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Sandra Hüller liest Herrndorf : Die Stimme der Sterne

„Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist und nicht bescheuert“: Sandra Hüller spricht eine musikalische Hörfassung von Wolfgang Herrndorfs letztem, postum veröffentlichten Roman. Bild: Andreas Müller

Die Schauspielerin Sandra Hüller hat mit Musikunterstützung und in sehr vielen Zungen Wolfgang Herrndorfs letzten Roman magisch zum Sprechen gebracht: „Bilder deiner großen Liebe“.

          2 Min.

          Wie sie die Wörter spricht und dabei neu deutet, das kann man kaum aufschreiben: die Verbindung zwischen einerseits „die Blumen blüh’n“ und andererseits „am Himmel die Sonne“ heißt bei ihr nicht „und“, sondern „unt“, mit hartem End-T, weil diese Verbindung kein weiches Ineinanderverschwimmen von irdischen Farben und kosmischem Licht meint, sondern einen harten Kontrast, wie das Laute und das Leise auf diesem Album namens „Bilder deiner großen Liebe“, oder das Schnelle und das Langsame – hier singt und redet eine Dynamik, die das Gaspedal so entschlossen durchtritt wie die Bremse, manchmal beides gleichzeitig.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Schauspielerin Sandra Hüller atmet das alles, als wären diese Wechsel und Gegenüberstellungen nicht längst schon Redensarten, als hätte noch niemand je einen andern „mein schöner Freund“ (beziehungsweise viel mauliger, freier, wilder und schöner: „mein schöna Froind“) genannt. Wenn sie von Haar singt, „haaair“, dann reißt sie an dem Wort, bis es ziept, und wenn sie klagt oder flucht oder einfach nur mitteilt: „my heart is a graveyard“, dann fällt ihr ein deutsches Wort dazwischen, das punkige Zustimmung zum finsteren schwarzen Blutstrom meint, der durch diese Zeile geht: „my heart is a grave-JA!“

          Menschengöttin oder Gottmenschin

          Es geht auf diesem Album von (respektive: frei und doch streng nach) einem Nachlasstext von Wolfgang Herrndorf um eine Menschengöttin oder Gottmenschin, die in der Ich-Form von sich spricht und jubelt, flüstert und rätselt, mit Musik natürlich, denn so, wie es kleine Zeichen gibt, die auf einem Notenblatt die Vortragsweise einer Melodie erklären, kann umgekehrt auch der Klang verschiedener Instrumente, besonders solcher, die man aus der Rockmusik kennt, Vortragszeichen in ein Textgeschehen aus bekenntnishaften, dramatischen oder rhapsodischen Inselchen im Meer des sonstigen menschlichen Gelabers werfen.

          An diese Vortragszeichen hält sich die Schauspielerin dann allerdings nicht immer: Soll doch Moritz Bossmann einen ganz besonders breiten Bratz aus seiner E-Gitarre herausschlagen, soll doch Sandro Tajouri bei der Erwähnung von Weltkriegskatastrophen am allerschlagzeugsten auf seine Trommel hauen, egal – wenn Frau Hüller in so einem Moment, statt sich der musikalischen Stimmung anzubequemen, lieber wehmütig oder versonnen oder ironisch werden will, dann macht sie das halt, und man stört einander dabei nicht, sondern die Stimme verstärkt die widersprüchlich-einhellige Wirkung des Musikalischen so eher, verlobt das Eine mit dem Andern, und zeigt, wie Herzen sich selbst ihre eigenen Chöre werden können, die das Große aus dem Kleinen holen und das Kleinste im Größten finden, etwa im Himmelsgebet „Regulus“, einer Beschwörung, die sagt, man muss sehr genau sein, um den Umriss gerade nicht des detailliert Winzigen, sondern des Gigantischen richtig bestimmen zu können (den Rand der Sonne mit dem Daumennagel, wie es an anderer Stelle hier heißt), wie in „Kimi no shiranai monogatari“ („Die Geschichte, die du nicht kennst“) von der japanischen Band Supercell, in der Liebende im Gras liegen und hochschauen zum Sommersternendreieck Deneb, Altair und Wega (japanisch: „Denebu, Arutairu, Bega“).

          Am Ende dieses weltlich-überirdischen Stimmspiels „findet“ die Sprecherin „zwei Jungs in meinem Alter“. Die Herrndorf-Leserschaft wird sie erkennen. Ja, finden (im Sinne von: Neuem begegnen) und erkennen (im Sinne von: das ist es, was das Herz gesucht hat) sind dasselbe, wie schon die alten Sterngucker wussten. Hier kann man’s hören.

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