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Bücher über Fridays for Future : Gretarianer sind ziemlich anspruchsvolle junge Leute

Öffentliche Aktion in Zeiten von Corona: "Fridays for Future"-Aktivisten legen im April dieses Jahres Plakate und das Logo der Bewegung auf der Wiese vor dem Berliner Reichstag aus. Bild: Picture-Alliance

Ökotaktiker statt Egotaktiker: Zwei sehr unterschiedliche Bücher machen sich an eine Charakterisierung der Fridays-for-Future-Aktivisten.

          5 Min.

          Ein Werk, mit dem wir fest in diesem Frühjahr gerechnet hatten, lässt noch auf sich warten: Der Band „Liebe Greta“ hätte sämtliche offenen Briefe bündeln können, mit denen sich bekannte Menschen in den vergangenen Monaten an Greta Thunberg gewandt haben, und zwar zumeist in kritischem Ton. Boris Palmer, Jürgen Domian und Franz Josef Wagner haben ihr schon geschrieben, Dieter Nuhr, Ulf Poschardt und Christian Lindner hätten gewiss auch noch ein paar Zeilen beigesteuert – und fertig wäre ein pointiert-polemisches Bändchen gewesen, in dem ein paar zugegebenermaßen mittelalte weiße Männer die junge Schwedin ins Gebet genommen und ermahnt hätten, nicht immer so nassforsch und unversöhnlich aufzutreten und ab und an auch mal freundlich zu lächeln.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gibt’s noch nicht, kommt irgendwann sicher. Gebührende Aufmerksamkeit erfahren Thunberg und ihre Mitstreiter bei „Fridays for Future“ (FFF) auch jetzt schon. Zwei Bücher zum Beispiel widmen sich der grünen Jugend, beide verfasst von Männern, allerdings nicht von mittelalten. Den einen, Klaus Hurrelmann, Jahrgang 1944, darf man getrost den großen alten Mann der Jugendforschung nennen; der andere, Clemens Traub, geboren 1997, ist ein junger Renegat der neuen FFF-Bewegung. Der Blick des Älteren ist der deutlich mildere.

          Gesellschaftliches Engagement

          Dass die nach der Jahrtausendwende geborenen Menschen gern als „Generation Z“ bezeichnet werden, ist kaum mehr als ein Notbehelf, da ihre Vorgänger nun mal die Generationen X und Y waren – und es nährt womöglich noch die Endzeitängste: Was, bitte schön, soll nach Z noch kommen? Klaus Hurrelmann tauft sie dann auch kurzerhand um und benennt sein gemeinsam mit Erik Albrecht verfasstes Buch „Generation Greta“. Über die Frage, ob jemand mit so außergewöhnlicher Persönlichkeit und exponierter Position tatsächlich repräsentativ sein kann, ließe sich streiten. Andererseits hat die Alliteration schon bei der „Generation Golf“ gut funktioniert, und auch damals fahndete mancher der so Verschlagworteten vergebens nach dem fabrikneuen VW, den er zu seinem Achtzehnten angeblich hätte bekommen sollen.

          Der „Generation Greta“ nähern sich die Verfasser über die Auswertung zahlreicher Studien, insbesondere der von Hurrelmann mitverantworteten Shell-Jugendstudie, sowie über Interviews und teilnehmende Beobachtungen an Schulen oder beim Sommerkongress der deutschen FFF-Sektion. Das meiste von dem, was sie entdecken, findet ihr Wohlwollen. Im Gegensatz zu der verunsicherten Generation Y seien die Gretarianer „keine Egotaktiker, sondern Ökotaktiker“, deren gesellschaftliches Engagement „explizit und klar“ sei. Sie setzten auf „Sachlichkeit und Informiertheit“ und strebten eine Allianz mit ihren Eltern und Großeltern an. Dabei komme dieser Generation zugute, „dass sie ohne berufliche Existenzsorgen in die Zukunft“ blicken könne. Die Corona-Krise war bei der Arbeit am Buch noch nicht absehbar.

          Nintendo oder Vanilleeis

          Dass das Interesse der Jugend an klassischen politischen Parteien gering sei, hält Hurrelmann und Albrecht nicht von der Forderung ab, das Mindestalter bei Wahlen auf sechzehn oder vierzehn zu senken: Im Grunde könne man „vom zwölften Lebensjahr an einschätzen, um welche Alternativen es bei der Wahl“ gehe. Eine schlagartige Verbesserung der Welt freilich darf man sich davon nicht erhoffen: Laut Shell-Jugendstudie neigt immerhin ein Drittel der Befragten zu populistischen oder gar nationalpopulistischen Positionen.

          Was diese Generation „denkt und wie sie fühlt“, will das Buch laut Untertitel enthüllen, das Psychogramm jedoch bleibt stellenweise fragmentarisch, auch weil sich der Blick woandershin wendet. So analysieren die Autoren ausführlich und durchaus erhellend die Schwächen von Arbeitsmarkt und Schulsystem, neigen dabei jedoch dazu, gerade das Letztere zu überfordern: Gesunde Ernährung, ökonomische Bildung, Medienkompetenz – all dies soll möglichst ein jeweils eigenständiges Schulfach werden. Und wenn dann versucht wird, die Beobachtungen vom Detail ins Allgemeine zu drehen, liest sich das mitunter kurios: „Die Generation Greta liebt diese Art der Ausbildung“, heißt es etwa übers duale Studium. Noch mehr liebt die Generation Greta womöglich Nintendo oder Vanilleeis.

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