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Stephan Thomes Abenteuerroman : Von Menschen und Nicht-Menschen

Ende eines furchtbaren Bürgerkriegs: Die kaiserliche Hunan-Armee erobert im Juli 1864 Jinling, einen Vorort der Taiping-Hauptstadt, von den Rebellen zurück. Bild: Wu Youru

In Stephan Thomes historischem Abenteuerroman „Gott der Barbaren“ über die chinesische Taiping-Rebellion schwingen die globalen Unsicherheiten von heute mit. Über eine außergewöhnliche Parabel auf der Buchpreis-Shortlist.

          Woran soll man sich halten, wenn der Boden schwankt? Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gerieten die jahrtausendealten Selbstverständlichkeiten der chinesischen Zivilisation von gleich zwei Seiten her ins Wanken. Von Westen her ließen europäische Heere, die dem Kaiserreich geschäftliche und diplomatische Beziehungen nach europäischem Muster mit Gewalt aufzuzwingen vermochten, an der eigenen Überlegenheit zweifeln. Und in der Mitte des Reichs eroberte eine Bauernarmee große Territorien, die brutalsten Terror mit einem krude zusammengeklaubten Christentums-Verschnitt verband. Zwischen zwanzig und dreißig Millionen Menschen sollen in dem Bürgerkrieg um die Taiping-Revolte umgekommen sein – es ist eine Verdrängungsleistung eigener Art, dass dieses welthistorische Beben in der Erinnerung der westlichen Menschheit heute eine so geringe Rolle spielt.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Stephan Thome hat aus dem unglaublichen Stoff einen Roman gemacht, bei dem auf jeder seiner siebenhundert Seiten die Frage mitschwingt, wie man sich in den verwirrenden Umbruchszeiten heute orientieren kann. In der Auseinandersetzung mit der synkretistischen Terrorbande schießen alle möglichen machtpolitischen und ideologischen Gegensätze der Zeit zusammen: Das erinnert stark an die globale Unsicherheit, die heute der IS auslöst. Doch kein einziges Mal kehrt der Roman seinen Gegenwartsbezug ausdrücklich hervor. Vielmehr spitzt Thome die Paradoxien der miteinander kollidierenden Kulturen zu, indem er die historischen Akteure selbst ihre je eigene Logik entfalten lässt; zum eigentlichen Gegenstand des Romans werden so seine ständigen Perspektivwechsel. Jedes Kapitel wird aus der Warte einer von drei Hauptfiguren erzählt, von denen zwei historisch sind.

          Wer kein mitfühlendes Herz hat ist kein Mensch

          Eine von ihnen ist der chinesische General Zeng Guofan, der Chef der Hunan-Armee, die den Aufstand am Ende niederschlägt. In einer Szene lässt Thome den General eine Rede an seine Soldaten halten, in der er Menzius und einen zweihundert Jahre alten Ausspruch des Gelehrten Wang Fuzhi zitiert: „Der Unterschied zwischen den Barbaren und uns ist, dass wir Mitgefühl haben.“ Menzius, der Philosoph des chinesischen Humanismus, hatte in dem spontanen Mitgefühl, aus dem heraus ein Fremder ein am Rand eines Brunnens spielendes Kind vor dem Sturz in die Tiefe bewahrt, das Kennzeichen von etwas allgemein Menschlichem gesehen. Doch dieses Menschliche wird in der Ansprache des Generals jetzt zum Medium der Abgrenzung: „Wer kein mitfühlendes Herz hat – ist kein Mensch“.

          Das Mitgefühl mit dem bedrohten eigenen Volk soll sich darin bewähren, kein Erbarmen mit den Feinden zu haben, die als Nicht-Menschen identifiziert werden: „Wir hacken sie in Stücke!“ Aus dem, was man ursprünglich als Keimzelle einer chinesischen Art Universalismus bezeichnen konnte, wird die Keimzelle eines schonungslosen Nationalismus; man könnte auch sagen, das eine ist im anderen enthalten, eine Kippfigur, die in der politischen Wirklichkeit mal in die eine oder die andere Seite ausschlägt. Den Umschlag vom universellen Zivilisationsstaat zum Nationalstaat, den man in China tatsächlich bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückverfolgen kann, löst Stephan Thome hier mit leichter Hand in eine erfundene Szene auf. Eine chinesische Szene, die zugleich auch an westliche Ambivalenzen denken lässt, etwa wenn mit einem universalistischen Eintreten für Menschenrechte Kriege mit einer großen Zahl ziviler Opfer begründet werden.

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