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Stephan Thomes Abenteuerroman : Von Menschen und Nicht-Menschen

Sie verstellen den Zugang zur fernen Zeit

Nur die dritte der Hauptfiguren, die einzig erfundene, wirkt bisweilen etwas holzschnitzartig und konstruiert: der junge Deutsche Philipp Johann Neukamp, der aus sozialreformerischer Begeisterung für die Ideale der demokratischen 48er-Revolution zuerst als Missionar nach Hongkong kommt und sich dann zu den Rebellen nach Nanking durchschlägt. Er begegnet dort sogar dem sagenumwobenen Anführer der Aufständischen, dem „Himmlischen König“ Hong Xiuquan, der sich selbst für den jüngeren Bruder Jesu hält. Hong macht den Ausländer zu einem Unter-König, von dessen durch schöne junge Frauen protokollierten Träumen er sich weitere Offenbarungen erhofft.

Die deutsche Identifikationsfigur mit ihren mehr oder weniger heutigen Vorstellungen („Jeder weiß, dass wir Teil eines dreckigen Spiels sind“, sagt Neukamp schön aufgeklärt einmal) soll offenbar dazu herhalten, das extrem Entlegene und Monströse der Rebellenbewegung aufzuschließen. Doch dieser Versuch gelingt nicht ganz. Der eher handfeste Realismus der Erzählweise, der sich in den ideengeschichtlichen Passagen als Medium abgeklärter Distanzierung bewährt, stößt an seine Grenzen, sobald er in das Herz des Irrwitzes vorzustoßen sucht. Das Psychogramm der Sektierer bleibt ebenso blass wie die Schilderungen der von ihnen eingenommenen Stadt. Dazu trägt auch bei, dass Thome allzu unbekümmert anachronistische Redewendungen einflicht, etwa wenn irgendwer mal wieder „frustriert“ ist oder irgendetwas „kontrovers diskutiert“ wird. Die Nähe, die solche Gegenwartsformeln suggerieren, verstellt den Zugang zur fernen Zeit eher, als dass sie ihn erleichtert.

Doch gegenüber der Originalität dessen, was dieser Roman zustande bringt, fällt dieser Mangel nicht groß ins Gewicht. Die Geschichte des Philipp Johann Neukamp ist auch die Geschichte eines Selbstverlusts, den jeder riskiert, der sich in den Wirbel der Zeiten und Kulturen hineinbegibt. „Für jeden von uns gibt es eine Grenze dessen, was er aushalten kann, ohne ein anderer zu werden“, bemerkt er als Ich-Erzähler zu Beginn, und gegen Ende, als er sich eine neue Existenz als Unternehmer in Amerika aufgebaut hat, muss er sich eingestehen, dass er diese Grenze gleich mehrfach überschritten hat: „Wenn ich mich heute erinnern will, wer ich gewesen bin, weiß ich nicht, wen ich eigentlich meine.“ Der Roman legt nahe, dass das für ganze Kulturen auch gilt. Und vielleicht sogar für ihn selbst, wenn er im Strudel der Perspektiven, die jede für sich gleich plausibel und tödlich sind, jeden Boden zu verlieren scheint. An einen solchen Punkt überhaupt zu kommen ist keine geringe Leistung.

Stephan Thome: „Gott der Barbaren“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 719 S., geb., 25,– €.

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