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: Zwei Fälle von Rufschädigung

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Franz Schnabel (1887 bis 1966) und Hermann Heimpel (1901 bis 1988) nahmen prägenden Einfluss auf die Entwicklung der Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik. Der Mediävist Heimpel gründete 1956 das Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen, das für die positivistische Grundlagenforschung ...

          Franz Schnabel (1887 bis 1966) und Hermann Heimpel (1901 bis 1988) nahmen prägenden Einfluss auf die Entwicklung der Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik. Der Mediävist Heimpel gründete 1956 das Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen, das für die positivistische Grundlagenforschung der Quellenerschließung moderne Formen problemorientierter Organisation fand. Schnabel, Autor der unüberholbaren "Deutschen Geschichte im neunzehnten Jahrhundert", entfaltete durch seine Vorlesungen an der Universität München und eine Reihe bedeutender Schüler eine nachhaltige Wirkung. Beiden Gelehrten war ein Neuanfang in vorgerücktem Lebensalter vergönnt. Die deutschen Katastrophen von 1933 und 1945 hatten die Karrierekontinuität zerstört: Schnabel, bekennender und beredter Anhänger der Weimarer Republik, war 1936 mit einem Lehrverbot belegt worden; Heimpel war 1941 an die "Reichsuniversität" Straßburg gegangen, eine Vorzeigeanstalt des nationalsozialistischen "Grenzlandkampfes", deren Lehrstühle im Zuge der jüngsten Grenzverschiebung untergingen.

          Beide Historiker wünschten sich nach 1945 zunächst eine andere Wirkungsstätte als die Universitäten, mit denen ihre Namen im Gedächtnis der Nachwelt verbunden sind. Der Münchner Heimpel wollte in seine Heimatstadt zurückkehren, der er mit seinen zauberhaften Kindheitserinnerungen "Die halbe Violine" ein literarisches Denkmal setzte. Schnabel, aus dem Mannheimer Bürgertum gebürtig, betrieb seine Berufung an die kurpfälzische Universität Heidelberg, wo er von Hermann Oncken promoviert worden war. Peter Herde hat jetzt nach den Akten die Geschichten der beiden gescheiterten Berufungen erzählt, die sich in einem für die politische Sozialgeschichte der Historikerzunft bedeutsamen Punkt schneiden ("Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Übergang vom Nationalsozialismus zum demokratischen Neubeginn". Die gescheiterten Berufungen von Hermann Heimpel nach München [1944-1946] und von Franz Schnabel nach Heidelberg [1946-1947]. Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 2007. XVIII und 112 S., br., 19,- [Euro]).

          Die Münchner Fakultät hatte Heimpel für einen Lehrstuhl im Auge, der gemäß dem Konkordat Bayerns mit dem Heiligen Stuhl im Einvernehmen mit der katholischen Kirche zu besetzen war. Um den Protestanten Heimpel berufen zu können, wollte man die Konkordatsbindung auf den Lehrstuhl für neuere Geschichte übertragen, für den Schnabel vorgesehen war, ein bekannter Katholik. Schnabel versagte diesem Arrangement seine Zustimmung. In der Weimarer Zeit war er von den Mächtigen der Zunft als dreifacher Außenseiter behandelt worden: als Katholik, als liberaler Demokrat und als Ordinarius an der TH Karlsruhe, die keine Fachhistoriker ausbildete. Als nun mit dem Untergang des antiliberalen und antikatholischen Nationalstaates seine Stunde schlug, wollte er sich an der großen Universität, die sich ihm endlich öffnete, nicht mit einem jener für Katholiken reservierten Plätze begnügen, deren Existenz die Feinde der Kirche als Beweis dafür nahmen, dass seine Konfession intellektuell nicht satisfaktionsfähig sei.

          Heimpel schrieb das Scheitern seines Lebenstraumes einer katholischen Intrige zu: Das "Gift der längst veralteten Konkordatsprofessuren" gerinne zu einer "schwarzen Personalpolitik", in der "die wahren Motive nie offen" lägen. Herde, der sich als Mediävist mit generöser Anerkennung über Heimpels Schriften und geistige Erscheinung äußert, wirft ihm vor, seinerseits die Wahrheit über die Münchner Affäre verdeckt zu haben. Er habe wissen müssen, dass kein klerikaler Einspruch, sondern das Veto der amerikanischen Militärregierung seine Berufung verhindert hatte, war er doch schon 1944 der Wunschkandidat der Fakultät gewesen. Herde meint, Heimpel müsse den Bescheid über seine Ablehnung schriftlich erhalten haben, weil das Kultusministerium den Rektor ausdrücklich zur Zustellung der entsprechenden Zweitschrift angewiesen hatte. Dass die Zustellung wirklich erfolgte, folgt aus dieser Akte nicht - hier ist Herde ein Verstoß gegen die quellenkritische Logik unterlaufen.

          Zweifeln kann man auch an seiner Wertung im Fall Schnabel. Das "Gutachten", in dem die Heidelberger Fakultät dem unerwünschten Kandidaten eine einzelne bestenfalls grenzeuphemistische Äußerung von 1934 vorhielt, ist zwar tatsächlich das Dokument einer selbst in der Komparatistik akademischer Intrigen singulären Schäbigkeit. Aber Schnabel war Direktor des nordbadischen Kultus- und Unterrichtswesens. Das Regelwidrige seines Ansinnens, an eine seiner Aufsicht unterstehende Universität zu wechseln, wird von seinem Schüler Herde benannt, jedoch nicht als Verstoß gegen die von Schnabel propagierte bürgerliche Ethik gewichtet, der die Fakultät im Grunde in eine unmögliche Lage brachte. Dass sie die Landesregierung vor "einer gewaltsamen Lösung" im Stil der nationalsozialistischen Hochschulpolitik warnte, war eine geschichtspolitische Frechheit in einer Situation der Notwehr.

          PATRICK BAHNERS

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