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Buch über die spanische Nation : Alles nur ganz normaler Patriotismus?

  • -Aktualisiert am

Friedfertige Vertreter zweier Nationalismen: Demonstrantinnen in Barcelona, eingehüllt in die katalanische (links) und die spanischen Flagge. Bild: dpa

Eine Nation im Clinch mit ihren Nationalitäten: Xosé M. Núñez Seixas folgt in seinem Buch der schwierigen Genese des spanischen Nationalgedankens.

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          Im Oktober 2017 hielt Mario Vargas Llosa in Barcelona bei einer Kundgebung für die Einheit Spaniens eine flammende Rede gegen den Nationalismus, der die Geschichte mit „Kriegen, Blut und Leichen“ gefüllt habe. Vor den Augen des Dichters wogte ein Meer aus rot-gelben Spanienfahnen, doch was Vargas Llosa als „Nationalismus“ geißelte, war nicht dieses Bekenntnis seiner Zuhörer zur spanischen Nation, sondern die katalanische Unabhängigkeitsbewegung mit dem „Putschisten“ Carles Puigdemont an der Spitze. Vargas Llosas Wahrnehmung steht stellvertretend für die vieler Spanier. Konfrontiert mit den identitätspolitischen und separatistischen Strömungen in Katalonien, dem Baskenland und – weniger ausgeprägt – Galicien, erscheint vielen Spaniern die eigene Identifikation mit dem spanischen Gesamtstaat nicht als Nationalismus, sondern nur als ganz natürlicher Patriotismus, Ausdruck staatsbürgerlicher Normalität gegenüber der Herausforderung durch die „peripheren Nationalitäten“.

          Lange äußerte sich dieser „Españolismo“ nur verhalten, doch das hat sich geändert. Das „Spanien der Balkone“, der Bürger, die die spanische Nationalflagge über ihre Balkongeländer und aus den Fenstern hängen, ist in den vergangenen Jahren immer sichtbarer geworden. Die Erfolge des konservativen Partido Popular und der rechtspopulistischen Vox-Partei sind zu einem Gutteil das Resultat eines zentralstaatlichen Nationalismus, der als Reaktion auf die Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien wiedererwacht ist. Die windungsreiche Geschichte dieses spanischen Nationalbewusstseins untersucht Xosé Manoel Núñez Seixas, der bis 2017 Geschichtsprofessor an der Münchner Ludwig-Maximilans-Universität war und jetzt an der Universität von Santiago de Compostela lehrt.

          Der Aufstieg des Kastilischen

          Sein Buch, das mit dem spanischen Nationalpreis für Essayistik ausgezeichnet wurde, setzt 1808 mit dem spanischen Partisanenkampf gegen die napoleonische Herrschaft ein. Dieser von beiden Seiten äußerst grausam geführte Krieg brachte nicht nur das Wort „Guerrilla“ ins Deutsche. Er befeuerte auch die antinapoleonischen Affekte der deutschen Romantiker, inspirierte die militärischen Vordenker der preußischen Befreiungskriege und spielt noch in Carl Schmitts „Theorie des Partisanen“ eine tragende Rolle. Doch in Spanien selbst entfaltete der Guerrillakrieg erst Jahrzehnte nach seinem Ende eine identitätsbildende Wirkung.

          Zu widerspruchsvoll war für die Zeitgenossen sein Verlauf, in dem spanische Patrioten nicht nur französischen Besatzern gegenüberstanden, sondern auch spanischen „Franzosenfreunden“, die sich selbst als Aufklärer und ihre Landsleute auf der anderen Seite als irregeleitete Reaktionäre betrachteten. Es waren zunächst ältere Quellen, aus denen das entstehende Nationalbewusstsein des neunzehnten Jahrhunderts schöpfte.

          Der iberische Widerstand gegen das Römische Imperium gehörte ebenso dazu wie das Reich der Westgoten, die Reconquista, das „goldene Zeitalter“ der Habsburgerherrschaft und der Katholizismus. Eine entscheidende Rolle für die Grundlegung des Nationalgefühls spielt bis heute – neben der territorialstaatlichen Existenz Spaniens seit dem fünfzehnten Jahrhundert – das Kastilische, das von einer Regionalsprache zur Landessprache namens „Spanisch“ aufstieg. Im Kastilischen sahen Sprachwissenschaftler des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts die veredelte Essenz aller iberischen Dialekte und den zur Sprache geronnenen Volksgeist ganz Spaniens.

          Offen bleibt allerdings, wie in dieses synthetisierende Bild das Baskische eingefügt wurde, das keine lateinischen und nicht einmal indogermanische Wurzeln hat. Die romantische Aufladung des Spanisch-Kastilischen ist heute in den Hintergrund getreten, dafür stellen die Verfechter seiner nationalsprachlichen Vorrangstellung die wirtschaftliche und politische Bedeutung als Weltsprache und Brücke zu Lateinamerika heraus.

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