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: Zu viel Gefühl an der Börse

  • Aktualisiert am

Eine Panik breitet sich an der Börse ziemlich schnell aus: Der Kurs einer Aktie muss nur einmal kräftig sinken, schon verkaufen viele andere Anleger ebenfalls schnell, ohne großartig nachzudenken - schon ist der Börsencrash da.Und wer ist schuld? Unser Gehirn, genauer: ein kleiner Gewebeknoten, die Amygdala.

          Eine Panik breitet sich an der Börse ziemlich schnell aus: Der Kurs einer Aktie muss nur einmal kräftig sinken, schon verkaufen viele andere Anleger ebenfalls schnell, ohne großartig nachzudenken - schon ist der Börsencrash da.

          Und wer ist schuld? Unser Gehirn, genauer: ein kleiner Gewebeknoten, die Amygdala. Als Alarmknopf im Gehirn sorgt sie bei Gefahr sofort für die Angst. Dass sie das tut, kann das Überleben der Menschen sichern: Wenn einer zum Beispiel auf eine Schlange trifft, sollte er nicht lange überlegen. Er sollte sich stattdessen schnell in Sicherheit bringen - nachher kann er immer noch überlegen, ob die Schlange tatsächlich gefährlich war.

          Das Gehirn wird auch für Börsianer immer interessanter. Forscher begnügen sich nicht länger damit, die menschlichen Eigenheiten im Umgang mit Geld aufzudecken. Sie suchen nach den Ursachen dafür, und für diese Suche spannen sie die Hirnforschung ein. "Neuroökonomie" nennt sich diese Wissenschaft. Der amerikanische Journalist Jason Zweig hat ihr ein ganzes Buch gewidmet - und der Leser lernt: Das Gehirn ist einfach nicht für die modernen Finanzmärkte gemacht.

          Der "orbitofrontale Kortex" zum Beispiel. Dieses Hirnareal ist wichtig dafür, dass wir planen können: dass wir fürs Alter vorsorgen oder darüber nachdenken, wie wir mehr Geld verdienen können. Denn er ermittelt, ob unsere Vorhaben sinnvoll sind, und vergleicht die Ergebnisse unserer Vorhaben später mit der Realität. Dummerweise sorgt der orbitofrontale Kortex auf diese Weise auch für die Reue. Und die schadet der Geldanlage: Sogar Profis fällt es schwer, sich selbst ihre Fehler einzugestehen. Deshalb halten selbst Fondsmanager ihre Verlierer-Aktien doppelt so lange wie die Gewinner-Titel. Dabei kennt eigentlich jeder die alte Börsenregel, die besagt: "Verluste laufen lassen, Gewinne begrenzen."

          Anleger machen noch mehr Fehler: Wenn sie ein paar Gewinner-Aktien im Depot hatten, halten sich Anleger schnell für unfehlbar. Das liegt am "nucleus caudatus". Dieser Bereich im Zentrum des Gehirns ist extra dafür zuständig, Zusammenhänge zu erkennen: zum Beispiel den, dass die Gewinnsträhne am eigenen überragenden Können liegen muss - auch wenn es diesen Zusammenhang gar nicht gibt.

          Damit man die vielen Hirnregionen auch findet, hat der Autor freundlicherweise am Anfang des Buchs drei Gehirnkarten spendiert. Bei diesem akademischen Wissen bleibt Zweig aber zum Glück nicht stehen, sondern er hat auch einige handfeste Tipps für die Anleger parat.

          Einige davon hat man schon mal gehört, zum Beispiel dass Anleger Aktien von Einzelunternehmen kaufen sollten, wenn sie das Geschäftsmodell verstanden haben und beurteilen können. Zweig hilft dem Leser aber auch, diese Tipps umzusetzen - indem er zum Beispiel für die Entscheidung über Anlageideen neben "ja" und "nein" noch eine dritte Kategorie vorschlägt: "zu schwierig". Was in diesem Korb landet, ist ebenfalls nicht für eine Investition geeignet.

          Für diesen Tipp hat Zweig keinen Anhaltspunkt aus der Gehirnforschung. Das kümmert ihn nicht. Wo die Neuroökonomie noch nicht weit genug ist, greift er auf andere sinnvolle Anlegertipps zurück - die kennt er ebenfalls, schließlich schreibt er für das amerikanische Magazin "Money" und hat eine Kolumne im "Time Magazine". So wird das Buch nicht nur zu einer kurzweiligen Einführung in die Hirnforschung, sondern auch zu einem ganz praktisch nutzbaren Ratgeber für Anleger, die zu oft an den eigenen Schwächen gescheitert sind. Also für alle.

          Und wenn aus den großen Börsengewinnen trotzdem nichts wird, hat Jason Zweig noch eine beruhigende Nachricht aus der Hirnforschung. Es ist jetzt nämlich erwiesen: Man braucht nicht viel Geld, um glücklich zu sein. Oft reicht es, jemandem ein Eis zu kaufen. Oder einfach den Fernseher ausgeschaltet zu lassen.

          bern.

          Jason Zweig: Gier. Neuroökonomie: Wie wir ticken, wenn es ums Geld geht. Hanser Verlag. 19,90 Euro.

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