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Buch von Wolfram Eilenberger : Auf die Magier folgen die Retterinnen

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Eine der vier "Retterinnen der Philosophie": die deutsche Publizistin Hannah Arendt Bild: Hannah Arendt Bluecher Literary

Wolfram Eilenberger widmet sich in seinem neuen Buch „Feuer der Freiheit – Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933–1943)“ vier Autorinnen und ihren philosophischen Denkstilen.

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          Vor zweieinhalb Jahren brachte eine Klage über die deutschsprachige Universitätsphilosophie den Blätterwald zum Rauschen, eine Klage, die in der Sache nicht neu war, aber als Begleitmusik eines etwa gleichzeitig erschienenen Buches ihre Rolle spielte. Wolfram Eilenberger, vormals Chefredakteur des „Philosophie Magazins“, warf in einem Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“ den „bestens trainierten Denkathleten“ der akademischen Weltweisheit unter anderem Lebensferne, „irrelevante Selbstbespiegelung“ und „lustlose Totalstagnation“ vor.

          Als lustvolle Lektüre, als lebensnah und irgendwie auch relevant empfahl sich desselben Autors damals druckfrisches Werk über das „große Jahrzehnt der Philosophie“. Womit die Jahre 1919 bis 1929 gemeint sind, eine „Zeit der Zauberer“, wie der Titel annonciert. Die auftretenden Magier sind: Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger, Ernst Cassirer und Walter Benjamin. Biographische Schussfäden werden mit werk-, zeit- und ideengeschichtlichen Kettfäden auf ebenso muntere wie anschauliche Weise zu einer Textur verwoben, die an manchen Stellen naturgemäß dichter gerät als an anderen. Da die Protagonisten augenscheinlich vier verschiedene Möglichkeiten oder Stile des Philosophierens verkörpern – von der Suche nach letzter geistiger Klarheit, in der Rationalität und Mystik einander die Hand reichen, bis zur flanierenden Zeitdiagnose –, bietet die Zusammenschau nicht nur philosophisch Unbewanderten etwas.

          Die vier Retterinnen der Philosophie

          Das Webmuster, das den Vorteil bietet, keine umfassend deutende Gesamtgeschichte erzählen zu müssen, hat sich offenbar – auch verlegerisch – bewährt und einem neuen Buch Eilenbergers zur Vorlage gedient. Wiederum scheint der Weltgeist im Dekadenrhythmus voranzuschreiten, geht es doch um die Jahre von 1933 bis 1943. Diesmal sind es vier Protagonistinnen, in denen sich vier philosophische Haltungen gewissermaßen inkarnieren; in denen differierende Weisen, Denken und Dasein zu verbinden, individuelle Gestalt annehmen. Frauen in philosophischen Hauptrollen sind leider noch immer rar, schon deshalb darf „Feuer der Freiheit“ Aufmerksamkeit beanspruchen.

          Die vier Freiheitsfreundinnen sind: Simone de Beauvoir, Simone Weil, Ayn Rand und Hannah Arendt, also eine „existenzialistische“ Romanautorin, Essayistin und Feministin, eine prophetische Sozialrevolutionärin und Mystikerin, eine Verfasserin weltanschaulicher Romane und Propagandistin eines „rationalen Egoismus“, eine politische Theoretikerin, Historikerin und Kommentatorin. Eilenberger betont, sie seien „lange“ oder „bis zum heutigen Tage weitestgehend“ von der akademischen Philosophie ignoriert worden. Inwiefern sie gleichwohl „die“ Philosophie „gerettet“ haben sollen, wie der Untertitel behauptet, wird nicht eigentlich zum Thema.

          Drei von ihnen, als Jüdinnen geboren, werden zeitweise zu Flüchtlingen; alle vier erwehren sich des Totalitarismus (im Falle Ayn Rands des roten). 1943, das Jahr, mit dem die Darstellung endet, ist das Todesjahr Simone Weils; die anderen Frauen haben noch mehrere Jahrzehnte vor sich, in denen sie die werden, als die sie in die Annalen der jüngeren Geistesgeschichte eingegangen sind. Weil stirbt mit nur vierunddreißig Jahren – tuberkulös, magersüchtig, entkräftet – in einem englischen Spital, nachdem sie vergeblich versucht hat, doch noch zu einem Fronteinsatz mit den „Freien Französischen Streitkräften“ unter Charles de Gaulle zu kommen. In ihrer Opferbereitschaft verschafft sich ein tätiges Mit-Leiden mit den Erniedrigten und Gepeinigten Ausdruck, das nicht nur beiläufig eine religiöse Dimension besitzt.

          Freiheit, ganz unterschiedlich definiert

          Solch existentielle Teilhabe am Elend der Welt hat mit dem Existentialismus wenig gemein, den Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre im besetzten Paris denkend, schreibend und (schwerpunktmäßig in komplexen Drei- und Vierecksbeziehungen) handelnd erproben. In ihren philosophischen Notizbüchern der letzten Jahre kritisiert Weil den Existentialismus denn auch als Spielart des Egoismus, als eine Selbstermächtigung des Einzelnen, der die angsterzeugende Leere im Abgrund des eigenen Daseins zu überspielen versuche.

          Weils selbstlose Hinwendung zum anderen Menschen und Selbstaufgabe in Gott, so Eilenberger, wäre in den Augen Ayn Rands womöglich das perfekte Beispiel für einen grundfalschen Altruismus, der letztlich zur Selbstverknechtung im Kollektiv führe. Rand, als Alissa Rosenbaum in Sankt Petersburg geboren, ist in den Vereinigten Staaten zu so etwas wie einer atheistischen Hohepriesterin des „American Dream“ und des deregulierten Kapitalismus aufgestiegen. Freiheit versteht Rand laut Eilenberger wesentlich als Freiheit von anderen Menschen, nicht als Freiheit für sie oder durch sie oder mit ihnen.

          Damit zeichnet sich eine Typologie von Freiheitskonzepten ab, die indes nicht eigens ausgearbeitet wird. Auch mit abschließenden Urteilen hält sich Eilenberger zurück. Einmal jedoch traut er sich zu, sagen zu können, die „einzige Freiheit“, die die vier Protagonistinnen „als wirklich unbedingt“ erfahren hätten, sei die Freiheit des „Schreibens als Schöpfens“ gewesen. Geht mit dem Autor da die eigene Schöpfungsphantasie ein wenig durch? Den Hintergrund der wagemutigen Einfühlung bildet jedenfalls die bleibende Frage, ob Philosophieren als Tätigkeit verstanden werden kann, die das eigene Selbst- und In-der-Welt-Sein zu verwandeln vermag.

          Wolfram Eilenberger: „Feuer der Freiheit“. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933–1943). Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2020. 400 S., geb., 25,– €.

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