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: Zwölf Kugeln, die treffen

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Hinrichtung stellt den Extremfall im Konflikt zwischen Kollektiv und Individuum dar. Ihre Schilderung wird zum Prüfstein für die weltanschauliche Haltung eines Autors. Helmut Lethen hat in seiner Studie "Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit" (2006) Beschreibungsvarianten verglichen: ...

          Hinrichtung stellt den Extremfall im Konflikt zwischen Kollektiv und Individuum dar. Ihre Schilderung wird zum Prüfstein für die weltanschauliche Haltung eines Autors. Helmut Lethen hat in seiner Studie "Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit" (2006) Beschreibungsvarianten verglichen: Bertolt Brecht bereitet in seinen Lehrstücken Exekutionen didaktisch-dialektisch auf. Ernst Jünger organisiert im Mai 1941 als Wehrmachtshauptmann die Erschießung eines Deserteurs. Im Tagebuch beschreibt er die Szene dagegen, als sei er weitgehend unbeteiligt. Gottfried Benn schließlich begleitet 1915 als Oberarzt am Gouvernement Brüssel den Prozess und die Hinrichtung der englischen Krankenschwester Edith Cavell.

          Am 22. Februar 1928 veröffentlicht Benn im "8-Uhr-Abendblatt" der "Nationalzeitung" seinen Augenzeugenbericht. Der Autor, konstatiert Lethen, "spricht als teilnehmender Beobachter, haftet für seine Funktion, gibt dem Tod keinen wie immer gearteten dialektischen Sinn, ersetzt aber das Mitleid mit der Hingerichteten durch Farben der Erhabenheit, die er ihrem Sterben gibt".

          Inspiriert von dieser Analyse, behandeln nun Jörg Döring und Erhard Schütz das Exekutionsprotokoll des Dichters im Kontext von außen- und literaturpolitischen Debatten. Das Bändchen "Benn als Reporter: ,Wie Miss Cavell erschossen wurde'" kompiliert und ergänzt ältere Arbeiten der Literaturwissenschaftler aus Siegen und Berlin. Döring recycelt einen Aufsatz aus der Zeitschrift "Text und Kritik" (2006). Schütz steuert ein unveröffentlichtes Kapitel seiner Dissertation (1975) bei. Propagandaplakate, Zeitungsfaksimiles und Standbilder aus dem Cavell-Spielfilm "Dawn" (1928) illustrieren den Zeitgeist von Weltkrieg und Weimar.

          Worum geht es im Fall Cavell? Die neunundvierzig Jahre alte Oberin einer Schwesternschule im besetzten Brüssel wird als Untergrundaktivistin enttarnt. Sie soll Kriegsgefangenen zur Flucht verholfen haben. Am 12. Oktober 1915 wird sie trotz internationaler Gnadengesuche zusammen mit einem Belgier erschossen. Die alliierte Propaganda erklärt Edith Cavell zur Märtyrerin und behauptet, sie sei per "Fangschuss" getötet worden. Mehr als ein Jahrzehnt später greift der englische Regisseur Herbert Wilcox in "Dawn" diese Legende auf. Die deutsche Presse protestiert noch vor der Premiere gegen den "Hetzfilm". Benn macht sein Kriegserlebnis erstmals öffentlich: "Ein Kommando für beide: Feuer, aus wenigen Metern Abstand, und zwölf Kugeln, die treffen. Beide sind tot. Ganz verkehrt, im Film zu sagen, dass sie angeschossen sich gequält habe und durch einen Fangschuss am Boden getötet worden sei." Der Augenzeuge wehrt juristische und moralische Zweifel ab: "Wie ist die Erschießung von Miss Cavell zu beurteilen? Formell ist sie zu Recht erfolgt. Sie hatte als Mann gehandelt und wurde von uns als Mann bestraft."

          Der Zeitungstext ist laut Döring und Schütz nicht nur nationale Verteidigungsschrift, sondern auch "Fingerübung in Sachen Reportage". Sein Autor wolle den neusachlichen Weimarer Journalisten beweisen, dass er ihr bevorzugtes Genre besser beherrsche als sie. Darüber hinaus kritisiere Benn "eine Menschheit, die mit Begnadigung rechnet": eine Absage an christliche und sozialistische Vorstellungen.

          Nach der Veröffentlichung der "Gesammelten Prosa" kommt es 1929 in der linksorientierten "Neuen Bücherschau" über die Beurteilung Benns zum Zerwürfnis. Max Herrmann-Neiße preist ihn als "überlegenen Welt-Dichter" zuungunsten der "literarischen Lieferanten politischer Propagandamaterialien". Darauf treten die Kommunisten Johannes R. Becher und Egon Erwin Kisch aus der Redaktion aus - und Kisch schmäht den Cavell-Artikel.

          Döring und Schütz konstatieren ein weiteres Nachleben dieses Textes. Als Benn 1937 als "Kulturbolschewist" angegriffen wird, stellt sich Himmler vor ihn: "Benn hat sich seit dem Jahre 1933 und auch schon früher in nationaler Hinsicht einwandfrei gehalten." Gut möglich, dass der "Reichsführer-SS" hier auf die Apologie der Hinrichtung Edith Cavells anspielt. Ob sie ausschlaggebend für seine Protektion ist, bleibt jedoch ungewiss. Dass dieser "Schlüsseltext" Benns Haut im "Dritten Reich" gerettet habe - so steht es auf dem Buchumschlag -, ist unbewiesen. Nichtsdestotrotz ist beispielhaft, wie das Autorenduo dem eigentümlichen Kompositum aus Leserbrief, Reportage und weltanschaulichem Traktat bis in die feinsten Verästelungen seiner Entstehungs- und Wirkungsgeschichte nachspürt.

          FELIX JOHANNES KRÖMER.

          Jörg Döring, Erhard Schütz: "Benn als Reporter: ,Wie Miss Cavell erschossen wurde'". Universitätsverlag Siegen, Siegen 2007. 120 S., br., 8,- [Euro].

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