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: Zapfenstreich am Polarkreis

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"Der Sturm wurde immer stärker, eine Welle nach der anderen schlug über Bord. Bei der Polterei konnte man nicht schlafen, da zog ich mich auch an. Ich hatte für meinen Herrn Dr. noch etwas Sachen, weil ihm sein Geburtstag war, die überreichte ich ihm, dabei sah er nach der Uhr und es war 1/2 4 Uhr ...

          "Der Sturm wurde immer stärker, eine Welle nach der anderen schlug über Bord. Bei der Polterei konnte man nicht schlafen, da zog ich mich auch an. Ich hatte für meinen Herrn Dr. noch etwas Sachen, weil ihm sein Geburtstag war, die überreichte ich ihm, dabei sah er nach der Uhr und es war 1/2 4 Uhr und der Sturm wüthete furchtbar, das dauerte bis gegen 10 Uhr." Und blieb nicht ohne Folgen: "Ach war der Herr Dr. seekrank, die ganze Kajüte sah schon aus! Ich holte mir mal schnell den Eimer und aufnehmen, dass ich erst mal ein wenig Ordnung kriegte."

          So berichtet der Diener Wilhelm Weike vom 9. Juli 1883, dem Tag, an dem jener "Herr Dr." Franz Boas - den Titel verdankt er einer 1881 vorgelegten Dissertation über die Farbe des Wassers, abhängig von Strömung, Untergrund und Tiefe - an Bord der "Germania" in arktischer See seinen 25. Geburtstag beging.

          Boas war unterwegs nach Baffin Island, der zerklüfteten Insel zwischen Grönland und dem kanadischen Festland, um sie ein Jahr lang zu erforschen. Weike sollte dabei den fast gleichaltrigen Wissenschaftler in jeder Hinsicht versorgen - und außerdem während der gesamten Reise Tagebuch führen. Erst jetzt, zu Boas' 150. Geburtstag, erscheint es im Druck. Und zeigt aus der Perspektive des Dieners, wie sich der junge Geograph im Verlauf dieser arktischen Expedition allmählich dem Feld zuwandte, auf dem er Weltruhm erlangen und Wissenschaftsgeschichte schreiben sollte: der Kulturanthropologie.

          Boas, geboren am 9. Juli 1858 als Sohn eines jüdischen Luxuswarenhändlers aus Minden, hatte in Heidelberg, Bonn und Kiel Mathematik und Physik studiert. Im Militärdienst begann er, angesteckt von der zeitgenössischen kollektiven Begeisterung für die Arktis, eine Reise ins Polargebiet zu planen. Die Wahl fiel auf Baffin Island, wo deutsche Forscher zeitweilig eine Station im Fjord K'ingua am Nordende des Cumberland-Sunds unterhielten und meteorologische Messungen durchführten. Das Schiff "Germania", das im Juni 1883 ausfuhr, um diese Forscher wieder in die Heimat zu bringen, hatte auf dem Hinweg auch Boas, Weike und deren umfangreiches Gepäck an Bord. Als Basislager für seine eigene Feldforschung hatte Boas die K'exerten-Insel im Cumberland-Sund ausgewählt, wo sich eine Walfangstation befand, deren Leiter James Mutch für Boas enorm hilfreich werden sollte: als Dolmetscher, solange Boas die Sprache der Inuit noch nicht ausreichend beherrschte, als Ratgeber und nicht zuletzt als großzügiger Gastgeber.

          Dass Wilhelm Weike, eigentlich Gärtner und Hausknecht im Dienst von Boas' Eltern, den jungen Wissenschaftler begleitete, geschah offenbar auf deren Drängen hin. Weike bewährte sich auf der Reise als Tischler, Koch und Schneider, als Musiker und Gesellschafter. Auf der Überfahrt lernte er mit mäßigem Erfolg Englisch, auf Baffin Island eignete er sich eine Reihe von Ausdrücken in der Inuit-Sprache Inuktitut an. Sein Tagebuch, geschrieben mit dem auf jeder Seite spürbaren Bewusstsein, dass Boas es später lesen würde, hält dann auch neben den äußeren Ereignissen der Reise mit ihren vielen kleineren Ausflügen Wetterphänomene und Ethnographisches, Fauna, Flora und die physikalische Beschaffenheit von Baffin Island fest. Trotzdem teilt sich auch immer wieder seine ganz unwissenschaftliche Überwältigung durch die fremde Welt der Arktis mit; so hält Weike auf der Hinreise vor Grönland mit vollem Recht fest: "Eisberge in der Nähe, das sieht schön aus!"

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