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: Wotans Tochter

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"Was für eine sonderbare Familie sind wir! Man wird später Bücher über uns - nicht nur über einzelne von uns - schreiben." Eine hellsichtige Prophezeiung Klaus Manns: Längst sind die Manns literarischer Pop. Das hat seine Schattenseiten: Wer ein ihm auf den Nägeln brennendes Thema popularisieren möchte, ...

          "Was für eine sonderbare Familie sind wir! Man wird später Bücher über uns - nicht nur über einzelne von uns - schreiben." Eine hellsichtige Prophezeiung Klaus Manns: Längst sind die Manns literarischer Pop. Das hat seine Schattenseiten: Wer ein ihm auf den Nägeln brennendes Thema popularisieren möchte, bedient sich gern der Familie um den "Großschriftsteller" Thomas Mann.

          Nun ist eben Erika an der Reihe, die heute vor hundert Jahren geboren wurde. Viola Roggenkamp widmet sich ihren jüdischen Wurzeln. Die als Kleinkind getaufte Mutter Katia tat die Frage nach ihrem Judentum mit "Unsinn, alles Unsinn!" ab, und ihre Kinder folgten ihr darin. Eine Geschichte der Verleugnung und Verdrängung, so Roggenkamp, die in ihrem Buch kräftige Hiebe austeilt: gegen Erikas Zeitgenossen ebenso wie gegen die heutigen Deutschen, die es sich gemütlich machten in ihrer das Judentum negierenden Normalität und von den Juden nichts wollten, als zu hören, "daß sie endlich genug getan haben, um ihre Eltern und Großeltern zu entschulden". Die Forschung kommt nicht besser weg, denn auch sie "löschte das Jüdische der Familie aus".

          Der Hauptschuldige aber ist Thomas. Während nach Roggenkamp Homosexualität ein offen besprochenes "Dauerthema" im Hause Mann war (wirklich?), trieb der Antisemit Thomas Mann Frau und Kinder zur Verleugnung des Jüdischen. Staunend folgt man der Autorin auf ihre psychoanalytische Geisterfahrt. Daß der Dichter seinem Sohn Michael, der sich vor dem Kruzifix fürchtete, den Gekreuzigten über das Bett hängte, galt bislang als Beleg für rigide Pädagogik. Dank Viola Roggenkamp wissen wir nun, daß die Jesusfigur, "leidend gekrümmt und um die Lenden ein lockeres Tuch drapiert", für den Vater "auch Homosexuelles" bedeutete. Die Dominanz des Homosexuellen in der Familie, verbunden mit dem Antisemitismus, unterdrückt mütterliche Weiblichkeit und Judentum. Logische Folge: Erika wird eine ihre jüdischen Wurzeln verleugnende Lesbe. Was in diese Denkschablone nicht hineinpaßt, fällt weg, so Erikas große, unglückliche Liebe zum Dirigenten Bruno Walter, dem Freund ihres Vaters, der so alt war wie dieser und Jude. Man mag sich kaum ausmalen, welch kühne Folgerungen Viola Roggenkamp der armen Erika auf die Seele genagelt hätte, sprengte diese Hetero-Liebe nicht ihr psychoanalytisches Klötzchen-Modell.

          Immer wieder Thomas Mann. Nur zu gern hätte der Dichter sich dem "Dritten Reich" angeschlossen, liest man, wäre da nicht der hinderliche Umstand seiner Ehe mit einer Jüdin gewesen. Mit offenen Armen (nämlich einem "Schutzhaftbefehl") hätten ihn Goebbels & Co. empfangen. Und Katias Eltern ließ man 1939 nur noch emigrieren, weil Thomas Mann trotz allem für die Nazis "der große deutsche Dichter blieb". Das alles und noch viel mehr wären beeindruckende Korrekturen der bislang vorliegenden Forschungsergebnisse, wenn Viola Roggenkamp dafür Fundierteres als wütende Behauptungen anführen könnte.

          Statt dessen verheddert sie sich heillos in den Fakten. Laufend zitiert sie Familienmitglieder, die von Katia Mann als "Halbjüdin" sprechen. Für Roggenkamp ein klarer Beleg für die Verdrängung des eigenen Jüdischen. "Glaubte Erika Mann wirklich", fragt sie fassungslos, "ihre Mutter sei nach der Definition der Nazis höchstens Halbjüdin gewesen?" Das Rätsel löst sich durch die einfache Antwort: Ja, nach dieser Definition war es so. Auf welchem Wege auch immer, ob durch Bestechung oder Fälschung oder weil die Herkunft nicht mehr genau zu rekonstruieren war: Hedwig Pringsheim, Katias Mutter, erhielt einen "arischen Paß". Viola Roggenkamp erwähnt dies selbst an einer Stelle - folgenlos.

          Thomas Mann findet nicht einmal als Schriftsteller ihre Gnade: Schon seine Sprache zeige Nazi-Nähe. "Eine betulich gestelzte Gediegenheit, deren selbstverliebter Biedersinn mit der nächsten gewundenen Wendung zu ironischer Distanz werden konnte." Wem statt seiner die Krone der Emigrationsliteratur gebührt hätte, weiß Roggenkamp auch: Lion Feuchtwanger, dessen eher leichtgewichtige Bücher sie denen Manns als mindestens gleichwertig gegenüberstellt. Leise Zweifel an der Kompetenz ihres Urteils weckt allerdings der Umstand, daß sie Thomas Manns "Joseph"-Epos, nach Ruth Klüger ein "großartiger und begeisterter Tribut eines Nichtjuden an die jüdische Tradition", nicht nur mit ein paar Sätzen und nebenher abtut, sondern das - vierteilige! - Werk auch als "Roman-Triologie" bezeichnet - dreistimmig gesungen?

          Erika Mann wollte von ihren jüdischen Wurzeln nichts wissen, wie schon ihre Mutter. Warum dies so war, wäre ein interessantes Thema, bei dem man der Illusion einer "deutsch-jüdischen Symbiose" ebenso auf die Spur käme wie dem Verleugnungsdruck der Assimilation. Davon erfährt man bei Roggenkamp wenig, viel hingegen über ihre Trauer über den Verlust des Jüdischen in Deutschland und über ihren Zorn, wobei unklar bleibt, warum sich dieser hauptsächlich gegen Thomas Mann richtet.

          Wirklich etwas über Erika Mann zu sagen hat hingegen Ute Kröger. In einer knappen, brillanten Porträtskizze stellt sie einzelne ihrer Lebensstationen in den Mittelpunkt: Erikas politisches Kabarett "Die Pfeffermühle", ihre Arbeit als Assistentin, dann Nachlaßverwalterin des Vaters oder ihre mutigen Reporterreisen durch das gefährliche Europa der Kriegszeit. Krögers Grundsympathie für ihren Gegenstand verführt sie nicht dazu, die harten, ungerechten, manchmal unsympathischen Züge Erika Manns zu verschweigen: ihren Hang zur Legendenbildung, ihren Haß oder ihr arrogantes Klassenbewußtsein. So intelligent und mutig "Die Pfeffermühle" in der Schweiz auch gegen den Nationalsozialismus ankämpfte, ließ die Direktorin ihre Truppe doch die Rangunterschiede nur zu deutlich spüren: Während die erklärte Sozialistin Erika Mann in der ersten Klasse zum nächsten Gastspielort reiste, nahm das Ensemble in der Holzklasse Platz.

          Als eigentliche Lebensleistung Erika Manns neben dem Kabarett und der assistierenden Tätigkeit für den Vater sieht Kröger ihre Kinderbücher an, für deren Wiederentdeckung sie eindringlich plädiert. Überzeugender noch ist das Kapitel über das Beziehungsgeflecht der Familie, der Höhepunkt des Buches. Ute Kröger schildert sowohl die Solidarität der Manns untereinander gegen die äußere Welt als auch die innerfamiliären Konflikte und Rivalitäten. Mit keinem der Geschwister konnte Erika nach Klaus' Tod Frieden halten, und selbst mit der Mutter rang sie eifersüchtig um den nächsten Platz am Thron Thomas Manns. Zugleich machte sie sich mit großem Geschick um dessen Werk verdient, kürzte, ermutigte und trieb ihn an. In ihren Augen gab ihr der Vaterdienst nach dessen Tod ein exklusives Recht darauf, seine Vikarin auf Erden zu sein. Als die Schwester Monika es wagte, ein eigenes Erinnerungsbuch über Familie und Vater zu veröffentlichen, herrschte Erika sie an, da des Vaters Beziehung zu ihr "durchaus unvermögend" gewesen sei, habe sie auch kein Recht, "mit einem Pfunde zu wuchern, das Dir niemals gehört hat".

          Über den "Zauberer" schreiben durfte nur sie. Wenn jemand jedoch einen der Ihren angriff wie etwa Theodor W. Adorno, der den Bruder Golo als Antisemiten anschwärzte, um seine Berufung nach Frankfurt zu verhindern, war sie sofort zum Kampf und zur Rache bereit: draufgängerischer als ihre fünf Geschwister zusammen, ganz das "kühne, herrliche Kind" ihres Vaters. Ute Krögers glänzend formulierter Essay präsentiert eine vielseitige, scharfkantige und lebendige Erika Mann.

          TILMANN LAHME

          Viola Roggenkamp: "Erika Mann". Eine jüdische Tochter. Über Erlesenes und Verleugnetes in der Familie Mann-Pringsheim. Arche Verlag, Zürich, Hamburg 2005. 256 S., 10 Fotos, geb., 19,90 [Euro].

          Ute Kröger: "Wie ich leben soll, weiß ich noch nicht". Erika Mann zwischen "Pfeffermühle" und "Firma Mann". Ein Porträt. Mit Erinnerungen von Frido Mann. Limmat Verlag, Zürich 2005. 202 S., 80 Abb., geb., 19,80 [Euro].

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