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Zwei Bücher über Computer- und Internetsucht : Mit dem unbedingten Willen zur Verführung

  • -Aktualisiert am

Bild: velag

Wenn Kinder in Computer-spielen versinken und endlos im Netz surfen, sind Eltern schnell alarmiert. Aber was weiß man eigentlich über Spielsucht im Internet? Zwei Bücher sondieren das Terrain.

          3 Min.

          Amerikanische Teenager simsen am Tag durchschnittlich sechzig Botschaften, manche schaffen locker hundert. Im Videospiel „Medal of Honor“ kann man in einem virtuellen Afghanistan wahlweise Taliban oder amerikanische Soldaten töten. Cybermobbing ist zum heißen Thema für Thrillerautoren avanciert. Soziale Netzwerke wie Facebook stehen zunehmend in der Kritik, die Preisgabe intimer persönlicher Daten zu fördern, gar zu fordern. Ein Schüler erledigt Quest für Quest in einem Dungeon, während er die Schule schwänzt. Denn er „ist“ jetzt der Magier Osiris. Dieser Avatar, eine Art Alter Ego, hat ihm innerhalb weniger Wochen einen phänomenalen Aufstieg in World of Warcraft ermöglicht und ihm die Anerkennung zahlreicher Mitspieler eingebracht. WoW ist eines der meistgespielten Multiplayer-Online-Spiele, an dem sich weltweit zu seinen besten Zeiten zwölf Millionen Spieler beteiligten und das am häufigsten mit Computerspielsucht in Zusammenhang gebracht wird.

          Dass Eltern, die mit diesen Phänomenen oder Begriffen nichts anzufangen wissen, verunsichert sind, ist so offensichtlich wie verständlich. Die Angst vor einem gefährlichen Abdriften der Kinder in Online- oder Computerspielwelten oder vor einem riskanten Umgang mit ihrer Privatsphäre ist zur Genüge geschürt worden, der Boden für Ratgeberbücher mithin bereitet. Aber nicht alle erfüllen die Erwartungen.

          Jene Eltern, an die sich das Praxishandbuch „Internet- und Computersucht“ explizit richtet, werden vermutlich enttäuscht sein. Die vielen Autoren verderben den Brei schon formal, der eine hat es nicht nötig, Literaturbelege beizubringen, ein anderer entstellt damit seine Sätze bis zur Unkenntlichkeit. Sie widersprechen sich auch inhaltlich. So verweist ein Kapitel darauf, dass der Anteil der Bücherleser unter den Kindern und Jugendlichen trotz exzessiv gestiegener Nutzung von elektronischen Medien im letzten Jahrzehnt gleich geblieben sei. An anderer Stelle heißt es indes, der Anteil der Nichtleser sei weiter gestiegen. Das sind exakt jene Widersprüche, für deren Auflösung Eltern eigentlich zu solchen Büchern greifen.

          Ebenso ärgerlich ist die willkürliche Wiederholung mancher Informationen in verschiedenen Kapiteln, etwa zur Häufigkeit der Mediennutzung oder dem Vorkommen von einschlägigen Störungen und Erkrankungen. Es nützt auch wenig, dass man sich bekannter Bedenkenträger als Mitautoren versichert hat, wenn diese sich erkennbar wenig Mühe geben und nur räsonierende Allgemeinplätze beibringen à la: „Für nichts lassen sich Menschen, auch schon als kleine Kinder, mehr begeistern als für das, was wir Glück nennen.“

          Eine betont wertfreie Darstellung

          Einer der gelungensten Beiträge stammt von einer freien Mitarbeiterin des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen in Hannover. Im Kapitel über das Abhängigkeitspotential bestimmter Computerspiele werden darin das inhärente Risiko und der Verführungswille der Hersteller nicht zuletzt dank gründlicher Recherche plastisch und nachvollziehbar auch unbedarften Eltern vor Augen geführt.

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