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Stephan Thomes Abenteuerroman : Von Menschen und Nicht-Menschen

Stephan Thome erzählt von einem China, in dem jahrtausendealte Selbstverständlichkeiten ins Wanken geraten.

Erfundene, eingefühlte Szenen und historische Fakten stützen und verstärken sich in diesem Roman ständig gegenseitig. Tatsächlich wurde der philosophierende General, der seine Offiziere und vor allem seinen Bruder mitten im Kampfgetümmel immer wieder ermahnt, als Erstes einen Aufsatz zu irgendeiner alten Gedichtzeile zu verfassen, später dadurch berüchtigt, dass er sämtliche Einwohner einer Stadt, die seine Armee einnahm, massakrieren ließ. Kultur und Verbrechen erscheinen da als zwei Seiten derselben Medaille. Als die in der Hauptstadt regierende Kaiserinwitwe schon Angst bekommt, er wolle mit seiner durch den Triumph errungenen Macht die Dynastie stürzen und eine neue begründen, sagt er, er habe etwas ganz anderes vor: nämlich eine große Ausgabe der Schriften von Wang Fuzhi herauszugeben – „als Zeichen des Sieges, um zu beweisen, dass wir haben, was diesen Bestien fehlt“. In einem anderen Dialog blickt er auf die Zeit voraus, in der die gegenwärtige Schwäche Chinas gegenüber Europa sich durch fleißiges Lernen von ihm in Stärke verwandelt haben wird: Werden die Chinesen dann „noch achtfüßige Aufsätze schreiben“ können? All die Fragen der kulturellen Selbstvergewisserung inmitten der machtpolitischen Expansion, die China heute umtreiben, sind in dieser kleinen Szene schon angelegt.

Als westlicher Gegenspieler tritt der Sonderbotschafter der britischen Krone, Lord Elgin, auf. Auch er neigt zur Selbstreflexion, und auch ihn hält das nicht von knallharter Wahrnehmung der Interessen seines Landes ab, die vor allem Geschäftsinteressen sind. „Für einen Mann wie ihn war es keine Kleinigkeit, einer alten Zivilisation den Todesstoß zu versetzen“, heißt es an einer Stelle über ihn, den der Anblick chinesischer Schriftzeichen mit Ehrfurcht erfüllt. Doch ebendieser Mann mit seinen Selbstzweifeln und seinem europäischen Sinn für fremde Kulturen gibt später den Befehl, den Sommerpalast des Kaisers dem Erdboden gleichzumachen – eine Barbarei, die schon der Zeitgenosse Victor Hugo anprangerte und die der chinesischen Propaganda bis heute als Menetekel nationaler Schwäche gilt, ohne das der wirtschaftliche und militärische Aufstiegswille seither nicht zu verstehen sei.

Unterschiedliche Arten der Logik

In einer Szene kommt es zu einer direkten Begegnung von Lord Elgin mit einem Abgesandten der Hunan-Armee, dem ebenso jungen wie selbstbewussten und klugen Li Hongzhang. Lord Elgin lässt sich zu einer kleinen Exkursion über die Dialektik des Fortschritts hinreißen: Hat der optimistische Herbert Spencer recht, für den jede Neuerung der Auslöser weiterer, immer komplexerer Neuerungen sei, oder aber der skeptische Machiavelli, bei dem ein geschichtlicher Schritt den nächsten bedinge, „bis der Ablauf des Ganzen seinen Sinn gleichsam überholt hat, verstehen Sie?“

Der Einwurf des Chinesen holt den Lord dann unsanft auf den Boden zurück: „Unser Gast möchte wissen, wie groß die Einwohnerzahl Englands ist“. Wie sich herausstellt, fragt er das allerdings nicht aus Unbedarftheit, sondern als listig-humoristische Vorbereitung seiner Forderung, dem Kaiser Kanonen für seinen Kampf gegen die Rebellen zur Verfügung zu stellen, da England mitverantwortlich sei an Chinas gegenwärtiger Not: Seine Landsleute lebten „in dem Glauben, dass England eine so kleine Insel ist, dass die Hälfte der Bevölkerung auf Schiffe verfrachtet und in ferne Länder gebracht werden muss. Aus Platzmangel.“ Die Souveränität und der Witz, mit denen Thome da unterschiedliche Diskursstile aufeinanderprallen lässt und mit ihnen unterschiedliche Arten der Logik, die sich bis heute nicht ohne weiteres gegeneinander verrechnen und auflösen lassen, ist bewundernswert. Thome ist Sinologe, doch er breitet sein Wissen fast nie belehrend aus, sondern mit einem dramatischen Sinn für die größtmögliche Zuspitzung.

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