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Zum 300. von Capability Brown : Der ewige Gärtner

Und Geld kam in diesen Jahrzehnten in großen Mengen aus dem Handel mit den Kolonien ins Königreich, Vermögen wurden gemacht, und in deren Windschatten reisten auch Bäume, die importiert wurden – Weymouth-Kiefer, Trompetenbaum, Trauerweide, Gingko, Schwarzpappel, Rot-Ahorn. Für Hecken griff Brown auf Koniferen zurück, für die Parks verwendete er in der Hauptsache Esskastanie, Ulme, Eiche, Buche und Linde. Anders als Sarah Rutherford lassen Brown und Williamson aber den üblicherweise als „ikonisch“ eingestuften Baum aus Browns Repertoire – die Libanon-Zeder – links liegen. Dabei sind es heute gerade diese Baumriesen, die nach zweihundertfünfzig Jahren von der Weitsicht der „Capability Men“ zeugen.

Zäune waren tabu

Bei aller Aufbruchstimmung: London hatte um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts eine halbe Million Einwohner, der Rest des Landes war aus heutiger Sicht extrem ländlich geprägt. Gleichwohl galt es den gehobene Schichten als „Must“ einen Landsitz zu haben, und der sollte modern aussehen. Das hieß im Falle Browns: Schluss mit Geometrie, stattdessen der Natur zum Verwechseln ähnlich. Das Anwesen rahmende Terrassierungen oder Stützmauern wurden geschleift, der Übergang zur Landschaft sollte fließend wirken, Zäune waren tabu, sogenannte Ha-Has, v-förmige tief eingeschnittene Gräben, sperrten Tiere aus und garantierten freien Blick.

Brown selbst verglich seine Kunst einmal mit der Komposition des Schriftstellers. Auch er setze Zeichen wie Punkte und Kommata, eine Unterbrechung des Ausblicks ähnle dem Gedankenstrich und so fort. Im Zentrum steht stets das Haupthaus, Nebengebäude wie Ställe, Küchen, Geräteschuppen, die Brown ebenso entwarf, wurden sorgsam hinter Hecken versteckt. Die markantesten Setzungen bei der Umgestaltung des Geländes waren die künstlichen Gewässer, die Brown in einem Land anlegte, das weitgehend frei von Seen ist – womit also ein erheblicher technischer wie finanzieller Aufwand an Kanalisation, Ab- und Überläufen verbunden war. Die Gewässer sollten schließlich weder verlanden noch überlaufen.

Symbole des Wohlstands und des Reichtums

Brown habe in gewisser Hinsicht „Erdskulpturen“ geschaffen, Landschaften, die im Zweifelsfall keine Rücksicht auf die vorhandene Topographie nahmen, diese am Ende auslöschten, um sie durch eine neue zu ersetzen. Dass die neuen Parks primär der Erholung der besseren Kreise und erst in einem zweiten Schritt auch als land- und forstwirtschaftliche Geldquelle dienten, so weit ist sich die Forschung heute einig. Inwieweit die Parks auch zu Jagdzwecken entworfen beziehungsweise genutzt wurden, ist strittig.

Fest steht, dass Bäume und Gärten damals zu Symbolen für Wohlstand und Einfluss heranwuchsen: Wer es sich leisten konnte, Tausende von Bäumen aus Baumschulen anliefern und pflanzen zu lassen, musste sich über seine Statusfragen wenig Gedanken machen. Wie gut der umtriebige und selbstbewusste Geschäftsmann Brown an diesem Statussymbol verdiente, zeigen seine Geschäftsbücher, die auch Einblick in die Organisationstruktur seiner vielen Subunternehmer geben.

Die politische Aussage der Parks ist, unorganisch gesprochen, die Zementierung von Herrschaft und Besitz, auch wenn manche Lords und Ladies gelegentlich ihre Parks der Öffentlichkeit zugänglich machten. „Der Landschaftspark diente dazu, die Armen auszuschließen“, bilanzieren Brown und Williamson. Schönere zynische Mauern wurde nie erfunden. Lancelot Brown war in diesem Wir-da-oben-Spiel eine zentrale Figur, seinem Genius aber die Alleinverantwortung für die schöne neue Gartenwelt zuzuschreiben, versagen sich die Autoren.

Wechselvoller Nachruhm

Am Ende ist der blinde Fleck des Buches ausgerechnet die Praxis. Man muss ja nicht gleich über Geld reden, aber doch bleiben Fragen ungestellt, die auch heutige Gartenliebhaber umtreiben: Welche und wie viele Arbeiter waren vonnöten, um solche Erdarbeiten zu bewältigen? Gab es technische Hilfsmittel jenseits von Schaufel, Rechen und Pickel? Wie viele Gärtner hat es gebraucht, um allein die Kieswege frei von Unkraut zu halten?

Die Nachwelt meinte es zunächst nicht gut mit Lancelot „Capability“ Brown. Im neunzehnten Jahrhundert galt er wenig bis nichts, heute sieht das wieder anders aus, aber nun kommt sein Werk unter einen ganz anderen Druck, denn viele der von ihm gepflanzten Bäume sind bereits tot, andere erreichen derzeit ihren letzten Lebensabschnitt. Sein Werk droht zu verrotten: Das Leben ist kurz, die Kunst lang, die Gartenkunst liegt irgendwo dazwischen.

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