https://www.faz.net/-gr3-s0o4

: Wollen wir unseren Kindern Geisterstädte hinterlassen?

  • Aktualisiert am

Bis zum Zeitalter der Industrialisierung nutzten die Menschen vor allem die lokal vorhandenen Energiequellen: mit Wasser- und Windmühlen, durch das Verfeuern von Holz aus nahe liegenden Wäldern. Doch man brauchte mehr Energie, als verfügbar war. Es drohte die erste Energiekrise, die Holzkrise des achtzehnten Jahrhunderts.

          5 Min.

          Bis zum Zeitalter der Industrialisierung nutzten die Menschen vor allem die lokal vorhandenen Energiequellen: mit Wasser- und Windmühlen, durch das Verfeuern von Holz aus nahe liegenden Wäldern. Doch man brauchte mehr Energie, als verfügbar war. Es drohte die erste Energiekrise, die Holzkrise des achtzehnten Jahrhunderts. Thomas Robert Malthus und andere "entdeckten" die Grenzen des Wachstums. Die Holzkrise lösten die Menschen auf unerwartete Weise: dadurch, daß sie andere Brennstoffe gewannen, zuerst Kohle, dann Erdöl, Erdgas, schließlich Uran.

          Seit zwei Jahrhunderten setzen Industrie und Gesellschaft weitgehend auf die Nutzung von Energie, die mit fossilen Rohstoffen oder spaltbarem Material gewonnen wird. Dies immer weiter zu tun führt früher oder später zu einer Katastrophe. Daher muß jedermann den Aussagen in dem Buch von Hermann Scheer zustimmen: Es kann nie und nimmer nachhaltig sein, Rohstoffe zu verwenden, deren Menge rapide abnimmt und die daher den nachfolgenden Generationen als Basis zum Leben und Überleben nicht mehr zur Verfügung stehen. Um Nachhaltigkeit durchzusetzen, trafen sich die Politiker der Welt in großen Konferenzen, sogenannten Weltgipfeln. Scheer ist nicht zufrieden über deren Ausgang: Es "überwiegt eine kritiklose Einstellung zum Kyoto-Protokoll, die die falsche Vorstellung vermittelt, jetzt sei alles auf dem besten Weg".

          Die Politiker berieten über das Weltklima, hätten aber eher über den nicht nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen sprechen sollen. Sie entwarfen allzu komplizierte Strategien des Handels mit Emissionszertifikaten, führten eine aufwendige Bürokratie ein und begannen schließlich, mit Emissionen von Kohlendioxyd zu handeln, die es nicht gibt: Ein Land wie Rußland profitiert vom Handel mit Emissionsmengen, die es gar nicht erzeugt. Andere Länder geben den Russen Geld dafür, damit sie selbst weiterhin Kohlendioxyd in die Atmosphäre leiten dürfen und nicht nachwachsende Rohstoffe verbrauchen. Die Arbeit vieler Umweltorganisationen ist in diesem Zusammenhang nicht hilfreich. Sie sind schnell "dagegen", aber nur selten für die Entwicklung und Stützung einer Alternative. Für erneuerbare Energien setzen sie sich - so der Autor - zuwenig ein.

          Der Staat lenkt die Energiepolitik, und es wäre sogar eine "Superbehörde" denkbar, die weltweit alle Entscheidungen zu Energiefragen trifft. Für Scheer ist dies eine Horrorvision - und auch da kann ihm keiner widersprechen. Die gesamte Energiegewinnung ist in den letzten Jahrhunderten stets von der Politik beeinflußt worden. Denn sie schuf auch die Systeme der Infrastruktur, über die Rohstoffe für die Gewinnung von Energie verteilt wurden: Die Staaten förderten den Bau von Eisenbahnen, Häfen, Wasserstraßen und Pipelines genauso wie die Errichtung von Überlandnetzen der Stromversorgung. Scheer beklagt die riesigen Subventionen, die dafür aufgewendet wurden, er sollte aber auch sagen, was sie uns brachten: die Entwicklung unseres Wohlstandes - und auch den Wiederaufbau vieler Wälder, die zuvor ausgeplündert worden waren.

          Nun aber ist die "Energiewende" notwendig. Scheer fordert, die staatlichen Subventionen nur noch für die Nutzung von regenerierbaren Energiequellen zu verwenden. Doch er bezweifelt, daß der Staat dazu in der Lage ist. Denn beim Staat gilt das Prinzip "Anything goes: unterschiedsloser Wettbewerb und Naturschutz; Klimaschutz und massenhafte Billigflüge; billige Energie und gleichzeitig Energieeinsparung; grenzenloser Technologieoptimismus in bezug auf herkömmliche Energietechnologien und Technikpessimimus, wenn er gegen erneuerbare Energien gerichtet ist. Politische Privilegierung atomar-fossiler Energien und Förderung erneuerbarer Energien."

          Der Verfasser wendet sich zwar mehr oder weniger deutlich gegen die staatliche Energiepolitik, gehört aber als langjähriger Abgeordneter des Deutschen Bundestages zum politischen Establishment. Er ist ferner seit 1988 Präsident von "Euro-Solar", der Europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien. Seit 2001 sitzt er dem Weltrat für erneuerbare Energien vor, er erhielt den Alternativen Nobelpreis.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Transatlantische Risse: Jens Stoltenberg, Angela Merkel und Donald Trump beim Nato-Gipfel im Dezember 2019 in Großbritannien.

          Trump und Europa : Es kann noch schlimmer kommen

          Schon jetzt ist dank Trumps Rhetorik und Politik des Spaltens viel Gift im transatlantischen Verhältnis. Sein möglicher Wahlsieg im November könnte den Westen nachhaltig schwächen.
          Um die Kimaschutzbewegung ist es ruhig geworden in der Corona-Krise.

          Gastbeitrag zum Weltumwelttag : Wachstum durch kluge Klimapolitik

          Die Herausforderung durch die Corona-Pandemie hat das Thema Klimawandel verdrängt. Doch die Klimakrise ist nicht verschwunden. Sichere Arbeitsplätze und eine starke Klimapolitik sind beim Neustart der Wirtschaft kein Widerspruch. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.