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Yang Jishengs: „Grabstein - Mùbei : Der Große Sprung mündete in die größte Katastrophe

Bild: Verlag

Die Überwindung der Wirklichkeit auf dem Rücken von Millionen Opfern: Yang Jisheng beschreibt, wie es zur chinesischen Hungersnot der Jahre 1958 bis 1962 kam.

          5 Min.

          Im Frühjahr 1959 musste der neunzehn Jahre alte Yang Jisheng miterleben, wie der geliebte Adoptivvater in seinem winzigen Dorf verhungerte. Danach kehrte er in seine Schule in der Kreisstadt zurück und dichtete unverdrossen weiter Hymnen auf den „Großen Sprung nach vorn“, wie die von Mao initiierte Massenmobilisierung auf dem Land in China damals genannt wurde. Er hielt den Tod des Vaters einfach für ein privates Unglück, an dem er sich selber mitschuldig fühlte.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Yang durchlief alle Stadien eines enthusiasmierten jungen Aktivisten, von den Jungpionieren über die Jugendliga bis zur Parteimitgliedschaft. Ausgerechnet die Wandzeitungen der Kulturrevolution mit ihren Enthüllungen über korrupte Funktionäre sorgten für die erste Irritation. Damals hörte Yang Jisheng auch zum ersten Mal, dass der Große Sprung Millionen von Menschen das Leben gekostet hatte.

          Aus dem begeisterten Bauernjungen wurde ein zusehends desillusionierter Journalist der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, der das Handwerk der propagandistischen Nachrichtenverfertigung lernte. Nach seiner Pensionierung schrieb er dann das monumentale Werk, das, 2008 in Hongkong erschienen und auf dem Festland verboten, aber über Raubdrucke verbreitet, nun auf Deutsch vorliegt. Ausführlicher denn je dokumentiert es eines der unheimlichsten und monströsesten Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts: eine Hungerkatastrophe, deren dreißig oder vierzig Millionen Toten unmittelbar auf eine abstrakte Ideologie zurückzuführen sind.

          Die Wahrheit in den Tatsachen suchen

          Gleichzeitig dokumentiert es die Mechanik der Realitätsabschottung und des Verschweigens, von der der Autor selber ein Teil war - sich schließlich aber befreite. Gerade diese persönliche Beteiligung und die Fülle der ausgewerteten Quellen heben das Buch gegenüber den westlichen Darstellungen des Themas (zuletzt erschien 2010 „Mao’s Great Famine“ von dem in Hongkong lehrenden Historiker Frank Dikötter) heraus.

          Seit Anfang der neunziger Jahre hat Yang seinen amtlichen Reporterstatus dazu genutzt, um in Archiven des ganzen Landes zu recherchieren, mit Zeitzeugen zu sprechen. So kamen Zehntausende Seiten Material zusammen, die er zu 950 Seiten im chinesischen Original und immerhin noch achthundert Seiten in der deutschen Fassung kondensierte.

          Minutiös zeichnet Yang Jisheng nach, wie Mao den relativ pragmatischen Wirtschaftskurs, zu dem die Kommunistische Partei 1956 gefunden hatte, innerhalb eines Jahres in sein Gegenteil verkehrte. 1956 war das Zentralkomitee noch Staatspräsident Zhou Enlai gefolgt, der sich im Staatsrat gegen ökonomische „Überstürzung“ ausgesprochen hatte: „Die Möglichkeit, die Realität zu übertreffen, darf man nicht durcheinanderbringen mit Haltlosigkeit, man darf nicht alles haltlos beschleunigen, sonst ist das sehr gefährlich. Ich bitte doch alle, die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen.“

          Planvorgaben für Leib und Leben

          Ein gutes Jahr später übt Zhou Enlai Selbstkritik an seinen Irrtümern: „Die Jahrzehnte der chinesischen Revolution und die historische Erfahrung des Aufbaus beweisen, dass der Vorsitzende Mao der Vertreter der Wahrheit ist.“ Getrieben von der Konkurrenz mit der Sowjetunion Chruschtschows, wurde eine neue „Generallinie“ verabschiedet, die auf Tempo, Beschleunigung, eine „Anspannung aller Kräfte“ auf dem Weg zum Kommunismus hinauslief.

          Mao hatte sich damit nicht nur in einem Machtkampf durchgesetzt. Der Autor zeigt, wie der Große Vorsitzende das dem Großen Sprung zugrundeliegende Prinzip der voluntaristischen Wirklichkeitsüberwindung innerhalb weniger Monate durch eine kommunikative Konstellation absicherte, die in der Folge gegen jede Kritik und jede realistische Einschätzung von vornherein immunisierte, sie unmöglich machte. Mao diskreditierte die Warner vor Überstürzung als verkappte „Rechtsabweichler“, die Funktionäre an der Basis, die über leere Speicher klagen, als Interessenvertreter der Lebensmittel hortenden reicheren Bauern, die Gegner des Personenkults als Relativisten (warum nicht die verehren, in deren Hand die Wahrheit liegt?), die „bloßen Zuschauer“ und „Experten“ als neunmalkluge Verhinderer.

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