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Ökosozialismus : Fehlt bloß noch das revolutionäre Subjekt

Nicht die Kohle ist schuld am Klimawandel, sondern die Menschen, die sie verfeuern: Arbeiter in Indien Bild: dpa

Andreas Malm und Klaus Dörre meinen, dass sich dem Klimawandel nur mit dem Sozialismus beikommen lässt. Dem einen ist dafür jedes Mittel recht, der andere setzt auf demokratische Enteignung.

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          Die Zweifel daran, ob ein demokratisch-kapitalistisches System dem Klimawandel standhalten kann, beschert einem ökologisch erneuerten Sozialismus Zulauf. Der Vorsprecher seines militanten Flügels ist der sich selbst als Öko-Leninist bezeichnende Aktivist und Humanökologe Andreas Malm. Der an der Universität Lund lehrende Professor hat mit der Forderung, Pipelines in die Luft zu jagen und SUVs zu beschädigen, auf sich aufmerksam gemacht. Er will den Klimaverhandlungen damit jenen Druck geben, den demokratische Abwägung allein nicht herbeiführen könnte.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Malm legt darüber kein eigenes Konzept für eine naturschonende Gesellschaftsordnung vor, weshalb nicht einmal klar wird, warum sein Sozialismus nicht sogar besonders jene Armen trifft, die er eigentlich schützen will. Offen bleibt auch, wie er durch Militanz die als notwendig erachtete technologische Innovation erreichen will. Hier wäre mehr Überzeugungsarbeit zu leisten. Auch der Sozialismus hat ja eine düstere Ökobilanz.

          Natur und Gesellschaft bilden Gegensätze

          Trotzdem ist Malm nicht bloß ein stumpfer Ökokrieger. Sein neues Buch tritt einen Schritt zurück und fragt, was neuere kulturwissenschaftliche Theorien zur Lösung des Klimaproblems beizutragen haben. Seine Antwort lautet: Gar nichts, sie schaden nur. Die Forderung nach einem neuen Naturbild, das nicht mehr auf Herrschaft und Ausbeutung beruht, habe im Fahrwasser des Poststrukturalismus eine Reihe theoretischer Neubildungen hervorgebracht, die es darauf abgesehen haben, die Unterschiede zwischen Natur und Gesellschaft aufzulösen. Oft werde in Abrede gestellt, dass es überhaupt eine Natur außerhalb unserer Wahrnehmung gibt. Der Klimawandel werde darüber zum Diskurseffekt, den man beliebig wegdeuten könne. Damit würden diese Theorien, die sich gern herrschaftskritisch geben, letztlich affirmativ wirken.

          Klaus Dörre: „Die Utopie des Sozialismus“. Kompass für eine Nachhaltigkeitsrevolution.
          Klaus Dörre: „Die Utopie des Sozialismus“. Kompass für eine Nachhaltigkeitsrevolution. : Bild: Matthes & Seitz Verlag

          Wie Malm scharfsinnig begründet, kann man nur von Theorien abraten, die, wie der Neue Materialismus, leblose Materie zu quasi-intentionalen Akteuren erheben. Besonders haben es ihm die theoretischen Einlassungen von Bruno Latour und Donna Haraway angetan. Deren Konstruktivismus ist für Malm nichts anderes als das kulturindustrielle Pendant eines Kapitalismus, der jeden Fleck Natur in Profit, vornehmer ausgedrückt: Kultur, umwandelt. Wenn diese Autoren doch vor den Gefahren des Klimawandels warnen, dann können sie, wie er überzeugend darlegt, nur aufgrund ihrer theoretischen Inkonsequenz.

          Ein neuer ökonomischer Kollektivismus

          Für Malm gilt: Man muss sich von diesen Theorien schleunigst abwenden, will man die Natur retten. Er hält es mit dem späteren Marx, der ein realistisches Bild der Natur hat. Natur ist real, Natur und Gesellschaft bilden Gegensätze. Es kostet Malm viel Mühe, diese einfachen Unterscheidungen wieder zur Geltung zu bringen. Seine politischen Ausführungen geben aber keine Anleitung für eine vernünftigere Gesellschaftsordnung.

          Genaueres dazu erfährt man von dem Soziologen Klaus Dörre, der für die neue Dingmagie wie Malm nur Spott übrig hat, aber nicht dessen Faszination an der Gewalt teilt. Dörre entdeckt im Klimawandel das Momentum, den darbenden Sozialismus neu zu beleben, ganz einfach deshalb, weil der Natur mit einem auf Verschleiß angelegten System wie dem Kapitalismus nicht beizukommen sei. Mit den steigenden Temperaturen werde der Druck steigen, das kapitalistische System zu einem gemein- und naturverträglichen Sozialismus umzubauen.

          Utopischer Überschwang und harter Realitätssinn

          Dörre will nicht die alten Fehler wiederholen. Der größte besteht für ihn darin, den Sozialismus als wissenschaftliche Doktrin zu betrachten, die über eine bürokratische Elite exekutiert werden müsse. Sein Wunschbild ist ein demokratischer Sozialismus, der von unten wächst und Klimaziele biegsam mit sozialen Forderungen kombiniert. Es ist ihm bewusst, dass sich die sozialistische Wiederverzauberung der Natur nicht von Geisterhand vollziehen wird. Den Rechtfertigungsdruck sollen die UN-Entwicklungsziele liefern, die soziale und ökologische Faktoren koppeln.

          Andreas Malm: „Der Fortschritt dieses Sturms“. Natur und Gesellschaft in seiner sich erwärmenden Welt.
          Andreas Malm: „Der Fortschritt dieses Sturms“. Natur und Gesellschaft in seiner sich erwärmenden Welt. : Bild: Matthes & Seitz Verlag

          Auf dieser Legitimationsbasis sollen neue Transformationsräte politische und ökonomische Prozesse auf ihre soziale und ökologische Nachhaltigkeit prüfen. Verstößt ein Unternehmen gegen den ökosozialen Imperativ, soll das den Anstoß zu seiner schrittweisen Überführung in kollektives Gemeineigentum geben. Gerecht ist das für Dörre auch deshalb, weil große Unternehmen aus sich selbst heraus gar nicht existenzfähig sind. Unter den ersten Branchen, die sozialisiert werden müssten, sind für ihn die Agrarindustrie und der Bankensektor. Er ist realistisch genug zu sehen, dass ein neuer ökonomischer Kollektivismus kein Selbstläufer ist. Erstens steht der Nachweis seiner Wirtschaftlichkeit aus. Zweitens lässt der Klimawandel wenig Zeit für umfangreiche und riskante Sozialexperimente.

          Die größten Schwierigkeiten bereitet Dörre die Identifizierung seiner Trägerschicht. Die internationalen Entwicklungsziele üben keineswegs den Rechtfertigungsdruck aus, den er ihnen zuschreibt; und die netzwerkartig organisierte Koalition aus prekär beschäftigten Akademikern und Teilen der Unterschicht, die ihm vorschwebt, wird nicht ausreichen, um Großunternehmen in die Enge zu treiben. So fehlt dem Ökosozialismus sein (r)evolutionäres Subjekt. Das macht die Systemkritik des Autors aber nicht obsolet. Die Mischung aus utopischem Überschwang und hartem Realitätssinn hebt das Buch wohltuend von einer idealistischen Kritik ab, die sich auf Appelle an den Gemeinsinn beschränkt. Es ist auch dann mit Gewinn zu lesen, wenn der Weg zum utopischen Ziel nicht ganz überzeugt.

          Andreas Malm: „Der Fortschritt dieses Sturms“. Natur und Gesellschaft in seiner sich erwärmenden Welt. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2021. 330 S., geb., 28,– €.

          Klaus Dörre: „Die Utopie des Sozialismus“. Kompass für eine Nachhaltigkeitsrevolution. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2021. 345 S., geb. 24,– €.

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