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Wolfram Hogrebe: Der implizite Mensch : In den blinden Flecken wohnt das Leben

Bild: Akademie Verlag

Von Monaden und Gedichten, Idealisten und Analytikern: Wolfram Hogrebes philosophische Miniaturen.

          3 Min.

          Ganz bekommen wir uns nie vor Augen. Und das gilt auf recht grundsätzliche Weise, meint also nicht nur, dass uns im „Dunkel des gelebten Augenblicks“, von dem Ernst Bloch sprach, einiges entgeht. Obwohl auch dieses Dunkel genauso wie seine biographische Akkumulation etwas mit dem prinzipiellen Rest zu tun hat, der sich einer Auflösung ins restlos Verständliche, Ausformulierte oder schlicht Transparente entzieht. Ein Rest, der in jeder wirklich anspruchsvollen Geschichte bleibt, die wir uns von uns selbst erzählen oder auch gleich von der Gattung oder der Welt als Ganzem.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Und weil wir um solche Geschichten letztlich gar nicht herumkommen, haben wir es auch immer mit dem Rest zu tun. Was man vielleicht am besten dort sieht, wo alles darauf hinausläuft, für restlose Transparenz und Verständlichkeit - Intelligibilität ist das alte Wort - zu sorgen. Wissenschaft fällt einem dafür gleich als eine Instanz ein, bloß spart die sich mit gutem Grund die wirklich anspruchsvollen Geschichten von uns und der Welt. Sie zeigt ja vielmehr, dass man auch ohne sie auskommen können muss (sosehr die Wissenschaftler selbst auch zu ihnen neigen mögen). Philosophie ist deshalb, was diesen Rest angeht, die bessere Adresse. Sie möchte schließlich, sofern sie sich nicht ganz verläppert, die möglichst restlose Verständlichkeit auch dort, wo sie die besten Chancen hat, dieses Ziel nicht zu erreichen.

          Wir selbst sorgen für Unschärfen

          Der Bonner Philosoph Wolfram Hogrebe hat nun einen schmalen Band vorgelegt, bestehend aus einer Reihe von kurzen Stücken, die alle mit diesem Rest zu tun haben, weil er recht eigentlich der springende Punkt unserer Beziehung zur Welt und zu uns selbst ist. Was freilich nicht heißt, dass man ihn immer schon dort vor sich hat, wo begriffliche Transparenz und analytisch nachvollziehbare Übersichtlichkeit nachlassen. Es kommt schon darauf an, dass solche Auslassung nicht bloß unterläuft - eine einfache Sache -, sondern wirklich unausweichlich wird. Und gleichgültig, ob diese Unausweichlichkeit nun direkt angesteuert war oder sich als ungebetene Verlegenheit in letzter Instanz einstellt - dann geht es um den springenden Punkt.

          Man kann ihn auf verschiedene Weise fassen. Mit der Feststellung, dass es keine überzeugende, also ohne blinde Flecken operierende Beschreibung gibt, in der wir schlicht in die objektive Welt - altertümlich und wieder evolutionsbiologisch neu: die Natur - eingefügt sind; dass wir selbstverständlich in dieser Welt sind, aber doch nicht in ihr aufgehen; dass wir immer schon in einem Raum der Gründe agieren, der mit dem Raum der natürlichen Ursachen nicht zusammengeht, obwohl er doch irgendwie aus Letzterem hervorgegangen sein muss; dass wir als intentionale Wesen zwar einen Anfang haben müssen, aber ihn nie vor uns haben werden, so wenig wie ein Ende, an dessen faktischem Eintreffen doch gar nicht zu zweifeln ist; dass wir den Raum der Bedeutungen, den diese Intentionen aufspannen, nie ausgeschöpft haben werden; dass das analytisch Explizite immer eine Fülle des Impliziten einschließt, ohne die es hinfällig wäre; oder dass selbst dann, wenn wir uns die Welt mit einem alten Philosophen als lückenlos integriertes Ganzes vorstellen, wir selbst immer noch für Unschärfen dieser Ordnung sorgen.

          Umwege sind nicht auszuschlagen

          So lauten einige der Formeln, und man sieht, es geht um Elementares. Ebendeshalb aber ist es mit der Repetition der Formeln nicht getan. Man muss sie eher umgehen, um präsent und lebendig zu halten, worauf sie verweisen. Hogrebes Miniaturen haben genau das vor Augen. Das philosophische Terrain, das sie dabei durchmessen, das heißt da und dort berühren, ist weit: etwa die Monadenwelt von Leibniz, die Entwicklungsgeschichten der deutschen Idealisten - mit leichtem Vorteil für Schelling, gerade weil er den Rest hartnäckig festhält -, Paul Valéry über die Seele oder auch Willard Van Orman Quines hartnäckige Versuche, eine Art verwissenschaftlichter Metaphysik ohne Rest hinzubekommen.

          Lehrhaft resümiert werden diese und manch andere Referenzen nicht, eher als Winke benutzt, an denen der Autor seinen Parcours orientiert. Ein Parcours, der auf seine Weise das Implizite pflegt, von dem er handelt. Was auf keine Lizenz hinausläuft - nichts ist leichter als Abgründigkeit -, sondern auf eine recht feingeschliffene Form. Problemlösungen werden hier nicht beschworen, eher wird daran erinnert, dass Philosophie Problemen allenfalls zuvorkommt - und was dann noch bleibt, steht nicht zur glatten Lösung an.

          Bei der Lektüre dieses Bandes bemerkt man erst, wie sehr solches Philosophieren in knapper, prägnanter und bei aller spielerischen Umwegigkeit doch disziplinierter Form mittlerweile außer Gebrauch gekommen ist.

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