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Bücher über Benjamin Ferencz : Der Glaube an das Recht

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Benjamin Ferencz bei einer Gedenkveranstaltung zu den Nürnberger Prozessen im Jahr 2010 Bild: dpa

Er klagte deutsche Kriegsverbrecher in Nürnberg an und war an der Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs beteiligt. Nun sind zwei Bücher über Benjamin Ferencz erschienen.

          5 Min.

          Mit fünfzig Jahren, so schrieb der spanische Barockschriftsteller Baltasar Gracián, ist der Mensch eine Schlange. Mit fünfzig Jahren überlegte sich Benjamin B. Ferencz, was er mit dem Rest seines Lebens anstellen sollte. Ferencz wurde 1920 in Ungarn geboren, mit seinen Eltern wanderte er in die Vereinigten Staaten ein, wurde amerikanischer Staatsbürger und studierte erfolgreich Rechtswissenschaften in Harvard. Er wäre wohl ein guter Anwalt geworden, hätte ihm die Unrechtsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht die Rolle des Chefanklägers im „größten Mordprozess aller Zeiten“ zugedacht.

          Es ist erstaunlich, dass Ferencz’ Leben erst jetzt in Deutschland mit einer Biographie gewürdigt wird, auch wenn das Erscheinen im Jahr 2020 naheliegt. Denn Ferencz hat gerade im März dieses Jahres seinen hundertsten Geburtstag gefeiert: Er lebt in Florida, und wenn man seinem Biographen Philipp Gut glauben mag, macht er dort jeden Morgen unglaubliche 115 Liegestütze. Diese physische Vitalität deutet eine Kraft an, die es ihm ermöglichte, sich im Verlaufe seines Lebens mehrfach neu zu erfinden und dabei doch einem Leitmotiv treu zu bleiben: dem flammenden Glauben an das Recht, das über die Gewalt siegt.

          Wo ist die Gerechtigkeit?

          Benjamin B. Ferencz kam als einfacher Soldat nach Europa, marschierte in Deutschland ein und wurde dort sofort mit NS-Verbrechen konfrontiert. Er beschaffte sich Vollmachten und begann Beweise zu sammeln. Nach den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozessen schlug seine große Stunde. Ferencz wurde Chefankläger in einem der Nachfolgeprozesse, dem Einsatzgruppenleiter-Prozess. Es war mit nur 27 Jahren sein erster Prozess, und er sollte den Rest seines Lebens prägen. Denn die Verurteilungen sollten künftige juristisch-politische Tätigkeiten nicht nur ermöglichen, sondern auch moralisch legitimieren und zu Erfolgen führen, die lange Zeit unerreichbar schienen.

          Philipp Gut: „Jahrhundertzeuge Ben Ferencz“. Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit.

          Das Tor dazu öffnete ein Sensationsfund: Ein Mitarbeiter von Ferencz spürte in den Trümmern Berlins ein Bündel von zwölf Leitz-Ordnern auf, das die mörderischen Aktivitäten der Einsatzgruppen in der Sowjetunion aufzeigte. Mit den Namen der Mörder in der Hand konnte Ferencz den damaligen amerikanischen Hauptankläger, Telford Taylor, von einem weiteren Prozess der Amerikaner im Nürnberger Justizpalast überzeugen. Weil die Anklagebank 24 Plätze hatte, wurde eine Selektion nach Dienstgrad und Bildung vorgenommen: „Ich wählte vierundzwanzig Verdächtige zur Anklage aus. Ich hätte 3000 Täter überführen können. Wo ist die Gerechtigkeit? Das war nicht Gerechtigkeit. Es war eine Auswahl, ein Muster, um der Welt zu zeigen, was geschehen war, und um ein paar der Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.“

          Geleugnete Verantwortung, relativierte Schuld, verweigerte Kompensation

          Diese Männer hatten über eine Million Menschen ermordet, wovon die zugleich penibel und verschleiernd geführten Akten unter dem Titel „Ereignismeldungen UdSSR“ Zeugnis ablegten. Ferencz dachte über vieles nach: Motive der Täter, biographische Prägungen, Strafzwecke, die Unschuld der Opfer und den rücksichtslosen Fanatismus der Täter. Aber in seinem Plädoyer legte er Wert auf Sachlichkeit: „Ich erhob nie die Stimme, ich schrie sie nicht an. Ich war eiskalt.“ Ferencz stützte sich dabei – anders als seine Vorgänger und Kollegen – auf den Terminus „Genozid“. Wie dessen Schöpfer Raphael Lemkin glaubte Ferencz, dass die SS-Offiziere bei ihren „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ systematisch auf die Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen hingearbeitet hatten und gerade dies strafrechtlich als Unrecht gekennzeichnet werden muss.

          Nach dem Nürnberger Urteil bleibt Ferencz in Deutschland und beobachtet schockiert, wie im Klima des Kalten Krieges der „Widerruf von Nürnberg“ voranschreitet: Die Deutschen üben sich in Solidarität mit den Tätern, fordern (erfolgreich) Begnadigung und Vergessen. Bei der Beisetzung des im Nürnberger Einsatzgruppenleiterprozess verurteilten Kriegsverbrechers SS-Obergruppenführer Otto Ohlendorf, sechs Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, zeigen 1300 Menschen den Hitlergruß. In dieser Konstellation beginnt Ferencz nächste Lebensphase, und wieder ist sie mit der Unrechtsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts verbunden. Denn er übernimmt 1948 die Verantwortung für mehrere jüdische Organisationen, die Wiedergutmachung von den Deutschen fordern.

          Seine Stimme hat Gewicht

          Es ist moralisch bedrückend, wie die (west-)deutsche Wirtschaft und Teile der deutschen Politik Verantwortung leugneten, Schuld relativierten, Kompensation verweigerten und die DDR sich ohnehin nicht zur Wiedergutmachung verpflichtet fühlte. Der unermüdliche Ferencz zieht viele Register und erreicht in zahllosen Verfahren und Verhandlungen das unter diesen Umständen Bestmögliche, etwa in den Jahren 1950 bis 1953 für den ehemaligen Zwangsarbeiter Norbert Wollheim vor dem Landgericht Frankfurt am Main. Weil die beklagte I.G. Farben in Revision geht, endet das Verfahren erst 1958 in einem Globalvergleich. Dieser berechtigt Naziopfer in 42 Ländern zu Schadenersatz.

          Um 1970 schließlich, Ferencz ist fünfzig Jahre alt, beginnt seine dritte Lebensphase, in der er unter anderem Titel seinem Lebensthema treu bleibt. Nun widmet sich Ferencz, auch unter dem Eindruck des Vietnam-Kriegs, dem „Weltfrieden“. Er möchte Angriffskriege verhindern und einen Internationalen Strafgerichtshof schaffen. Seine Stimme hat Gewicht, denn er kann sich authentisch auf die „Nürnberger Prinzipien“ berufen: „Make law, not war“. Er schreibt unentwegt und doch zunächst politisch wirkungslos. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges öffnet sich ein „Gelegenheitsfenster“, und der ständige Internationale Strafgerichtshof wird geschaffen. 2018 nimmt er endlich das Verbrechen des Angriffskriegs in seine Zuständigkeit auf, Ferencz ist nun 98 Jahre alt.

          Ein würdiges Denkmal 

          In der Biographie von Philipp Gut wird Ferencz’ Leben ebenso faktenorientiert wie spannend erzählt, und die Stichworte liefert Ferencz selbst. Denn er hat nicht nur dem Biographen Gut, sondern auch zahllosen anderen Personen Interviews gegeben; auf Netflix lief die Dokumentation „A Man Can Make a Difference“, und auf Amazon Prime ist „Prosecuting Evil“ immer noch abrufbar. Es gibt eine eigene Website, wo man unter dem Titel „Benny Stories“ autobiographische Erzählungen lesen und knackige Zitate von Ferencz nachschlagen kann. Gut orientiert sich affirmativ an diesen Selbstbeschreibungen, was seinen Helden und „Jahrhundertzeugen“ – aber ist seine Zeugenschaft das Wichtigste? – aus besonderer Nähe zeigt, inklusive sexuellen Klatschs aus Armeezeiten, den man vielleicht taktvoll hätte übergehen können. Erst recht fragwürdig werden solche Passagen, wo Homosexualität und sexuelle Gewalt gegen Minderjährige verwechselt scheinen.

          „Kriegsverbrechen, Restitution, Prävention“. Aus dem Vorlass von Benjamin B. Ferencz. Hrsg. von C. Goschler, M. Böick und J. Reus.

          Welches historiographische Potential in Ferencz’ reicher Biographie steckt, führt ein stattlicher Band der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig vor Augen. „Kriegsverbrechen, Restitution, Prävention“ ist im Kern eine Edition aus dem Vorlass von Ferencz – und doch viel mehr. Dan Diners kurzes Vorwort und die längere, aber immer noch kompakte Einleitung von Constantin Goschler sind einfach hinreißend. Guts Biographie ist keineswegs schlecht, aber auch in diesem Vergleich gilt der Satz, dass das Bessere der Feind des Guten ist: Gegen die auch sprachlich funkelnden Analysen der beiden Zeithistoriker wirkt der promovierte Schweizer Journalist und Historiker Gut intellektuell bieder und blass in der Analyse.

          Diner und Goschler vermögen mit wenigen Pinselstrichen und großem Überblick Ferencz’ Leben und Schriften in einer Weise zu kontextualisieren, die seinem politisch-moralischen Anliegen ein würdiges Denkmal setzt. Die Stichworte lauten hier Verrechtlichung der Welt, kompensatorische Gerechtigkeit und Entstehung eines universellen Menschenrechtsregimes. Diner spricht in Bezug auf Ferencz von der „Verknüpfung von partikularer Anspruchserhebung mit einer universellen Präventionskultur“. All das verbreitet unter den gegebenen Bedingungen internationaler Politik bittere Hoffnung. Denn es erinnert auch traurig an die vergangene Zukunft des Völkerrechts: Die war nämlich schon mal besser.

          Philipp Gut: „Jahrhundertzeuge Ben Ferencz“. Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit. Piper Verlag, München 2020. 352 S., geb., 24,– €.

          „Kriegsverbrechen, Restitution, Prävention“. Aus dem Vorlass von Benjamin B. Ferencz. Hrsg. von C. Goschler, M. Böick und J. Reus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019. 720 S., Abb., geb., 130,– €.

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