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Wolfgang Sofsky: Todesarten : Untröstlichkeit ist seine Pflicht

Bild: Verlag

Hart der Stil, präzise die Beobachtungen und noch angesichts des Ärgsten ohne Erbaulichkeit: Wolfgang Sofsky beschreibt mit großer Genauigkeit Bilder von Gewalt und Tod.

          3 Min.

          Wüsste man es nicht, man würde es kaum glauben, dass Wolfgang Sofsky als Soziologe und politischer Theoretiker begonnen hat. Denn so konzentriert kann er über Bilder sprechen, so nah an den technischen Prozeduren der Malerei, der Komposition, dem Kolorit und am spezifischen Licht, das auf den Bildern liegt, an den Unterschieden der Bearbeitung eines Motivs bei diesem und bei jenem Maler, im frühen und im späten Werk eines und desselben, dass man über die Sachlichkeit staunt, die man nur einem eminenten Kenner oder einem Kunsthistoriker vom Fach zugetraut hätte. Man könnte von einem „iconic turn“ der Kulturwissenschaften reden, aber Sofsky lässt diese Phrase weit hinter sich. Man glaubt, die Bilder mit ihm zum ersten Mal zu sehen.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Und doch ist diese Schicht der Analyse kein Selbstzweck. Es geht wirklich um das, was der Titel dieses Buches sagt: um die Gedanken über den Tod, die sich in der Betrachtung dieser Bilder erschließen lassen. Diese Konzentration auf Gewalt und Tod ist neu. Sicher hat sie etwas mit den Kriegen zu tun, in die westliche Gesellschaften, auch Deutschland, seit anderthalb Jahrzehnten wieder verwickelt sind, ohne dass sie sich für längere Zeit einen Reim darauf machen konnten. Also gibt es auch einen „violent turn“, der dem offiziellen Meiden des Wortes „Krieg“, mit dem wir lange leben mussten, gar kein Argument mehr, sondern nur die Kraft der Tatsachen entgegenstellt, auch wenn Sofsky nicht auf die spezifisch deutschen Beiträge etwa in Afghanistan eingeht.

          Die Sache ist ganz schön verstörend

          Aber Vorsicht: Dieses Meisterwerk ist kein Geschenkbuch für die besinnlichen Tage des Jahres. Man ist es als Leser nicht mehr gewohnt, erstens, Texten von einer solchen Dichte zu begegnen und zweitens, mit einem solchen Gegenstand konfrontiert zu werden. Sofsky erspart dem Leser nichts von den Grausamkeiten. So viel Mühe, wie die Maler sich bei den anatomischen Details gegeben haben, verdient einen näheren Blick. Und dass die Gewalt nun in den Kontext künstlerischer Virtuosität und artistischen Kalküls tritt - vorzüglich herausgearbeitet an Hans Baldung Griens „Herkules und Antäus“ -, macht die Sache nicht leichter, sondern verstörender.

          Der Stil dieses Buches ist hart und von äußerster Präzision. Die Genauigkeit in der Sache, möchte man vermuten, ist die einzige, und zwar unausgesprochene Moralität, die sich der ausdrückliche Text eher versagt. Die Lehre der Geschichten wird nicht als solche affichiert, sondern geht aus der Darstellung, aus dem Ton selbst hervor. Was die literarische Meisterschaft betrifft und das Finden eines Stils, einer ausgekühlten und dennoch bebenden Sprachgewalt, so könnte man Sofskys Buch am ehesten vergleichen mit Jörg Friedrichs Bombenkriegs-Monographie „Der Brand“ - es gab diesen Stil nicht, bevor diese Gehalte analysiert wurden.

          Es soll keinen Ausweg geben

          Sofsky hat Elias Canetti, den Autor von „Masse und Macht“, als eines seiner Vorbilder namhaft gemacht: „Er schafft die Gedankenfreiheit, von der aus man neu beginnen kann. Seine Sätze sind von kristalliner Härte, ohne Ironie und Verachtung, aber auch ohne jenen erbaulichen Humanismus, der noch das Ärgste in das trübe Licht falscher Versöhnung taucht.“ Man kann diese Sätze gut und gerne als Charakteristik von Sofskys eigenem Stil nehmen. Aber noch in einem anderen Sinne ist Sofsky Canetti nahe. Er tendiert dazu, aus den Bildern Schlüsse zu ziehen, die meist in eine und nur eine Richtung gehen. Ist es eine Art negativer Theologie? Er will den legitimierenden, versöhnenden Überbau abtragen, der sich um Gewalt und Tod gebildet hat. Ein wenig zugespitzt gesagt, sind für Sofsky die Lebenden eine Verschwörergruppe, die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Wahrheit des Todes zu verdrängen, sich schönzureden sucht.

          So erläutert er anhand von Otto Dix’ Bild aus dem Ersten Weltkrieg, das erst 1934, viel später also, gemalt wurde, dass vom Heldentum angesichts der Materialschlacht keine Rede mehr sein konnte. Nun ist aber Heldentum nicht an den Moment gebunden, mag er als „sinnvoll“ oder „sinnlos“ erlebt werden; es ist eher eine Sache der Zuschreibung durch ein Kollektiv, das vom Helden die Errettung seines Bestands erhofft. Ähnlich Sofskys Gedankengang bei dem Kreuzigungsbild von Matthias Grünewald. Jede Hoffnung auf die Auferstehung soll angesichts dieser reinen Marter verschwunden sein, und ist es vielleicht wirklich. Aus der tiefen Schwärze dieser Anthropologie soll kein Ausweg bleiben - so kann man Sofskys leitende Idee wohl zusammenfassen, und gerade hier war Canetti sein Meister.

          Für welchen Fachbereich ist er bloß berufen?

          Das Buch beginnt mit der Höhlenmalerei und endet mit den Kriegsfotos der vergangenen zwei Jahrzehnte. Dazwischen herrscht keine Chronologie. Der Stoff ist nach Themengruppen geordnet: „Tiere und Menschen“, „Menschenopfer“, „Qualen und Strafen“, „Freitod“, „Mord und Kampf“, schließlich „Krieg“. Es fällt schwer, aus der hohen Schönheit dieses Buches Einzelnes hervorzuheben. Aber nie sah man die Einsamkeit von Rembrandts Lucretia - der Römerin, die aus der Schande einer Vergewaltigung in den Tod flieht - so wunderbar erläutert wie hier; so, dass das Wort Christi „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“ gleichsam indirekt neuen Sinn bekommt. Und dann muss man die Geschichte von George Dyer nennen, dem Liebhaber des Malers Francis Bacon, der sich umbrachte und dessen Todeskampf Bacon ein Triptychon widmete - mit der etwas unheimlichen Beobachtung, dass der Künstler den Freund Jahre zuvor in ebenjener Pose gemalt hatte, in der man ihn dann auffand.

          Es gibt in diesem Buch viele solcher Geschichten. Sie überlagern sich wie die Schichten des Farbauftrags: die reale oder mythische Geschichte des Sujets, die Geschichte seiner künstlerischen Verarbeitung, die historische und lebensgeschichtliche Situation des Künstlers selbst. Keine von ihnen kann ausgespart werden, keine gibt allein für sich genommen schon eine Deutung. Das ist im System der akademischen Disziplinen kaum unterzubringen. Sofsky ist Privatgelehrter. Wer eine Idee hat, an welchen Fachbereich man ihn berufen könnte, würde sich große Verdienste erwerben.

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