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Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit : Ihn schreckte kein Eis und keine Finsternis

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Bild: Argon

Perfekter Interpret für die Gegenwart: Jürgen Hentsch liest Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“. Den Sound dieses Vortrags wird man nicht mehr vergessen.

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          Eine Wiederentdeckung ist zu machen: die Begegnung mit einem Werk, das einst in keinem Bücherregal fehlte, als ideales Konfirmandengeschenk galt und das Hunderttausende begeistert haben muss für die Beschäftigung mit jenen Momenten geschichtlicher Zuspitzung, über die der Autor schreibt: „Immer müssen Millionen müßige Weltstunden verrinnen, ehe eine wahrhaft historische, eine Sternstunde der Menschheit in Erscheinung tritt.“ Lange ehe Heinrich Breloer fürs Fernsehen das Doku-Drama perfektionierte, hat der beispiellos produktive Erfolgsschriftsteller Stefan Zweig die Mischung aus Historienschreibung und Fiktion als Textgattung erfunden: Es muss sich nicht so zugetragen haben, aber es hätte so sein können. Die Sammlung von vierzehn solcher historischer Momentaufnahmen, Zweig nennt sie „Miniaturen“, sind jetzt als Hörbuch herausgekommen.

          Die erste Ausgabe der „Sternstunden“ erschien 1927 bei Insel und war gleich ein Erfolg, allein bis zum Jahresende 1928 waren schon 130 000 Exemplare gedruckt. Das Büchlein enthielt zunächst fünf Geschichten und wurde später auf vierzehn erweitert: So beschreibt „Die Weltminute von Waterloo“ Napoleons Niederlage und seinen allzu gehorsamen Marschall Emmanuel de Grouchy. „Die Marienbader Elegie“ schildert Goethes letzte Liebe zu Ulrike von Levetzow und deren lyrische Bewältigung, „Die Eroberung von Byzanz“ spürt dem Einfall der Türken durch eine offene Tür in der Stadtbefestigung nach. Das breite thematische Spektrum reicht weiter von der Komposition der Marseillaise und der des „Messias“ über die von Triumph und Niederlage begleitete Verlegung des Telegraphenkabels durch den Atlantik bis zur bewegenden Fortschreibung des Dramas von Leo Tolstois häuslicher Krise und seinen letzten Tagen. Auftritte haben ferner Lenin, Cicero und Woodrow Wilson, „Der Kaiser von Kalifornien“ Johann August Sutter, der Entdecker Vasco Núñez de Balboa und der Komponist der Marseillaise Claude Joseph Rouget de Lisle.

          Packend bis zur letzten Minute

          Einige Texte wirken heute ein wenig schleppend, etwa die „Eroberung von Byzanz“, andere packen einen von der ersten bis zur letzten Minute. Wie der „Kampf um den Südpol“. Zweig schildert den Wettlauf der Rivalen Roald Amundsen (Norwegen) und Robert Falcon Scott (England) aus der Sicht des Briten, und niemand, der diese Geschichte von Entbehrung, eisernem Willen, Scheitern und schließlich menschlicher Größe im Angesicht des Todes gehört hat, wird sie vergessen. Und erst recht nicht die unerhörte Begebenheit vom Ende des Lawrence Oates, der als Mitglied der Expedition seine Kräfte schwinden spürt und – um die anderen nicht aufzuhalten – im Eis den Freitod sucht. Ja, es sind pathetische Geschichten, und gesprochen lassen sie sich vielleicht leichter goutieren als geschrieben. Dass dies der Fall ist, liegt an der Könnerschaft des Sprechers Jürgen Hentsch, der jeder Effektschinderei entsagt.

          Als ahnte er, dass die kleinste Hingabe ans Pathos die Wirkung des Textes heute beschädigen müsste, verzichtet Hentsch ganz auf den hohen Ton. Der Charakterschauspieler, einem großen Publikum bekannt geworden als Heinrich Mann in der Dokufiction „Die Manns“, nimmt sich ganz zurück, „schauspielert“ nicht, er hebt kaum die Stimme, selbst dann nicht, wenn das Manuskript eine „erregte“ Äußerung vorschreibt (wie die des Studenten im Tolstoi-Drama). Hentsch vertraut dem Text und seinem eigenen verhaltenen Bariton. Denn er weiß, dass heute, 81 Jahre nach der Erstveröffentlichung, diese Miniaturen mit ihrer hochfliegenden Gefühligkeit girlandenhaft überdreht wirkten, würde man sie auch im Vortrag noch forcieren. Jürgen Hentsch ist der perfekte Interpret dieser „Sternstunden“ für die Gegenwart, im Jahr 1927 oder 1943 hätte man sie sicherlich noch anders vortragen müssen – gewaltiger und drängender, mit mehr Schicksal in der Stimme.

          Mit deklamatorischem Glanz

          So adäquat ist Jürgen Hentschs ruhiges Timbre, sein nie in die Gefahr der Hast geratendes Sprechtempo, dass die Behauptung gewagt sei: Wer immer die „Sternstunden“ als Buch zur Hand nehmen wird, nachdem er der Hörfassung lauschte, wird diesen Sound bei jeder Zeile im Ohr haben. Und dieser deklamatorische Glanz wird auch dadurch nicht stumpfer, dass Hentsch die englischen oder spanischen Passagen mit unfassbar deutschem Akzent und deutscher Sprechmelodie vorträgt – ein kleiner, verzeihlicher Makel, den er mit dem verstorbenen „König der Vorleser“ Gert Westphal teilt.

          Hilde Spiel hat aus Anlass seines hundertsten Geburtstags 1981 Stefan Zweigs üppigen „purpurnen“ Stil mit Di-stanz betrachtet: „Immer gab es der schillernden, schmückenden Attribute zu viel, häuften sich ekstatische Bilder, bebten seine historischen Schilderungen, seine Beschreibungen von fiktiven oder realen Personen gleichsam vor Leidenschaft.“ So ist es, nichts davon ist zurückzunehmen. Aber vielleicht passen Sprachprunk und die Überhöhung des Individuums als dem großen Beweger der Geschichte ganz gut in die Zeit. In Jürgen Hentschs unterkühlt-engagierter Darbietung sind diese „Sternstunden“ nach wie vor ein begeisterndes Werk. Fast wünschte man sich, ein Qualitätsautor von heute begänne ein ähnliches Projekt – Sternstunden aus unserer jüngeren Geschichte vom Betreten des Mondes zum Fall der Berliner Mauer nachzuzeichnen. Vielleicht käme er zu einer Betrachtung, die die Bedeutung des Einzelnen vor den historischen Zeitströmen und ökonomisch-technischen Gesetzmäßigkeiten schmälern würde. Aber ein bisschen Pathos dürfte auch dort getrost dabei sein.

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