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: Zu dick, zu dünn, sehr unglücklich

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Das ist die Geschichte einer Prinzessin. Sie ist erst 21, sie ist dünn wie ein Faden, schön wie ein Hauch, und wir wissen fast nichts über sie. Jetzt ist ein Buch über sie erschienen, es nennt sich Biographie, und auch dieses Buch weiß beinahe nichts. Der Autor kennt sie nicht, er kennt all die Leinwanderscheinungen ...

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          Das ist die Geschichte einer Prinzessin. Sie ist erst 21, sie ist dünn wie ein Faden, schön wie ein Hauch, und wir wissen fast nichts über sie. Jetzt ist ein Buch über sie erschienen, es nennt sich Biographie, und auch dieses Buch weiß beinahe nichts. Der Autor kennt sie nicht, er kennt all die Leinwanderscheinungen von ihr als Fußballspielerin, Piratenbraut, Junkie, Sternenkind, Schwertkämpferin, als Besucherin ihrer eigenen Premieren, und er kennt alle Interviews, die sie je gegeben hat. Er kennt also das öffentliche Leben dieser wundersam schönen, extraschmalen Dame, und das hat er aufgeschrieben, und er hat es sich als schnelle hohle Huldigung gedacht, wie diese Schnell-Biographien plastischer Leinwandmenschen nun einmal sind. Man erwartet da auch nicht mehr.

          Aber irgendwann während des Schreibens ist ihm das Bild entglitten, oder es entgleitet vor den Augen des Lesers, wenn er diese aus Worthülsen des Verschweigens zusammengesetzte Lebensgeschichte bis zum Ende liest. Denn dann, am Ende aller Phrasen, blickt man in die Hölle, in einen unendlich tiefen Abgrund aus Selbsthaß, Selbstekel und manischem Ungenügen. Die erste Biographie der "schönsten Frau der Welt", zu der sie in einer dieser zahllosen Umfragen längst ernannt wurde, die erste Biographie Keira Knightleys ist ein Bericht aus dem Herzen der Finsternis, ein echtes Horrormärchen.

          Am Anfang liest man das als einen Witz, wie sich die winzig kleine Keira im Vorschulalter von ihren Eltern einen eigenen Agenten wünscht. Ihre Mutter ist Dramatikerin, ihr Vater Schauspieler, beide haben einen Agenten. Ein ganz normaler Kinderspaß, wenn die vierjährige Tochter sich also auch so einen Beschützer, Geldhereinbringer, Lebensverhandler wünscht. Guter Witz. Aber die Eltern nehmen diesen Wunsch der kleinen Tochter ernst und stellen ihr, nach schlechten Leistungen in der ersten (!) Klasse, als Belohnung für fleißiges Lernen einen eigenen Agenten in Aussicht. Keira lernt wie besessen, viel mehr als verlangt und alles mit einem Lächeln. Die Eltern halten ihr Versprechen, und die sechsjährige Keira bekommt einen eigenen Agenten. Und dieser Mann nimmt seinen Auftrag ernst, mit sieben spielt sie zum ersten Mal in einem Film, in "Royal Celebration" mit Rupert Graves und Minnie Driver, und von jetzt an vergeht kaum ein Jahr ohne Rolle, mit dreizehn spielt sie in "Star Wars - Episode One" die Doppelgängerin von Natalie Portman, mit fünfzehn zieht sie sich zum ersten Mal in einem Film ("The Hole") aus, mit sechzehn schafft sie mit "Kick it Like Beckham" ihren Durchbruch, mit siebzehn ist sie, nach der Premiere vom "Fluch der Karibik", ein Superstar.

          Als es weit hinter der Mitte des Buches plötzlich heißt, jetzt feiere sie ihren achtzehnten Geburtstag, kann man es nicht fassen, was für Rollen, was für Erfolge da schon hinter ihr liegen. Und - was für ein Leben? Keines. Sie redet darüber nicht. Um so grausamer das wenige, das sie sagt. Meist geht es um ihr Aussehen. "Ich bin dick", sagt das dürre Strichlein. "Ich fühle mich häßlich", sagt die "schönste Frau der Welt". "Ich bekam lauter Einsen, aber ich hatte keine Freunde und weinte jeden Tag", sagt sie über ihre Zeit am College, worüber sich ihre Freunde von damals sehr verwundert zeigten. Sie habe "zu kleine Brüste", klagt sie immer wieder. "Zu stämmige Beine" ein anderes Mal. Über das berühmte, perfekt retuschierte, perfekt fotografierte Nackt-Titelbild von "Vanity Fair" klagt sie, sie habe sich vorher "nicht einmal die Beine rasiert". Und über ihre Zukunft sagte sie im Alter von achtzehn Jahren: "Wahrscheinlich habe ich in fünf Jahren meine Glanzzeit schon hinter mir und lasse mir Botox spritzen und mich liften, habe künstliche Haare und lasse mir die Nase operieren."

          Wir müssen uns die von der Welt geliebte Keira Knightley als einen unglücklichen Menschen vorstellen.

          VOLKER WEIDERMANN

          Brandon Hurst: "Keira Knightley". Deutsch von Madeleine Lampe. Schwartzkopf & Schwartzkopf. 196 Seiten, 14,90 Euro.

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