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Wolfgang Schuller: Cicero oder Der letzte Kampf um die Republik : Seine Geschichte muss immer wieder erzählt werden

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Bild: C.H. Beck

Der Kampf um die Freiheit der Rede war aller Mühen wert: Wolfgang Schuller beschäftigt sich mit Cicero. Trotz mancher Verkürzung, überzeugt das Plädoyer für einen Humanismus alter Schule.

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          Lebensweg und Überlieferung weisen Marcus Tullius Cicero unter den Gestalten der ausgehenden römischen Republik eine Zwischenstellung zu. Mit den Heroen der Ausnahmezustände, mit Marius und Sulla, Pompeius, Caesar und Oktavian, konnte er mangels Ressourcen und militärischer Neigung nicht konkurrieren. Aber spätestens das Konsulat und der Sieg über Catilina ließen ihn glauben, auf Dauer in dieser Liga spielen zu können, und die Verkehrsformen der aristokratischen Gesellschaft, in der man mit Bekundungen der Wertschätzung großzügig war, unterstützten diese Illusion. Auch wollte wohl keiner der wirklich Mächtigen leichthin den Bruch mit dem Meister des treffenden Wortes riskieren.

          Andererseits ist Cicero unser einziger Zeuge für den immer aufgeregten und zugleich immer gleichen Normalbetrieb einer Politik im Jahresrhythmus, zwischen, sogar neben den Beschleunigungen und Katastrophen, die den Zug mehrfach entgleisen ließen. Immerhin entwickelte er in den fünfziger Jahren eine Idee von einer modifizierten res publica. Ob das Gros der anderen Senatoren, in eingerasteten Zielen und Vorstellungen befangen, überhaupt so weit zu denken imstande war?

          Ein bisschen mehr Carl Schmitt

          Die zuletzt vorgelegten einführenden, biographisch angelegten Bücher zu Cicero suchten ihren Pfad zwischen Individuum und Allgemeinem, Routine und Revolution zu finden. Auch Wolfgang Schuller sieht sich wie sein Held „einer Unzahl von teils banalen, teils aber auch gravierenden Einzelereignissen des politischen Alltags und der weltgeschichtlichen Aktionen“ gegenübergestellt, einem Gewirr von Aktionen unterschiedlichen Gewichts, mit ständigem Wechsel der Perspektiven, Themen und Koalitionen. Die biographische Aufgabe ist auf gut zweihundert Seiten Text nur mit einer klaren Perspektive und Mut zur Vereinfachung zu bewältigen.

          Schuller ist gelernter Jurist und hat die Tagebücher Carl Schmitts aus den kritischen Jahren ediert. Eine schmittianische Interpretation der Krise der römischen Republik aus seiner Feder hätte man gern gelesen. Weltbild und politische Rhetorik Ciceros, getragen vom Modell eines formierten Staatsvolkes, einig in seinen Ständen, zugleich kriegerisch gegen Angriffe von innen, böten dazu Ansatzpunkte. Warum die Republik nicht einmal aus dem Korsett des Prozess- oder Verhängnisnarrativs befreien und sie dafür durch die Brille des Dezisionismus betrachten? Die vor gut dreißig Jahren geführte Debatte über die Krise der politischen Ordnung zwischen den Gracchen und Philippi hat vielleicht zu wenig Interesse für die Dynamik von Handlungen in jeder einzelnen Konstellation entwickelt; auch das ließe sich im Lichte aktueller Erfahrungen korrigieren.

          Mit Blick auf Sullas Diktatur spricht Schuller einmal von einer „seltsamen Mischung aus äußerster, die Grenzen der Zivilisation weit überschreitender Grausamkeit und konstruktiver politischer Tätigkeit“. Diesen Ansatz hätte man gern weiter ausgeführt gelesen. Doch dem Buch liegt eine andere Bedarfsanalyse zugrunde. Der Konstanzer Gelehrte sucht nicht die Lücke zwischen Gelzer, Meier, Habicht, Fuhrmann, Bringmann, Pina Polo und Narducci, um eine neue Interpretation zu wagen. Er ist vielmehr Humanist alter Schule: Überzeugt vom menschenbildenden Wert seines Gegenstandes, weiß er zugleich, wie leicht dieser verlorengehen, vergessen werden kann.

          Am Ende hat es sich gelohnt

          Deswegen kann und muss die mehr oder minder gleiche Geschichte immer wieder erzählt werden. Dies geschieht hier ziemlich streng chronologisch; allzu komplizierte Hintergründe sind vereinfacht, manchmal ein wenig zu sehr. Cicero selbst kommt ausgiebig zu Wort, nicht selten mit der Stimme des hochgeschätzten Übersetzers und Kommentators Christoph Martin Wieland sprechend. Gelehrte Debatten sind ausgeblendet, ebenso frühere Großdeutungen und der gymnasiale Cicero; gegen Letztere ruft Schuller in einer Anmerkung Carl Schmitt zum Zeugen auf, der sich grimmig jener kritischen Schulmeister erinnerte, die auch auf Cicero als einen Feigling, Opportunisten und bloßen Rhetoriker loshackten und ihn nicht herrisch genug fanden, „der große Theodor Mommsen an der Spitze“.

          Am Ende bleibt „ein Leben voll staunenswerter Stärken und beklagenswerter Schwächen“, ein gutes, ein menschliches Leben. In überraschender Überhöhung beschwört Schuller ein republikanisches Pathos, das weder die Verhältnisse noch die politische Urteilskraft Ciceros idealisieren muss, um gleichwohl zu einem positiven Urteil zu führen: Der Kampf um die Freiheit der Rede und des Urteils war aller Mühen wert und wurde auch durch das Scheitern am Ende nicht dementiert.

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