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Dietrich Bonhoeffer (1906 bis 1945) auf einem undatierten Foto Bild: dpa

Buch über Dietrich Bonhoeffer : Und ganz gewiss an jedem neuen Tag

Kann man sich heute auf seine Autorität berufen? Wolfgang Huber porträtiert Dietrich Bonhoeffer als Theologen von außerordentlicher geistiger Reichweite.

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          Wenn der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber ein Buch über Dietrich Bonhoeffer schreibt, dann ist das mehr als ein Zeitvertreib eines aus dem Amt geschiedenen Bischofs. Huber ist ein unbestrittener Experte der Bonhoeffer-Forschung, Herausgeber der historisch-kritischen Werke Bonhoeffers und war als Sozialethik-Professor in Heidelberg intensiv daran beteiligt, dem im April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichteten Bonhoeffer im Protestantismus überhaupt erst die herausragende Stellung als „evangelischem Heiligen“ zu verschaffen, die er dort in den zurückliegenden Jahrzehnten hatte.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Nun hat Huber ein „Porträt“ Bonhoeffers vorgelegt. Das Buch möchte nicht die mehr als tausend Seiten starke und bis heute fesselnde Biographie ersetzen, die Bonhoeffers enger Weggefährte Eberhard Bethge im Jahr 1967 vorlegte. Huber beleuchtet zwar ebenfalls den Lebensweg Bonhoeffers und ordnet diesen kenntnisreich in seinen historischen Kontext ein. Von Interesse sind aber besonders jene Kapitel, in denen Huber das theologische Denken Bonhoeffers prüft und weiterdenkt. Für ein solches Unterfangen sind dreihundert Seiten knapp bemessen, denn zum Weiterdenken gibt es bei Bonhoeffer etliches: Er war in seinem kurzen Leben ein von rasender Neugier, ungeheurem Fleiß und seinen vielfachen Begabungen angetriebener Grenzgänger – Wissenschaftler, Pfarrer, Dichter, Kirchenpolitiker, Geheimdienstmitarbeiter und Verschwörer gegen das Hitler-Regime.

          Einladungen in Ausland schlug er aus

          Dem intellektuellen Großbürgertum entstammend und im Berliner Villenviertel Grunewald aufgewachsen, hatte der 1906 geborene Bonhoeffer bereits im Alter von einundzwanzig Jahren seine theologische Dissertation „Sanctorum Communio“ vorgelegt, ein exzentrisches und bis heute anregendes Werk darüber, was eigentlich „Kirche“ ist. Huber zeichnet überzeugend nach, wie Bonhoeffer in seiner Theologie die gegensätzlichen Strömungen der liberalen, der barthianischen und der lutherischen Tradition integrierte. Bonhoeffer nahm aber auch, insbesondere während seiner Auslandsaufenthalte, weitere Einflüsse auf – aus dem Katholizismus, dem „social gospel“ in Amerika sowie der ökumenischen und der pazifistischen Bewegung.

          Wolfgang Huber: „Dietrich Bonhoeffer – Auf dem Weg zur Freiheit“
          Wolfgang Huber: „Dietrich Bonhoeffer – Auf dem Weg zur Freiheit“ : Bild: C.H. Beck Verlag

          Bonhoeffer erhielt auch Angebote, die es ihm erlaubt hätten, der wachsenden persönlichen Gefahr in Hitler-Deutschland zu entkommen und es sich fern der Heimat moralisch bequem zu machen. Er schlug sie alle aus. Statt einer Einladung Mahatma Gandhis nach Indien zu folgen, baute Bonhoeffer in Pommern seinen eigenen „Ashram“ auf: das Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde. Der Theologe suchte die Konfrontation mit dem Nationalsozialismus – theologisch, politisch und ganz am Schluss auch durch aktiven Widerstand.

          Über den Tyrannenmord

          Auch aufgrund seiner familiären Beziehungen war Bonhoeffer mit führenden Köpfen des 20. Juli 1944 eng vertraut. Die Frage ist allerdings, wie groß Bonhoeffers Beitrag zur Verschwörung tatsächlich war. Er nutzte zwar seine ökumenischen Kontakte zu Bischof Bell nach Großbritannien, um die alliierte Haltung nach dem geplanten Umsturz zu sondieren. Einen Beitrag zum geplanten Umsturz leistete Bonhoeffer aber nur indirekt.

          Huber schreibt, Bonhoeffers besondere Bedeutung liege vor allem darin, dass er den Tyrannenmord ethisch und theologisch durchdacht habe. Denn die Kenntnis der Umsturzabsichten führte Bonhoeffer dazu, die Frage nach der damit verbundenen Schuld genauer zu stellen. Er gelangt zum Ergebnis, dass man die Vermeidung individueller Schuld nicht zum höchsten ethischen Kriterium erklären darf, sondern darüber eine höhere Verantwortung für das Ganze steht. Huber legt schlüssig dar, wie Bonhoeffer bei seinen Überlegungen auf dem Boden der biblischen Tradition und der Theologie Luthers bleibt.

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