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Xaver Rammbock: Die Welt der Knollennasen : An der Nase sollt ihr sie erkennen

Bild: Verlag

Was Ralf König schuf, das soll die Forschung nicht missen: Xaver Rammbock analysiert das Werk des Kölner Comiczeichners und begründet damit eine neue Disziplin.

          Vor mittlerweile vierzig Jahren erschien in einem winzigen Verlag eine psychologische Studie, die zur Schaffung einer neuen wissenschaftlichen Disziplin führen sollte: „Die Ducks - Psychogramm einer Sippe“ hieß das Werk, verfasst wurde es unter dem Pseudonym Grobian Gans. Es war, ohne dass die wahren Autoren Michael Czernich, Carl-Ludwig Reichert und Ludwig Moos das beabsichtigt hätten, die erste donaldistische Forschungsarbeit, und einiges, was darin über das Leben in Entenhausen postuliert wurde, wird noch heute im Donaldismus debattiert.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das Buch entwickelte sich auch zum großen finanziellen Erfolg, als es zwei Jahre später vom Rowohlt Verlag übernommen und seitdem mehr als hunderttausendfach verkauft wurde. Trotzdem machte das Beispiel nicht Schule, was daran liegen mag, dass nur die wenigsten in Comics dokumentierten Kulturkreise eine ähnlich homogene und zugleich schlüssige Welt wie die von Entenhausen zu bieten haben. Doch nun erscheint ein Werk, das nicht nur die Methode des „Psychogramms einer Sippe“ übernimmt, sondern auch explizit Grobian Gans gewidmet ist. Der Verfasser firmiert unter dem fiktiven Namen Xaver Rammbock, und sein Gegenstand sind die Comics von Ralf König, oder in der Terminologie des Buches gesprochen: Es geht um „die Knollmax“.

          Die Mehrheit der Agierenden ist homosexuell

          Das ist der von Rammbock neu definierte Oberbegriff für die Welt, in der Ralf Königs Comics spielen. In Abgrenzung zum „Farang-Kosmos“, der nach einem thailändischen Begriff (“Langnasen“) für Europäer benannten realen Welt, ist die zu „Knollmax“ verkürzte Knollennasenmatrix eine jedem König-Leser einsichtige Bezeichnung. Diese Parallelwelt unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von unserem Farang-Kosmos, aber zwei Dinge sind auf den ersten Blick offensichtlich: Die in der Knollmax lebenden Personen haben große runde Nasen, und die Mehrheit der dort Agierenden ist homosexuell.

          Ersteres wird von Rammbock festgestellt und prägt die wissenschaftliche Terminologie wie den Buchtitel (“Die Welt der Knollennasen - Eine sozio-rhinologische Untersuchung“), wird aber nicht weiter thematisiert. Die zweite eklatante Differenz jedoch ist Gegenstand der eigentlichen Forschungsanstrengung. Rammbock analysiert nicht nur das sexuelle Verhalten der Knollmaxbewohner, sondern leitet aus deren empirisch belegtem Übergewicht homosexuell veranlagter Menschen (und Tiere!) die Grundlagen des sozialen Lebens in der Knollmax her. Dabei ist die größere Toleranz gegenüber Minderheiten (Heterosexuelle) ebenso Thema wie die Reproduktion einer Gesellschaft, in der sich weite Kreise dieser Aufgabe entziehen. Rammbocks Fazit nach Studium der Quellen hierzu lautet: „Eine Zivilisation - eine Kultur gar - aus nur heterosexuellen, nachwuchsorientierten Menschen ist schwer vorstellbar. Sie würde sich weitgehend in der Reproduktion erschöpfen, die Welt noch schneller zugrunde richten und durch die Priorität der Brutpflege über einen dramatisch verengten Horizont verfügen.“

          Vierfingrigkeit der Knollmaxbewohner

          Aber hier bewegt sich Rammbock noch auf dem vertrauten Feld soziologischer Studien. Weitaus interessanter wird sein Buch bei Themen, die fundamentale Fragen der Knollmax betreffen. In diesen Passagen begründet Rammbock eine Disziplin, die man in Anlehnung an den Namen von Ralf König und die Methode der Analyse besser „Rexologie“ als Rhinologie nennen würde.

          Nehmen wir als Beispiel etwas denkbar Nasenfernes: die Vierfingrigkeit der Knollmaxbewohner. Schon die verwandte Forschungsrichtung des Donaldismus hat festgestellt, dass in Entenhausen bisweilen vereinzelte Ausbildungen eines fünften Fingers zu beobachten sind - der Fachbegriff dafür lautet „spontane Pentadaktylie“. Die kennt Rammbock verblüffenderweise nicht. Seine Erklärung für das gleiche Phänomen in der Knollmax ist aber auch schlüssig: Weil Ralf König vor seiner Karriere als Comiczeichner eine Tischlerlehre absolviert hat, sei die Vierfingrigkeit seiner Figuren Ausdruck eines entsprechenden Traumas.

          Das Leben am Hof Karls des Großen

          Wo liegen Mängel der Studie? In mangelnder Übersicht der Primärliteratur. Königs Comic-Kosmos umfasst bislang 34 Alben. Wenn Rammbock in seinen historiographischen Ausführungen behauptet, dass leider nur wenige Zeugnisse über das Mittelalter in der Knollmax vorlägen, vernachlässigt er gleich zwei Bände, in denen das Leben am Hof Karls des Großen eine große Rolle spielt: den 2005/06 erschienenen Zweiteiler „Dschinn Dschinn“. Oder Rammbock behauptet, es gebe in den Quellen keine Thematisierung weiblicher Fruchtbarkeit, bildet aber nur zehn Seiten später die schwangere Doro aus dem 1988 publizierten Band „Pretty Baby“ ab.

          So dürfte wissenschaftlich noch einiges sorgfältiger zu leisten sein, ehe so etwas wie Rexo- oder meinethalben auch Rhinologie etabliert werden kann. Dass Rammbock indes eine Zitierweise des vielfältigen Werks einführt, die sich in der Forschung durchsetzen könnte, und dass er seinen Band pünktlich zu Ralf Königs fünfzigstem Geburtstag, der am morgigen Sonntag gefeiert wird, herausgebracht hat, muss ihm jeweils hoch angerechnet werden. Da sich hinter dem Pseudonym Xaver Rammbock der Berliner Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch verbirgt, hätte man sich tiefergehende Ausführungen zur ästhetischen Herkunft von Königs Figuren gewünscht. Und es fehlt die provokante These, die eine neue Disziplin braucht, um ins breite Gespräch zu kommen. Bei Grobian Gans war das 1970 die Behauptung, einer der prominentesten Entenhausener sei schwul. Auf eine ähnliche Überraschung konnte Rammbock natürlich nicht setzen.

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