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Wolfgang Will: Caesar : Gerissener Geduldsfaden

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Bild: Verlag

Es dürfte unmöglich sein, Caesar gerecht zu werden, aber wir können eine begründete Meinung über ihn haben: Wolfgang Will rollt die Akte Caesar auf - und scheint im Laufe der Jahre mit dem Ungeliebten die Geduld verloren zu haben.

          Denen, die in dieselben Flüsse steigen, strömen andere und andere Wasser entgegen. Verknappt auf die Formel „Alles fließt“, wird dieser Satz Heraklits gern als Ausdruck der Vergänglichkeit und des raschen Wechsels gelesen. Zu Unrecht, wie vor Jahren der Göttinger Philosoph Günther Patzig gezeigt hat. Denn es sind dieselben Flüsse, die immerfort andere Wasser haben; sie sind nichts anderes als dauernd wechselnde Fluten.

          Bliebe das Wasser stehen, so wäre der Fluss kein Fluss mehr. So ist es immer derselbe Caesar, den der Bonner Althistoriker Wolfgang Will zunächst in einer „Bilanz“, dann kürzlich in einer schmalen Studie über den Selbstdarsteller (dazu: Zugriff und schneller Befehl) und nunmehr in einer schlanken, dichten Biographie vorgestellt hat. Zwischen dem ersten und dem jüngsten Buch liegt ein längerer Zeitraum als zwischen Caesars Konsulat und den Iden des März, fast zwanzig Jahre. Wie Caesar mit seinen Standesgenossen, so scheint Will im Laufe der Jahre mit dem Ungeliebten die Geduld verloren zu haben. Das erste Buch war noch mit spürbarem Zorn geschrieben, zumal auf Historikerkollegen, die dem großen Mann auf den Leim gingen, ihn zum Außenseiter stilisierten und dabei die Summen unter dem Strich ignorierten, die der Opfer und die der zusammengerafften Gelder.

          Ein wenig Resignation

          Der neue Caesar mobilisiert nicht mehr, jedenfalls nicht mehr Brecht gegen Christian Meier. Trotz aller schönen Sentenzen und Sottisen liegt ein wenig Resignation über dem Buch, verbunden wohl auch mit einem Aufatmen nach Abwerfen einer drückenden Last - das Buch ist Teil einer Reihe, in der Caesar nicht fehlen durfte. Es sei unmöglich, so resümiert Will seine in zwei Jahrzehnten gewonnene Einsicht, Caesar gerecht zu werden. Das Einzige, was wir tun könnten, sei, eine begründete Meinung über ihn zu haben.

          Die neue Debatte um Caesars Entscheidungen und die Handlungsspielräume der historischen Akteure in den bewegten Jahrzehnten der ausgehenden Republik (dazu: Rezension: Martin Jehne über Casears Entscheidungen) scheint Will nicht sehr zu interessieren. Lieber folgt er klassischen biographischen Mustern, indem er etwa, wo es geht, nach frühen Prägungen fragt. Die Lehrjahre des späteren Diktators findet er in der Schreckenszeit unter Sulla, als die überkommenen Übungen der Politik nichts mehr galten, Glück und Gewalt dagegen sehr viel, wenn sie nicht im Übermaß bemüht wurden.

          In der Logik der Biographie liegt es auch, nach Konstanten in Caesars Leben zu fahnden. Will findet die wichtigste im Kriegführen, das den Verfasser zweier Bücher über seine eigenen Feldzüge mit kürzeren Unterbrechungen die letzten siebzehn Lebensjahre in Anspruch nahm.

          Der Imperator im Hamsterrad

          Will kennt keine Helden mehr. Die historische Dynamik zum Exitus ergibt sich nicht länger aus einem Kampf zwischen Gut und Böse, Fortschritt und Reaktion, Größe und Beschränktheit, Legitimität und Rechtswidrigkeit. Den Widersachern, von Cicero über Bibulus bis Pompeius, wird nicht mehr an Einsicht und historischem Recht zugestanden als Caesar selbst; des Jüngeren Cato größte politische Leistung war demnach sein Selbstmord. Eher erscheint das ganze politische System mit seinen Routinen und Belohnungsstrukturen als ein riesiges Hamsterrad, eine absurde Maschine wie in Fritz Langs „Metropolis“, die immer mehr Macht generiert und am Ende das Bedienungspersonal verschlingt. Den Krieg in Gallien musste Caesar, anders als mitunter angenommen, vor niemandem rechtfertigen, und nirgends reklamierte er ein bellum iustum für sein Tun.

          Und der Bürgerkrieg? Caesar wollte ihn nicht, er wich ihm aber auch nicht aus. Wer es so knapp sagen möchte, kann es kaum anders ausdrücken. Und vermutlich gibt es auch nicht viel anderes darüber zu sagen. Am Ende ist Wills Caesar nach einem Wort von Georg Büchner nicht viel mehr als ein glücklicher Catilina. Indem sein Tod von den Zeitgenossen nicht anders denn als Scheitern gesehen werden konnte - erst die kaiserzeitlichen Biographen und dann das neunzehnte Jahrhundert feierten das Genie als Wegbereiter -, legte er Augustus und dessen Nachfolgern nahe, mit der Macht anders umzugehen. Ein Feld, das die angekündigten Augustus-Biographien zu vermessen haben werden.

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