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Wynton Marsalis: Jazz, mein Leben : Die Möglichkeit, gut zu klingen, spornt zu vorbildlichem Benehmen an

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„Jazz, mein Leben” von Wynton Marsalis Bild:

Ausgeglichen sei der Swing und spontan die melodische Variation: Der Trompeter Wynton Marsalis kämpft für eine Tradition, die er sich stubenrein redet.

          3 Min.

          Wynton Marsalis ist ein einflussreicher Mann. Dass er Trompete spielen kann, im Jazz wie in der klassischen Musik zu Hause ist, weiß man, seit er vor gut dreißig Jahren mit Auszeichnung die Juilliard School verließ, bei Art Blakeys Jazz Messengers seinen Jazz-Diplom erhielt und danach eine preisgekrönte Aufnahme nach der anderen herausbrachte, von denen „Blood on the fields“, als erste Jazzproduktion überhaupt, den Pulitzer-Preis gewann. Seit 1987 ist er künstlerischer Leiter der Jazzabteilung vom Lincoln Center in New York - mit Spielstätten, Museum, Live-Übertragungen, gut dotierten Kompositionsaufträgen und Ausbildungsinitiativen ein bestens ausgestattetes und kaum zu überschätzendes Zentrum zur Verbreitung und Popularisierung des Jazz.

          Des ganzen Jazz? Da beginnen die Einschränkungen, und das konnte man schon sehr früh erahnen, als Marsalis, damals gerade zwanzig Jahre alt und noch grün hinter den Ohren, Miles Davis als Jazzverräter bezeichnete, weil dieser, mit „Bitches Brew“ beginnend, rockmusikalische Elemente in sein Spiel integriert hatte. Seitdem wird Wynton Marsalis, der heute fünfzigjährige Prediger aus New Orleans mit einem ganzen Clan von aktiven Jazzmusikern im Hintergrund, nicht müde, das Reinheitsgebot des Jazz zu verkünden: Swing, funktionsharmonische Konzepte, spontane melodische Variationen seien das Wesen des Jazz von Beginn an gewesen. Free Jazz, Fusion Music, Beziehungen zu Rap und anderen populären oder auch avantgardistischen kulturellen Erscheinungen lediglich Auswüchse einer von kommerziellem Denken oder Originalitätsfanatismus fehlgeleiteten Ästhetik.

          Was aber bedeutet „wahrer Jazz“ bei einer Musik, die sich als Akkulturationsprodukt aus unterschiedlichsten Quellen speiste und für die die Vermischung schon immer etwas Grundlegendes gewesen ist? Von Eubie Blake, der seine Ragtimes von 1899 an, dem Geburtsjahr von Duke Ellington, als wundersame Potpourris aus Chopin-Paraphrasen und synkopierter Marschmusik schrieb, über Miles Davis, der sich von Jimi Hendrix, Karlheinz Stockhausen und Giacomo Puccini inspirieren ließ, bis hin zu Herbie Hancock, der bisweilen immer noch mehr an Elektronik als an Blues-Harmonien interessiert zu sein scheint, durchzieht die hundertjährige Geschichte des Jazz ein Wechselspiel aus mehr oder weniger präzise definierten Jazzelementen und allen möglichen Klangkonzepten. Der reine Jazz war immer eine Schimäre von Dogmatikern.

          Fiktives Zwiegespräch zwischen Meister und Novizen

          Vor zwei Jahren hat Wynton Marsalis ein Buch herausgebracht, das jetzt in einer deutschen Übersetzung erschien und mehr sein eigenes Dogma enthüllt als die Jazzdiskussion befördert. Allerdings fällt es schwer, dieses Werk überhaupt zu charakterisieren, das weder Biographie noch historische Abhandlung, weder Essay-Band noch ästhetische Streitschrift, weder jazzmusikalisches Lehrbuch noch aufschlussreich-amüsante Anekdotensammlung darstellt, sondern von allem etwas enthält, aber nichts richtig. Es ist ein Sammelsurium von Binsenweisheiten und persönlichen Ansichten, aberwitzigen Jazz-Theorien, pseudophilosophischen Anmerkungen und gelegentlichen klugen Einsichten.

          Offenbar liegt der Veröffentlichung ein fiktives Zwiegespräch nach simplem Muster zugrunde. Der Meister wird von einem Novizen nach der Essenz des Jazz gefragt, und dieser klopft dem Youngster auf die Schulter und sagt: Pass mal gut auf, bei „Swing geht es um Ausgleich, um das Gleichgewicht, darum zu wissen, wann, wie und wie viel. Es ist ein unwiderstehlicher Extrakt aus europäischen Märschen und Walzern und dem afrikanischen 6/8-Takt. Heraus kommt ein bemerkenswert eleganter, runder und anmutiger Tanzrhythmus aus vier Beats. Wer nicht weiß, was ein afrikanischer 6/8-Takt ist, hat ihn trotzdem sicher schon einmal gehört. Normalerweise wird er mit sechs Beats pro Ablauf auf einer Kuhglocke gespielt.“ Na, wenn das keine originelle Erklärung des Swing-Phänomens ist, um dessen Definition sich Wissenschaftler seit wenigstens achtzig Jahren bemühen!

          Solch abstruse Beschreibungen finden sich praktisch auf jeder Seite dieses verkappten Bekenntnisbuches, das zudem noch den Versuch unternimmt, auf ähnlich aberwitzige Weise musikalische Phänomene mit gesellschaftlichen Phänomenen kurzzuschließen. So sei die Improvisation die ehrlichste Form des Musizierens, weil der Zeitdruck keine Möglichkeit zum Lügen lasse. Swinging - die ununterbrochene Koordination sich verändernder Dinge - entspreche dem modernen Leben in einer freien Gesellschaft, es verweise auf die amerikanische Lebensweise. Timing habe man, „wenn man so einfühlsam und flexibel handelt, dass alles ständig im ,swing' fließt“. Außerdem „spornt im Jazz die Möglichkeit, gut zu klingen, zu vorbildlichem Benehmen an“. Schließlich bestimme „auf der Bühne das Können die soziale Hierarchie“. Sein Wort in Paul Whitemans Ohr, einem der kommerziell erfolgreichsten Bandleader bei bescheidensten musikalischen Mitteln. Ob sich bei all diesen Erkenntnissen nicht Jelly Roll Morton und Bix Beiderbecke, Charlie Parker und Dizzy Gillespie, Albert Ayler und John Coltrane im Grabe umdrehen?

          Es gibt auch Positives über dieses Buch zu berichten, freilich kaum etwas, was nicht Generationen von Jazzmusikern vor ihm schon erzählt hätten. Etwa, dass die Diskriminierung schwarzer Musiker auch den weißen Musikern geschadet hätte, die Musiker nach Hautfarbe getrennt werden konnten, nicht aber die Musik selbst, und dass man als Schwarzer ständig unter Druck stehe, seine Identität aufzugeben. Das alles wiegt die Gemeinplätze dieses Buches nicht auf, die deshalb noch ärgerlicher wirken, weil sie von einem großen Musiker stammen, der doch eigentlich das Zeug haben müsste, etwas Substanzielles zu sagen. Über den Jazz bis 1960, versteht sich, nicht über aktuellere Jazzformen. Denn Miles Davis und Lester Bowie hatten wohl recht mit ihrer Ansicht, Wynton Marsalis sei in die Traditionsfalle des Jazz geraten, als er einundzwanzig Jahre alt war. Befreit daraus hat er sich bis heute nicht.

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