bereits eine gewesen, die sich zugunsten extensiver Werkanalysen ums Leben selbst herummogelte – besonders spürbar in den Darstellungen der diesen Autor prägenden zwanziger bis vierziger Jahren, während der Canetti der Sech­ziger mit einer Lebendigkeit por­trätiert wurde, die sich seiner damals einsetzenden Publikationsflut und der Möglichkeit von Gesprächen mit noch lebenden Wegbegleitern verdankte. Dieses Muster wiederholt sich nun bei der Schmidt-Biographie. Über Kindheit, Jugend, vor allem aber die von Schmidt nach eigener Aussage von Beginn an als desaströs empfundene NS-Zeit gibt es bei Hanuschek nichts, was über das Bekannte hinausginge, während später dann Farbe ins Programm kommt, weil Hanuschek aus der Fülle der Leserpost an Schmidt schöpfen kann, die in den fünfziger Jahren einsetzt.

          Arno Schmidt, um 1935
          Arno Schmidt, um 1935 : Bild: Arno Schmidt Stiftung Bargfeld

          Aber was besagt sie über Schmidt selbst? Er empfand sie als bloße Störung, und so hätte Hanuschek die psychologische und soziologische Deutung eines Mannes liefern können, der mehr und mehr das Schreiben als Selbstzweck betreibt und trotzdem immer mehr öffentliche Aufmerksamkeit findet. Aber kaum ein Wort zu gesellschaftlichen Entwicklungen in der Bundesrepublik außer einer auffällig aggressiven Adenauer-Schelte, die sich natürlich auch nur wieder Schmidt selbst verdankt, und einem – euphemistisch gesprochen – Seitenblick auf die Studentenbewegung. Für die Schmidt bekanntlich gar nichts übrig hatte. Doch muss das auch seinen Biographen ab­schrecken? Und neue Ostpolitik, Terrorismus, Ökologie- und Friedensbewegung – stoppten alle diese Nachrichten am stacheldrahtgekrönten Gartenzaun von Bargfeld, dem Schmidt’schen Domizil der letzten 21 Jahre? Und wenn ja, was besagte das für diesen Autor und die von ihm ausgehende Faszination?

          Reicht als Rechercheschwerpunkt Bargfeld?

          Hanuschek hat vor allem dort recherchiert: in Bargfeld, dem kleinen niedersächsischen Dorf mit seinem unbeugsamen Einwohner, wo auch dessen Nachlass liegt. Zweimal jährlich war er während der Arbeit an der Biographie für längere Zeit dort zu Gast. Wo aber sonst noch? Weder Text noch Anmerkungen ist das abzulesen. Genügte für ein Por­trät des sprichwörtlichen „Solipsisten in der Heide“ Solipsismus in der Heide? Nur ein Beispiel: Die notorisch große Leerstelle von Schmidts Soldatenzeit, während derer er in der Etappe erstmals Muße zum Schreiben hatte, wird nicht durch neue Archivfunde, geschweige denn Re­cherchen an den Stationierungsorten im Elsass oder in Norwegen gefüllt. Mag sein, dass es da gar nichts gegeben hätte, aber das Desinteresse von Hanuschek an den Realien des Lebens ist eklatant. In seiner Beschränkung aufs schriftlich Ge­lebte entspricht er genau seinem Gegenstand, der einmal über den mit ihm ­befreundeten (und dann wie Michels fallengelassenen) Schriftsteller Hans Wollschläger geurteilt hat: „man kann nicht leben wollen und großer Künstler werden – beides geht nicht.“ Heißt das aber, dass ein großer Künstler gar nicht gelebt hat?

          Ins Schwimmen kam er in eigenen Augen nie: Arno Schmidt in den sechziger Jahren, fotografiert von Wilhelm Michels.
          Ins Schwimmen kam er in eigenen Augen nie: Arno Schmidt in den sechziger Jahren, fotografiert von Wilhelm Michels. : Bild: Wilhelm Michels/Arno Schmidt Stiftung Bargfeld

          In Hanuscheks Biographie von Canetti findet sich dessen Bemerkung, man sei „nicht berechtigt, einen Menschen zu rezensieren wie einen schlechten Ro­man“. Ganz in diesem Sinne verkneift sich Hanuschek wertende Kommentare, solange sie am Denkmal von Schmidt kratzen könnten. Stattdessen kann etwa die Biographie gar nicht oft genug betonen, wie viele Leserinnen Schmidt habe – um den Vorwurf zu entkräften, er sei ein Autor für Männer. Wenn man dann aber Hanuscheks Referenzautoren für seine Darstellung des Schmidt’schen Schreibens ansieht, bleibt kaum mehr eine Frau übrig. Was bedeutet es denn, dass das berühmt-berüchtigte „Dechiffriersyndikat“, das sich seit 1970 mit der Analyse von Arno Schmidts Texten beschäftigte, und die daraus entstandene Zeitschrift „Bargfelder Bote“ fast ausschließlich Männersache war?

          Aus den Erträgen dieser Forschung stellt der Literaturwissenschaftler Friedhelm Rathjen seit Jahren regelmäßig ­klei­ne Sammelbände zusammen, deren jüng­ster jetzt parallel zur Hanuschek-Biographie erschienen ist und die ersten zehn Nachkriegsjahre zum Schwerpunkt hat, also die langsame Etablierung Schmidts im Literaturbetrieb. Was da etwa Michael Töteberg über das Verhältnis des Schriftstellers zu Rowohlt, dessen erstem Verlag, aus den Archivalien zu­sammenträgt, ist un­gleich umfangreicher und vor allem vielschichtiger als Hanuscheks Darstellung des gleichen Sachverhalts, die sich ganz Schmidts Blickwinkel zu eigen macht. Überhaupt ist es verblüffend, wie selten in der Biographie auf den „Bargfelder Bo­ten“ verwiesen wird. Bio­gra­phen stehen ja nicht nur auf den Schultern jener Riesen, die ihre Gegenstände sind, sondern auch solcher, die ihre Vorläufer waren – und nicht selten auch ihre Vordenker.

          Versäumnisse des Lektorats

          Neue Gesichtspunkte zum Werk von Arno Schmidt liefert Hanuschek nicht, wenn man von seiner arg ermüdenden Nutzung des modisch gewordenen Metalepse-Begriffs absieht. Man möchte übers Lektorat dieses Buchs nicht zu viel spekulieren, aber es ist auffällig, dass sich Passagen zur Metalepse wie auch zu anderem mit einigen hundert Seiten Ab­stand beinahe wortwörtlich wiederholen – Zeichen der Resignation vor bloßer Materialfülle? Und weiß wirklich niemand bei Hanser, wann der „Schwarze Freitag“ war oder dass es keinen preußischen „Soldaten­kaiser“ gab? Andere Auf­fälligkeiten wurden wohl eher als Marotten des Verfassers gewertet, die immerhin Zeichen jener Souveränität gegenüber seinem Gegenstand sind, die sonst vermisst werden kann. So hätte es Schmidt angesichts von gleich fünf Kapitel-Motti aus dem Werk von Wolf Haas wohl geschaudert – Krimis waren nicht sein Fall.

          Bleibt aber auch ein starker Aspekt in dieser nicht lieb-, aber leblosen Lebensbeschreibung? Aber ja: Alice Schmidt. Wie wichtig sie fürs Schaffen ihres Mannes war, daran bestanden zwar nie Zweifel, hier jedoch wird sie sichtbar als geradezu schaffensnotwendige Begleiterin, ganz praktisch als Schreibkraft und ganz physisch als Muse. Das Auf und Ab dieser Ehe ist wie ein großer Roman, und es ist bezeichnend, dass Arno Schmidt nichts damit Vergleichbares geschrieben hat. Es wurde eben doch von ihm nicht alles Um­stürzende „mitstenographiert“, egal, ob vertikal oder horizontal. Und irgendwie freut man sich nach Lektüre von fast tausend Hanuschek-Seiten, dass längst noch nicht alles alle ist. Denn „mit ‚Klassikern‘=etwa lockt ihr keene ehrliche Jungfer mehr hinterm ElektroÖfchin hervor“, wie es in Schmidts „Zettel’s Traum“ einmal heißt.

          Sven Hanuschek: “Arno Schmidt“. Biographie. Hanser Verlag, München 2022. 990 S., Abb., geb., 45 Euro.

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