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Steffen Kopetzkys „Propaganda“ : Versöhnung mit der Realität gibt es nur am Schreibtisch

  • -Aktualisiert am

Heillos und mörderisch – und „ein Riesengeschäft“: der Krieg in Vietnam Bild: dpa

Im Krieg und in der Vaterlandsliebe ist alles erlaubt: Steffen Kopetzkys Roman „Propaganda“ erzählt die Geschichte eines Patrioten im Zwiespalt.

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          Wie einfach wären Krieg und Frieden, wenn es keine Schnittmenge zwischen Gut und Böse gäbe? Dann wären die einen die good guys und die anderen die bad guys. Man könnte sich auf die eigene Ehrenhaftigkeit konzentrieren und seinen Feldzug gegen die Niedertracht feiern.

          So wurde es propagiert in den Vereinigten Staaten der frühen siebziger Jahre, als amerikanische Bomben auf Nordvietnam fielen und unzählige Menschen töteten, um einen Krieg am Laufen zu halten, der da schon ungewinnbar war. „Wegen Hitler ist alles erlaubt“, sagt John Glueck in Steffen Kopetzkys „Propaganda“ in einer passionierten Anklage gegen sein Heimatland. „Wer gegen den Teufel kämpft, braucht sich keine Schranken aufzuerlegen.“

          John Glueck ist Patriot im Zwiespalt. Er ist Amerikaner, aber auch Deutscher. 1921 als Nachfahre rheinländischer Einwanderer in der Bronx geboren, wächst er im Banne seiner transatlantischen Herkunft auf. Seine Großmutter spricht Pennsilfaanisch Deitsch mit ihm („es gebt viele schwatze Schof, awwer sie gewwe all weissi Millich“), später studiert er Germanistik. Thomas Mann liebt er genauso wie Thomas Wolfe. Aus der Ferne scheint ihm Deutschland, dichtend und denkend, ein mythisches Theater- und Burgenland. Als Hitler an die Macht kommt, lässt John Glueck sich von der Army rekrutieren, um gegen das Land zu kämpfen, „das ich, ohne es je gesehen zu haben, inniglich liebte“.

          Er landet im Department for Psychological Warfare, kurz: Sykewar. Was sich nach Seelenfolterkammer anhört, bedeutet für John Glueck eine Redakteursstelle beim „Sternenbanner“ mit Sitz in London. Die vierseitige Zeitung, die amerikanische Flieger über dem Großdeutschen Reich abwarfen, sollte die Bevölkerung über die aussichtslose militärische Lage unterrichten und ihr gleichzeitig klarmachen, dass Rettung naht. Nach Deutschland kommt Leutnant Glueck 1944 im Zuge einer Reportage, die er über Ernest Hemingway schreiben soll, der sich als Kriegskorrespondent in Frankreich aufhält.

          Steffen Kopetzky: „Propaganda“. Roman. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2019. 496 S., geb., 25,– €.

          Das ist der eine Erzählstrang. Der andere spielt im Jahr 1971 in einem Regionalgefängnis des amerikanischen Bundesstaats Missouri. Wichtigster Insasse: John Glueck. Nach Kriegsende hat er eine Stelle bei der Denkfabrik Rand Corporation angetreten und berät nun das Pentagon.

          Dort fallen ihm Informationen zu, die ihn erstmals an der Doktrin von Sankt Amerika zweifeln lassen. Ihm wird klar, dass der Krieg in Vietnam heillos und mörderisch ist – und „ein Riesengeschäft“. „Ich fühlte mich wie ein sich unschuldig wähnender, buchhalterischer deutscher Offizier im Jahre, sagen wir, 1943, der gerade zum ersten Mal den Zusammenhang zwischen mehr Zugfahrten in die Lager, zugleich steigenden Kosten für Zyklon B und Gaslieferungen für die Krematorien zu verstehen begann.“ John Glueck wird zum Whistleblower. Glueck kommt vor Gericht.

          Berührungspunkte der Kulturen

          Das alles ist packend erzählt. „Propaganda“ bespielt zwar, wie schon Kopetzkys Vorgängerroman „Risiko“, eindeutig das Gestern der historischen Fiktion: Da murrt Hemingway mal etwas über die Noblesse des Krieges; da schlägt, knapp dreißig Jahre später, der inhaftierte John Glueck eine „Washington Post“ auf, die sich dem Publikationsveto der Nixon-Regierung widersetzt. Das ist unriskanter Stoff, abgesegnet durch Erzählung und Wiedererzählung. Das große Verdienst dieses Romans aber ist, dass er eindrucksvoll zeigt, wie viele Berührungspunkte die deutsche Kultur mit der amerikanischen hatte und hat.

          Einige sind unmittelbar. An der Westfront etwa kämpften pennsilfaanische Muttersprachler, Amerikaner also, aber „wenn’s nicht ihre Aufgabe wäre, sich gegenseitig umzubringen, könnten sie sich mit den Deutschen direkt über das schlechte Wetter hier in dies’ finstern Gebirch unterhalten“. Andere Verbindungen sind schemenhaft. Der Konzern Monsanto war im Vietnam-Krieg für die Entlaubung von Waldflächen zuständig, um Guerrillakrieger zu behindern. Monsanto war damals Geschäftspartner der Leverkusener Bayer AG, seit vergangenem Jahr gehört das Unternehmen zu Bayer.

          Kopetzky bietet überraschende Wissensbissen und Anekdoten. Von einem Weggefährten, der dem Seneca-Stamm angehört, erfährt John Glueck 1944, dass die sechs Nationen der Iroquois seit Jahrzehnten mit Deutschland im Krieg stehen. 1917 hätten sie dem Kaiserreich den Krieg erklärt, seien jedoch in Versailles nicht berücksichtigt worden und folglich noch, beziehungsweise schon, mit der Weimarer Republik verfeindet gewesen.

          Müsste man „Propaganda“ eines anlasten, dann, dass die Wege des Protagonisten sich mit so vielen Persönlichkeiten kreuzen, dass es sich mitunter wie namedropping ausnimmt. In Whit Burnetts Schreib-Workshop an der Columbia-Universität sitzt John Glueck mit „Jerry“ Salinger und „Henry“ Bukowski. Im Krieg wird ihm Hemingway gleich so vertraut, dass er ihn „Papa Hem“ nennt. Später schreibt er Präsident Kennedy den Satz „ISH-Pin-ain-BurleenAh“ auf. Doch selbst wenn das Personal manchmal überbesetzt ist, überwiegt am Ende Kopetzkys Erzählgeist.

          Propaganda, dieses Gruselwort: die Wahrheit gewordene Lüge. Mit Blick in die Welt – gerade nach Washington – möchte man dieser Tage fragen: Wann hört man damit auf? Als gelernter Propagandist weiß John Glueck: „Versöhnung mit der Realität gibt es nur am Schreibtisch.“ Dort entstehen die Klassifizierungen good guys und bad guys. Das verleitet Kopetzky keineswegs zu Apologien der Letzteren. Wohl aber zu der Erkenntnis, dass Erstere fast immer Propaganda sind.

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