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Buch über Dietrich Bonhoeffer : Und ganz gewiss an jedem neuen Tag

Beim Weiterdenken von Bonhoeffers Ethik für die Gegenwart stößt man jedoch auf ein Problem: Huber beansprucht Bonhoeffer für eine Sozialethik, die sich über die beiden Begriffe „Freiheit“ und „Verantwortung“ definiert. Auf der Strecke bleibt dabei der Eindruck persönlicher, unbedingter Dringlichkeit, der sich bei der Lektüre von Bonhoeffer-Texten einstellt. Das hat mit den besonderen politischen und biographischen Umständen des Autors zu tun, aber auch mit seinem Sprachgenie. Bonhoeffer wusste nicht nur auf der Klaviatur der biblischen Tradition meisterlich zu spielen. Eine kirchenamtliche Gesellschaftstheorie für eine saturierte Zeit muss dagegen zwangsläufig blass wirken.

Bonhoeffers strenge Leitworte

Huber ist sich dieser Schwierigkeit bewusst. Er pirscht sich auch an die interessante Frage heran, welche rhetorischen Strategien Bonhoeffer in seinen Texten verwendet. Unter Berufung auf den Bonhoeffer-Forscher Christian Gremmels spricht Huber von der Sprachfigur der „situativen Verschärfung“, die Bonhoeffers Werk durchzieht. An entscheidenden Stellen taucht bei Bonhoeffer stets das Wort „nur“ auf: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ Oder: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“

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Die Grundfrage, die Bonhoeffer an die Kirche von heute heranträgt, liegt deshalb darin, ob man in der persönlichen Unverbindlichkeit der Gesellschaftstheorie verbleiben kann – nach dem Motto: Man müsste mal über ein Tempolimit nachdenken – oder ob zur Verkündigung nicht doch starke Bonhoeffer-Begriffe wie „Gehorsam“, „Nachfolge“ und „Zucht“ dazugehören. Huber zeigt sich skeptisch. Für eine Theologie der christlichen Freiheit sei „Gehorsam“ eine hochproblematische Kategorie, warnt er. Eine Berufung auf die Autorität Bonhoeffer ist dann aber für das heutige Christentum nur noch eingeschränkt möglich.

Huber schneidet in seinem Buch an, wie Bonhoeffer trotzdem nach dem Krieg immer wieder instrumentalisiert worden ist: In der DDR wurde die Formel „Kirche für andere“ vom Berliner Bischof und Bonhoeffer-Schüler Albrecht Schönherr zur Formel „Kirche im Sozialismus“ umgeschmiedet. Und in Westdeutschland, so schreibt Huber kritisch, wurde die Formel „Kirche für andere“ nicht selten als „Einladung zur Selbstsäkularisierung“ missverstanden. Es wäre aufschlussreich gewesen, mehr zu dieser Wirkungsgeschichte Bonhoeffers zu erfahren, schließlich ist Wolfgang Huber selbst eine Figur dieser Wirkungsgeschichte, in jüngerer Zeit vermutlich sogar die zentrale Figur.

Die Dichtungen der Haftzeit

Trotz dieser Beschränkung gelingt es Huber, Bonhoeffers bruchstückhafte und kurz vor seiner Hinrichtung in der Haft angestellten Überlegungen über eine nicht-religiöse Interpretation des christlichen Glaubens präzise einzuordnen. Unter Berufung auf Bonhoeffers Thesen vom „Ende der Religion“ und einer bevorstehenden „völlig religionslosen Zeit“ wurde nach dem Zweiten Weltkrieg international ziemlich viel Quatsch publiziert. Huber hingegen steckt die Reichweite der Religionskritik Bonhoeffers ab und kommt zu dem Schluss, dass dessen Gedanken gar nicht so weit über die in der damaligen Theologie übliche Forderung nach einer Selbstunterscheidung des „Christentums“ von der „Religion“ hinausgehen, wie ihr dramatischer Sprachgestus suggeriert.

Dass Bonhoeffer kurz vor seinem Tod nicht vom Glauben abfiel, wird auch dadurch belegt, dass er gerade in seiner Haftzeit jene frommen Dichtungen verfasste, mit denen er bis heute am stärksten in Erinnerung geblieben ist. Vor allem gilt dies für das Gedicht „Von guten Mächten“, das in Deutschland später zu dem geistlichen Lied des zwanzigsten Jahrhunderts schlechthin avancierte. Mit diesen Versen endet das Buch Wolfgang Hubers, das man mit Gewinn liest, auch wenn die eine oder andere Frage ein paar Seiten mehr verdient gehabt hätte.

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