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Neues Hörbuch von Tom Hanks : Unter richtigen Kerlen versteht man sich auf Anhieb

  • -Aktualisiert am

Auch die berühmte Rolle des Forrest Gump findet sich im Hörbuch von Tom Hanks wieder. Bild: Allstar/PARAMOUNT

Der Schauspieler Tom Hanks will als Erzähler so flotte Sprüche wie als Filmstar klopfen. Als Hörbuch wird sein Prosadebüt gleich von einem ganzen Sprecherensemble vorgetragen.

          Tschak, tschak, tschak – ping, ratsch, bong – schripp: Erkennen Sie die Geräuschkulisse? Erst sind es die harten Anschläge auf einer mechanischen Schreibmaschine, die das Zeilenende mit einem Signalton verkündet, dann wird der Schlitten per Hebel nach rechts bewegt und der Zeilenvorschub betätigt, um am Ende – schripp – das Blatt aus der Walze zu drehen. Tom Hanks, ein passionierter Sammler alter Schreibmaschinen, bringt sie in seinen Erzählungen „Uncommon Type“ überall zu Gehör.

          Zum einen verspricht der Titel jede Menge unverwechselbare Charaktere, zum anderen aber auch Schriftfonts in raren Tippmodellen, vom Typenhebel bis zum Kugelkopf. In jeder der fünfzehn Erzählungen „Schräge Typen“, zwei der Geschichten der Originalausgabe fehlen, kommt irgendwo eine Schreibmaschine vor.

          Die Geräusche im vorliegenden Fall stammen von einer schweren Continental in einer Zeitungsredaktion, die noch zu Beginn des digitalen Zeitalters von einem letzten Saurier des Journalismus bedient wird. Sein redaktioneller Bewunderer heißt Hank Fiset, der uns vier seiner Kolumnen „Unsere Stadt heute“ beschert. Als Anagrammist des Verfassers (Tief Hanks) ist er wie Tom Hanks verzaubert vom einmal Gewesenen.

          Anspielung auf Forrest Gump

          Blicke in die Vergangenheit sind in den meisten Texten zentral, auch als Anspielungen auf Hanks’ große Rollen, sei es als Forrest Gump, als Kommandant von Apollo 13 oder aktuell als Chefredakteur der „Washington Post“. In „Heiligabend 1953“ kommen einige Weltkriegsveteranen zusammen, in „Alan Bean“ spielen vier Jungs einen Mondflug für ein Instagram-Video nach, und in „Die Vergangenheit ist uns wichtig“ bietet eine Firma sündhaft teure historische Zeitreisen an.

          Der schönste Ausflug ins Gestern handelt von einer jungen Frau, die eine Fünf-Dollar-Erwerbung vom Flohmarkt bei einem Freak für „Business Machines“ instand setzen lassen will. Der Schrauber polnischer Herkunft, dessen Stimme Eva Gosciejewicz wundervoll sonor nachahmt, erklärt ihr geduldig und bestimmt, warum ihr „Spielzeug“ aus Plastik den Namen Schreibmaschine keinesfalls verdient. Stattdessen zeigt er ihr ausführlich richtige „Maschinen“ für die Ewigkeit, eine Remington, eine – im Booklet abgebildete – Royal oder eine schweizerische Hermes 2000, Hanks’ eigenes Einstiegsmodell. Darauf will die junge Frau „Betrachtungen meines Lebens“ tippen.

          Das Cover des neuen Hörbuchs von Tom Hanks: „Schräge Typen“. Stories.

          Tom Hanks’ Lebensbetrachtungen in Prosa sind kurzweilige Begleiter auf langen Autofahrten und durch neun verschiedene Sprecher auch höchst abwechslungsreich. Der amerikanische Traum vom Glück und vom Guten, selbst wenn es mal nicht so gut läuft, durchdringt sie alle. Der Stolz auf Popcorn und Coca-Cola, auf Neil Armstrong auf dem Mond und die Festnahme Saddams in seinem Erdloch ist spürbar und wird kaum durch Selbstironie getrübt.

          Doch trotz zahlloser amerikanischer Klischees und Markennamen geht es durchaus lustig zu. Die Komik besteht wie im Kino Hollywoods aber vor allem aus flotten Sprüchen, die ohne ablenkende Bilder nur sprachspielerische Pointen und Aperçus ohne Tiefgang bleiben.

          Ernst und trotzdem lässig

          Ab und zu werden sie durch die Übersetzung gebremst, die manchmal auch fehlerhaft ist – etwa wenn ein Junge rasch nach „a milk carton“ geschickt wird und natürlich eine Packung und keinen „Karton“ bringt.

          Der Ernst bei aller coolen Lässigkeit hängt mit einem starken Ideal von Männlichkeit zusammen, das vielleicht tief in der Geschichte von Siedlern und Cowboys verwurzelt ist. Solch ein Einverständnis von Unerschrockenheit und Kameradschaft begegnet dem Hörer etwa in „Apollo 13“, wenn Hanks vor dem vielleicht tödlichen Wiedereintritt des schwerbeschädigten Raumschiffs in die Atmosphäre zu seinen Begleitern sagt: „Gentlemen, it’s been a privilege flying with you.“

          Geschichten zwischen tödlicher Gefahr und Kinderträumen

          Es ist ebendieser sportliche Gestus, mit dem ein Dad seinen Sohn nach einem robusten Fernfahrerfrühstück zum Surfen an den Strand „Mars“ einlädt, und jene Haltung des Schweigens, als der schwerverletzte Junge seinen Vater sucht und diesen statt in dringende Geschäfte in eine ziemlich unzweideutige Beschäftigung mit einer fremden Frau im Auto vertieft findet.

          In der Erzählung „Ein besonderes Wochenende“ taucht ein Zehnjähriger in die Zeit vor der Trennung seiner Eltern ein und lernt vom neuen Liebhaber der Mutter, wie man sich so unter Männern richtig begrüßt und ein paar markige Worte wechselt. Als Geburtstagsbelohnung darf er dann im Privatflugzeug den Kopiloten spielen und selbst ein wenig das Steuer übernehmen. Unter richtigen Kerlen bedarf all das keiner großen Worte, man versteht sich eben auf Anhieb.

          Auf fremden Terrain gelingt Hanks nicht alles

          In „Catch me if you can“ ist der Scheckfälscher und Hochstapler Frank Abagnale ohne jede Ausbildung als Pilot, Chefarzt und Anwalt erfolgreich, bis Tom Hanks als FBI-Ermittler ihn stellt. Jetzt ist der beliebte Darsteller selbst in die fremde Rolle des Schriftstellers geschlüpft. Er fasst Fuß und hält sich wacker, aber er kann eben auch nicht alles gleich gut. Vor allem vermag er nicht über die eigenen Schatten vieler seiner Rollen und seiner jungenhaften Lebensphilosophie oder die Sprachgrenzen des kommerziellen Kinos hinauszuspringen.

          Am American Dream dürfen sich alle beteiligen, auch die blinden Passagiere und neuen Einwanderer in der vielleicht schönsten Geschichte „Geh zu Costas“. Den Mut und die Zuversicht zur Selbsterfindung müssen wir bewundern, auch wenn ein Filmstar sich als Autor ausprobiert. In der Kunst des positiven Denkens, die auch Tom Hanks überall versprüht, werden uns Amerikaner stets überlegen sein.

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