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Claus Peymann zum Achtzigsten : Ich war und bin der Naivere

Während „Das schönste Theater“, die zweibändige Chronik der Jahre am BE, die Dokumentation einer Ära ist, die mit Hunderten von Inszenierungsfotos vor allem zum Blättern und Schauen einlädt, rundet sich der Band „Mord und Totschlag“ zu einer Peymannschen Lebenschronik, die Lektürefleiß verlangt – und belohnt. Was hier an Selbstauskünften, Interviews, Briefen, Anekdoten, Sottisen, Statistiken und Exkursen versammelt ist, lässt hinter dem oft an der Grenze zur Selbstkarikatur operierenden Theaterlautsprecher doch sehr deutlich den besessenen und seine Besessenheit reflektierenden Theatermacher erkennbar werden, dessen prägender Einfluss auf die deutschsprachigen Bühnen nicht ohne Grund seit einem halben Jahrhundert währt. Die Seiten über die Anfänge an der Studiobühne der Universität Hamburg, wo Peymann Hans Henny Jahnns „Neuen Lübecker Totentanz“ uraufführte, oder die Erlanger „Olympiade“ der Studententheater, wo so unterschiedliche Köpfe wie Joachim Kaiser, Walter Höllerer und Chlodwig Poth aufeinandertrafen, geben einen faszinierenden Eindruck vom Aroma der Jahre vor 1967.

Antitheoretiker und selbsternanntes Sonntagskind

In jenem Jahr, Peymann war bereits seit 1965 am Frankfurter Theater am Turm, dem TAT, schrieb er sich dann in die Theatergeschichte ein. Mit der Uraufführung von Handkes „Publikumsbeschimpfung“, dem „Urknall für ein anderes Theater“ (Günther Rühle), setzte sich Peymann an die Spitze der Regisseure seiner Generation. Den Älteren rief er damals zu „Euer Theater ist tot“, den Altersgenossen wie Peter Stein, Hans Neuenfels, Klaus Michael Grüber und Dieter Dorn schritt er zumindest für eine kurze Weile voran. „Wir hatten leichtes Spiel“, sagt er heute im Rückblick auf jene Jahre.

Für die Berliner Schaubühne, die er mitbegründet hatte, war er zu bürgerlich, für das bürgerliche Stuttgart, wo er 1974 auf Peter Palitzsch folgte, war er zu links, wie sich spätestens in der „Zahnspendenaffäre“ zeigte. Gudrun Ensslins Mutter wollte Geld für die Zahnbehandlung einiger in Stammheim inhaftierten Terroristen sammeln, und Peymann hatte ihren Brief am Schwarzen Brett des Schauspielhauses ausgehängt und selbst hundert Mark gespendet. Das konservative Schwabenland tobte, nur Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel (CDU) hielt zu ihm und verhinderte den Rauswurf. Peymann wechselte 1979 nach Bochum, wo er Triumphe feierte, bevor er 1986 an die Burg wechselte, wo man ihn und Thomas Bernhard mit Mist bewarf, den die Wiener mittlerweile und nostalgie-, mentalitäts- und konservierungshalber kandiert und ins Theatermuseum gestellt haben. Die Verfechter des Performance-Theaters sollten lesen, was Günther Rühle über eine Peymann-Performance im Jahr 1969 berichtet, als die Zuschauer die leer bleibende Bühne eroberten, verwüsteten und pflichtschuldig wieder aufräumten. „Ich war und bin der Naivere“, hat Peymann, Antitheoretiker und selbsternanntes Sonntagskind, über sich gesagt. Das ist nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit, sie steckt hier: „Absicht ist alles, und trotzdem ist es Instinkt, verstehen Sie?“

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