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Zum 300. von Capability Brown : Der ewige Gärtner

Highclere Castle, besser bekannt als „Downton Abbey“: Der Blick reicht durch eine mit Bäumen locker umstandene Sichtachse weit ins Land hinaus. Bild: AFP

Englands grünster Daumen: Vor dreihundert Jahren wurde Lancelot „Capability“ Brown geboren, der berühmte Gartenplaner und Landschaftsarchitekt. Zwei Neuerscheinungen ergründen das Geheimnis seines Erfolgs.

          5 Min.

          Er wird gern als Englands größter Beitrag zur Kunstgeschichte gefeiert – der Landschaftsgarten des achtzehnten Jahrhunderts. Begehbare Gemälde sollten diese Parks sein, zunächst nachempfunden den Ideallandschaften von Malern wie Claude Lorrain und Nicolas Poussin. Sanft, dabei stets überraschend wechselnde Blickachsen, niemals geometrisch, immer die Natur nachahmend und optimierend, mit künstlichen Flussläufen, Weihern und Gräben, überspannt von Brücken. Baumsolitäre auf weitläufigen, sanft gewölbten Rasenflächen, gekieste Auffahrten zu den Herrenhäusern. Von dort sollte der Blick schweifen, idealiter abwärts zu einem See, hügelan zu einem Tempelchen, ein schwebendes Wechselspiel zwischen gebauter Architektur und umgeplanter Landschaft.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Weltmeister in dieser Disziplin war Lancelot Brown, genannt „Capability“, weil er zu Fuß oder zu Pferd die Fähigkeit, das Potential der zu gestaltenden Landschaft erkundete. Er kam nicht aus dem Nichts, sondern operierte auf den Schultern von Riesen wie Charles Bridgeman, William Kent und Sir John Vanbrugh. Am Ende war der Sohn eines wohlhabenden Farmers aus Northumberland nicht nur eine Ikone der Parkgestaltung, sondern ein Gesamtkunstwerker, der Häuser, Parks, Gärten, Interieurs plante und baute. Drei Jahrzehnte lang dominierte er die Szene, von den 1750er Jahren an bis zu seinem Tod im Jahr 1783. Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt, getauft wurde er vor dreihundert Jahren, am 30. August 1716.

          „Master Gardener“ in Hampton Court

          Aktuell schreibt ihm die Forschung an die 270 realisierte Projekte zu, die meisten davon in den Grafschaften rund um die englische Hauptstadt. Nach Lehr- und Wanderjahren lässt er sich 1749 in Hammersmith nieder, schon 1764 ernennt ihn der König zum „Master Gardener“ in Hampton Court. Am Ende hat er sich ein stattliches Vermögen erwirtschaftet, begraben liegt er in Fenstanton nahe Cambridge. So berühmt war er da schon, dass manche Zeitgenossen behaupteten, er hätte ihren Park gestaltet, obwohl er das Anwesen niemals betreten hatte. Und selbst dort, wo er tätig war, wurde sein Einfluss oft stark übertrieben: Landschafts- und Gartenplanung begann nämlich selten bei null, häufig wurde schlicht erweitert oder neu geordnet.

          Vielleicht gilt das auch für das heute berühmteste Herrenhaus, das in beiden Büchern keine Erwähnung findet, Highclere Castle in Berkshire, einem Millionenpublikum als „Downton Abbey“ bekannt. Gleichwohl reklamieren die Nachfahren des ersten Earl of Carnarvon, der Park sei nach Plänen von Capability Brown gestaltet worden. Anyway.

          Das englischsprachige Schrifttum zu dieser Epoche der Gartengeschichte ist umfangreich. Die Gartenhistorikerin Sarah Rutherford hat nun für den National Trust, der achtzehn Brown-Parks verwaltet, einen informativen, reich bebilderten Band vorgelegt, der für Einsteiger völlig ausreichend ist. Akademischer, aber ebenfalls großzügig illustriert gehen David Brown (Cambridge) und Tom Williamson (University of East Anglia) in „Lancelot Brown und the Capability Men“ vor, knapp sechshundertfünfzig Fußnoten und ein umfangreiches Literaturverzeichnis legen davon Zeugnis ab.

          Geld aus dem Handel mit den Kolonien

          Sie ordnen zunächst die Figur in deren Zeitläufte ein – da ist zum einen das beginnende Bevölkerungswachstum und der Weg Englands zur ersten Industrienation der Welt, was sich zuallererst dem riesigen Kohlevorrat verdankt. Hinzu kommt eine lange Phase relativer politischer Machtbalance zwischen Whigs und Tories. Erstere, Vorläufer der Liberalen, gelten als pragmatisch, tolerant und geschäftstüchtig, Letztere als konservativ, den traditionellen Werten, der anglikanischen Staatskirche und der Monarchie verpflichtet. Politisch wurde die Revolution der Gartenkunst deswegen oft auf Seiten der Whigs verortet: Wo die Tories ans Eingemachte dachten, wenn sie von ihrem Grundbesitz sprachen, ist für die Whigs Landschaft zunächst eine Verfügungsmasse, die man zu Geld machen kann.

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