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Zum 150. Todestag Schopenhauers : Das Sein ist das Nichts

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Ernst Ziegler nimmt sein Diktum, die Philosophie sei Einübung in den Tod, beim Wort und versammelt, nach einer instruktiven Einleitung, „Gedanken und Einsichten über letzte Dinge“. Eine eigene Deutung legt Otto A. Böhmer in einem schmalen Band vor: „Schopenhauer oder Die Erfindung der Altersweisheit“ bietet anderthalb Dutzend launig-pointierte, lesenswerte Essays zu wichtigen, dies- und jenseitigen Fragen. Dabei bringt Böhmer eine Leseerfahrung auf den Punkt, die wörtlich schon André Gide geäußert hat: „Schopenhauers Philosophie leuchtet unmittelbar ein; es ist, als ob man, nach langer Suchfahrt durch die Gänge eines übervollen Erkenntnismarktes, auf einmal vor dem richtigen Regal steht und weiß: Das ist es.“ Tatsächlich erklärt sich das System weitgehend durch sich selbst, was vielleicht mit ein Grund dafür ist, dass Schopenhauer in der von ihm so verachteten Universitätsphilosophie bis heute keine nennenswerte Rolle spielt.

So ist denn auch im Jubiläumsjahr eine gewisse publizistische Verlegenheit nicht zu verkennen. Was soll man auch groß über ihn sagen? Als hätte Schopenhauer seine Inanspruchnahme vorausgeahnt, hat er in der Einleitung seiner 1851 den „Parerga und Paralipomena“ beigelegten „Aphorismen zur Lebensweisheit“ ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Kategorie eines glücklichen Lebens bei ihm nur sinnvoll ist, wenn man von seiner eigentlichen, anti-weltlichen Tendenz absieht: „Ob nun das menschliche Leben dem Begriff eines solchen Daseins entspreche, oder auch nur entsprechen könne, ist eine Frage, welche bekanntlich meine Philosophie verneint. Folglich beruht die ganze hier zu gebende Auseinandersetzung gewissermaßen auf einer Akkommodation, sofern sie nämlich auf dem gewöhnlichen, empirischen Standpunkte bleibt und dessen Irrtum festhält. Demnach kann auch ihr Wert nur ein bedingter sein, da selbst das Wort Eudämonologie nur ein Euphemismus ist.“

Am Ende verschluckt sie sogar die Sprache

Gut leben, darunter verstand er: mit so wenig Reibungsverlusten wie möglich. Dies war das Thema des alten Schopenhauer, den dieses Jahr der frühverstorbene Franco Volpi und Ernst Ziegler in den sorgfältig herausgegebenen, aber vom Textcorpus her nicht neuen Nachlassnotizen „Senilia“ weiter in den Blick gerückt haben. Ihn fasst nun auch Robert Zimmer in seiner Biographie „Arthur Schopenhauer. Ein philosophischer Weltbürger“ ins Auge. Es ist das wichtigste Buch zum Todestag.

Schärfer als bisher, schärfer auch als in Rüdiger Safranskis großer Biographie „Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie“ wird hier der Ost-West-Denker konturiert, der als der erste wirklich globale Kopf überhaupt erscheint, der sich von Platon und Kant nicht weniger hat inspirieren lassen als vom Buddhismus und den Upanischaden, dieser Schriftensammlung des Hinduismus. Entschieden stellt Zimmer den Moralisten in eine Reihe mit Montaigne, Gracian und Chamfort und sieht, in dieser Hinsicht, in ihm eher einen Schriftsteller, der dem deutschen Idealismus freilich eine naturwissenschaftliche Wappnung vorausgehabt habe, die sein Denken weniger spekulativ gemacht habe. In dieser Perspektive werden die „Aphorismen zur Lebensweisheit“ zum heimlichen Hauptwerk, das aus der bildungsbürgerlichen Bücherecke herausgeholt und als sprachliches wie gedankliches Meisterwerk ausgewiesen wird. Auch was die Metaphysik betrifft, sieht Ziegler ihn als Rationalisten: als Diagnostiker, nicht als Propagator des Willens.

Wieso ist es so schwer (geworden), mit Schopenhauer ins Gespräch zu kommen? Wie ein schwarzes Loch saugt seine Negativität alles an und verschluckt am Ende sogar die Sprache. Im berühmten Schlussakkord der „Welt als Wille und Vorstellung“ sieht er ungerührten, eisigen Blickes ins Nichts: „Wir bekennen es vielmehr frei: Was nach gänzlicher Aufhebung des Willens übrig bleibt, ist für alle die, welche noch des Willens voll sind, allerdings Nichts. Aber auch umgekehrt ist denen, in welchem der Wille sich gewendet und verneint hat, diese unsere so sehr reale Welt mit allen ihren Sonnen und Milchstraßen - Nichts.“

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