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Neue Bücher über Heidegger : Der unheimlichste aller Spaziergänge

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Verfolgte seine Themen und Fragen mit Besessenheit: Martin Heidegger (1889–1976) Bild: Picture-Alliance

Epochales Schweigen: Hans-Peter Kunisch beschreibt, wie es gewesen sein könnte, als Paul Celan hoch im Schwarzwald Martin Heidegger besuchte, und Thomas Rohkrämer legt eine Biographie des Philosophen vor.

          5 Min.

          Unheimlich ist vieles, und wenig ist unheimlicher als das, was sich am 25. Juli 1967 im Schwarzwald zutrug. Ein Philosoph, der seine Nazivergangenheit unter den Teppich kehrte, und ein Dichter, der seine Eltern im Holocaust verloren hatte, fuhren in einem beigen VW-Käfer, chauffiert von einem jungen Germanisten, von Freiburg nach Todtnauberg, wanderten dort durch die Blumenwiesen, saßen in der Hütte zusammen, holten sich im Moor nasse Füße, aßen im Wirtshaus „Adler“ zu Mittag und gingen in aufgeräumter Stimmung auseinander.

          Die beiden wussten viel voneinander, als sie sich trafen. „Ich kenne alles von ihm“, sagte Martin Heidegger vor dem Treffen, und Paul Celans emsige, penible Heidegger-Lektüre schlug sich in zahllosen Notizen nieder, die in der fast vollständigen Sammlung von dessen Schriften in seiner Bibliothek überliefert sind. Gut vorbereitet gingen sie in dieses Treffen, heftig nachbereitet wurde es auch. Celan schickte Heidegger sein Gedicht „Todtnauberg“, das die „Hoffnung, heute, auf eines Denkenden kommendes Wort“ zum Ausdruck brachte, und erhielt von ihm eine Antwort, die als Geste ins Ungefähre an Lahmheit nicht zu überbieten ist: „Ich denke, daß einiges noch eines Tages im Gespräch aus dem Ungesprochenen gelöst wird.“ Dazu kam es nicht.

          Ein Thriller, der Trauer trägt

          Worüber Celan und Heidegger an jenem Julitag gesprochen haben, weiß man nicht genau. Der einzige Zeuge des Gesprächs während der Autofahrt hoch in den Schwarzwald, der Chauffeur Gerhard Neumann, nannte es später „epochal“. Es sei über Heideggers Stellung zum Nationalsozialismus gesprochen, aber die meiste Zeit geschwiegen worden. Ihr Treffen rückte ins Zentrum der Aufmerksamkeit all derer, auf deren Gehirnen der Alb des zwanzigsten Jahrhunderts lastet, doch ist es eine leere Mitte.

          Hans-Peter Kunisch: „Todtnauberg“. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung. dtv, München 2020, 350 S., geb., 24,– €.

          Hans-Peter Kunisch hat ein Buch geschrieben, das um diese leere Mitte kreist und ein weites Netz auswirft, um deren Vor- und Nachgeschichte einzufangen. Kenntnisreich verfasst und kunstvoll komponiert, gleicht diese Doppelbiographie einem Thriller, der Trauer trägt. Das Drama dieser Begegnung entfaltet sich langsam über viele Kapitel hinweg und wird durch Rückblenden und Vorblicke ergänzt. Im Falle Heideggers geht Kunisch zum Beispiel zurück auf das „Wissenschaftslager“, das dieser im Oktober 1933 mit NS-begeisterten Studenten in Todtnauberg abhielt, oder auf das Gespräch mit dem „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein, das ebendort 1966 stattfand. Im Falle Celans wird dessen Liebesgeschichte mit Ingeborg Bachmann eingeflochten, die schon 1949 mit einer kritischen Arbeit über Heidegger promoviert worden war, oder Celans Besuch bei Friedrich Dürrenmatt, der ihn noch Anfang der sechziger Jahre als „wilden, gesunden, übermütigen Burschen“ erlebte, der stundenlang Tischtennis spielte, Schnaps zum Essen trank und rumänische Volkslieder sang.

          Verbürgtes und Erfundenes

          Es wird aber auch geschildert, dass Celan während seines Besuchs 1967 eine Art Freigänger war: probeweise entlassen aus der psychiatrischen Klinik St. Anne in Paris, in der er 1967 nach einem Selbstmordversuch mehrere Monate verbracht hatte. Zitiert wird auch der Entwurf des Briefes an Heidegger, den man drei Jahre später, als Celan sich das Leben genommen hatte, in seiner Wohnung fand und in dem es heißt, „daß Sie durch Ihre Haltung das Dichterische und, so wage ich es zu vermuten, das Denkerische, in beider erstem Verantwortungswillen, entscheidend schwächen“.

          Um die unheimliche Geschichte dieser Begegnung wirklich erzählen zu können, muss Kunisch Verbürgtes und Erfundenes kombinieren, so tun, als wisse er, was den Beteiligten durch den Kopf ging, worauf sie es abgesehen hatten, wann sie lächelten oder mit dem Kopf schüttelten. Diese Mischung aus Fakten und Fiktionen wirkt bei Kunisch immerhin nie gekünstelt. „So könnte es gewesen sein“ – dies ist seine vorsichtige Klausel.

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