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Innovative Stadtplanung : Man möchte wissen, wo man ist

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Städtisches Leben soll auch Sicherheit und Geborgenheit vermitteln: Wohnneubauten in Berlin-Friedrichswerder Bild: Philipp Meuser

Wollen wir mehr Überwachung, oder soll der Stadtraum die Tugenden der offenen Gesellschaft widerspiegeln? Ideen für eine Stadt, in der man gut und gerne leben könnte.

          Von Hans Magnus Enzensberger stammt die Bemerkung, jeder Städtebewohner wisse, dass die Architektur im Gegensatz zur Poesie eine terroristische Kunst sei. Was überzeichnet erscheinen mag, hat einen wahren Kern: Das Gebaute umgibt den Einzelnen ständig. Architektur ist unentrinnbar, sozialisiert immer schon und bleibt dabei zumeist unbewusst. Dennoch wird heute oft vorausgesetzt, dass sich die Stadt gefälligst unseren Bedürfnissen anzupassen habe. Im jüngeren Alter soll sie für uns laut und umtriebig sein, danach im Job und mit Kindern eher ruhig und friedlich und, noch einen biographischen Abschnitt später, barrierefrei . Die Erwartungen sind groß, die Frustration über die urbanistischen Umstände ebenso.

          Nun widmen sich zwei Neuerscheinungen der Frage, in welchen Städten wir leben möchten. Während das eine Buch sich eher mit der gesellschaftlichen Sphäre – dem immer lauter artikulierten Wunsch nach Überwachung und dem damit einhergehenden Schwinden frei zugänglicher Räume, sozialer Durchmischung und kommunaler Teilhabe – auseinandersetzt, setzt das andere seinen Fokus vorrangig in der Stadtgestaltung.

          „Die ambivalente Stadt“ widmet sich, im Titel klingt es nur an, dem Thema (Un-)Sicherheit und den damit verbundenen Auswirkungen auf Städte, vor allem auf die öffentlichen Räume, ihr Aussehen, ihre Nutzung und Funktion. Dabei hat der von dem Kulturwissenschaftler Jürgen Krusche edierte Band einen ungewöhnlichen Aufbau: Zwischen vier gesellschaftskritischen Essays (unter anderem von Jens Dangschat und Erol Yildiz) und drei Fallbeispielen (zum Thema Urban Gardening sowie zu Lagos und Hongkong) werden sechs fotografische Erinnerungen des Künstlers Kai Ziegener zu Gewalterfahrung im öffentlichen Raum eingeschoben. Dass Fotografie ein probates Medium der Stadtforschung sein kann, wollen die beiden abschließenden Beiträge illustrieren. Die Garagenbilder des Philosophen Jürgen Hasse erweisen sich dabei als „Nistplätze komplexer Bedeutungszusammenhänge, die durch das wache Selbsthinsehen – die Autopsie – hervortreten“. Und der Historiker Philipp Sarasin will visuell festhalten, dass die meisten global cities eben nicht „nach dem Muster von Siena oder Krakau“ gebaut seien, „mit großen schönen Plätzen vor Rathäusern oder Kirchen, wo die Bürgerschaft und die städtische Herrschaft sich trafen, wo Macht überschaubar war und das soziale Leben eine in der Architektur der Stadt lesbare Form besaß“. Vielmehr stellten sie „ein fortwährendes Aufquellen, ein Die-Maßstäbe-Verschieben, eine ständige Überforderung“ dar.

          Christa Müller, Propagandistin des Urban Gardening, sieht hingegen heute viele Chancen zu einer produktiven Aneignung von Stadt, zumal das „im Internet praktizierte Teilen von Kenntnissen und die hieraus resultierende Wirksamkeitserfahrung“ in die analogen Räume migriere. Ihre Aktivisten verlangen „nach freiem Zugang und ihre ästhetischen Vorlieben schließen Hands-on-Lösungen explizit mit ein“. Selbstkritisch räumt sie ein, dass „die subsistenzorientierten Räume fortwährend Gefahr“ laufen, kulturindustriell vereinnahmt zu werden. Trotz unterschiedlicher Zugänge wollen alle Autoren am Konzept der offenen Stadt festhalten und sind überzeugt, dass zum Verständnis der Stadt die dualistische Aufteilung in sicher–unsicher oder schön–hässlich zu kurz greift.

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