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Zwei Fotobände über Brigitte Bardot und Sophia Loren : Welten entfernt und doch hautnah

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Ein reizvoller Doppelblick auf Brigitte Bardot und Sophia Loren: Zwei Bildbände feiern die beiden Diven als mit enormem Spürsinn begabte Frauen, die aus dem Dualismus der Geschlechter Einzigartigkeit und Charakter zogen. Wer sagt, dass uns das nichts mehr angeht?

          5 Min.

          Es gibt keine Diven mehr. Aber die Sehnsucht danach. Deshalb sahen wir 2009 „Hilde“, Kai Wessels Knef-Film, der vor lauter Diva das wirre denkwürdige Leben dieser Frau verpasst, oder werden Torsten C. Fischers „Romy“ sehen, von dem dasselbe zu befürchten ist. Der fade Nachgeschmack solcher Verehrungen ist der, den ein Konzert Liza Minnellis auslöst, wenn sie mühsam tut, als sei sie noch die Sally Bowles von 1972, oder wenn Liz Taylor sich zu karitativen Zwecken im Rollstuhl als lebendes Denkmal ihres Diventums auf die Bühne schieben lässt. Also doch Divenherbst?

          Es gibt Ausnahmen: Italien beispielsweise geriet 2007 in Ekstase, als Sophia Loren für den berühmten Pirelli-Kalender posierte. Nicht melancholisch-ironisch wie 1994 in Robert Altmans „Prêt-à-Porter“, sondern mit fordernd verschleierten Blicken räkelte sich die Dreiundsiebzigjährige zwischen Seidenlaken; ein Geniestreich des Fotografen und ein Meisterwerk darstellerischer Suggestion. In Frankreich versetzt Brigitte Bardot ihre Landsleute gelegentlich noch in Wallung. Doch „B.B.“, als die jeder pubertäre Zwölfjährige die Ex-Diva noch immer kennt, reizt heute weniger das männliche Begehren als vielmehr die nationale Raison: Brigitte Bardot muss sich von Zeit zu Zeit vor Gericht für rassistische Ausfälle, Hetze gegen Schwule und Arbeitslose sowie militanten Tierschutz verantworten. Doch das ist vergessen, wenn Rundfunkstationen eines ihrer lasziven Chansons von einst senden oder Filme laufen, die das „blonde Gift“ zum Idol machten.

          B.B., die Loren - der Mythos wirkt. Deshalb hat ein Verlag den Zufall genutzt, dass beide Diven in diesem Monat dasselbe Alter, nämlich fünfundsiebzig Jahre, erreichen, um sie in opulenten Bildbänden zu feiern. Die Doublette, die in den fünfziger Jahren sicher als Schachzug eines „Busenkriegs“ tituliert worden wäre, bietet 2009 den reizvollen Doppelblick auf Ikonen einer Ära, die Welten entfernt und doch hautnah anmutet. Zwar sehen wir heute in jeder sommerlichen Fußgängerzone die 1956 noch skandalöse Unbefangenheit, mit der die junge Brigitte Bardot ihren Körper darbot, und Dekolletés, wie sie Sophia Loren einst majestätisch präsentierte, beleben 2009 jede Bayreuth-Premiere. Doch je weiter der Abstand, der uns von diesen bigott verbrämten Strategien weiblicher Verfügbarkeit trennt, desto stärker wirkt ihr Sog: Aus dem dressierten Geschöpf tritt im Rückblick die Dompteuse.

          Sophia Loren Bild: Verlag

          Perfektionierte Typen

          „Busenkrieg“, diese bizarre Wortschöpfung der fünfziger Jahre, in der sich testosterongesteuerte Instinkte kurzschließen, hat ihr Schlüsselbild in einer Fotografie, die Sophia Loren in Hollywood zeigt, wie sie, selbst tief dekolletiert, auf der Premierenfeier ihres Films „Der Knabe auf dem Delphin“ ein wenig spöttisch in den noch tieferen Ausschnitt ihrer Kollegin Jayne Mansfield starrt. Das Treffen der beiden „Busenwunder“ erreichte 1957, was es erreichen sollte: Ganz Amerika kannte fortan die Loren - und war eingestimmt auf einen Wettstreit.

          „Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los“: Trash-Regisseur John Waters nannte das Phänomen beim Namen, als er Jayne Mansfield den „ersten weiblichen Frauenimitator“ der westlichen Welt nannte, und Lou Schreiber beichtete öffentlich die Folgen dieser virilen Obsession, als er erklärte, weshalb er Sophia Loren nicht für die Twenthieth Century Fox hatte engagieren wollen: „Die Männer haben Angst vor ihr. Sie ist zu groß, zu mächtig, zu aggressiv.“

          Wie die anhaltenden Erfolge der Loren bewiesen, unterschätzte Schreiber die Ausdauer männlicher Autosuggestion - und den Verstand der Diva: „Als ich geboren wurde“, kommentierte Sophia Loren später ihre Weltkarriere und die Faszination, die sie auf Männer zwischen 13 und 83 ausübte, „genoss ich zwei entscheidende Vorteile: Ich kam als kluges Kind und in sehr bescheidenen Verhältnissen zur Welt.“ Ebenso klug konterte Brigitte Bardot Fragen der Frauenbewegung: „Anstatt mich schwach und ausgenutzt zu fühlen, glaube ich, dass ich Stärke besitze. Ich laufe nicht davon. Ich stelle mich den Dingen.“ Wie souverän beide Diven den Stand der Dinge nutzten, zeigen chronologische Bildfolgen - die Pariserin, die von Film zu Film blonder, wirrmähniger und schmolllippiger wird, die Neapolitanerin, deren Gesicht mit jeder Rolle gemeißelter und deren Kurven immer üppiger anmuten.

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